Die ständige Pflicht und Umsetzung von „Jeziat Mizrajim“ im täglichen Leben.

Raw Chaim Grünfeld.

Damit wir nicht die so eben erworbene „Jom-Tov-Stimmung” durch den Eintritt in den gewöhnlichen Tagesablauf verlieren, möchte uns die gleich nach Pessach geleinte ‚Parschat Schemini’ an den am Pessach gelernten Grundsatz über die Besonderheit des Klall Jisrael erinnern. „Ein Jehudi muss sich immer, zu jedem Zeitpunkt und in jeder Lage, den Unterschied zwischen ihm und allen anderen Völkern vor Augen führen”. Dies meint nicht etwa – wie manche falsch auslegen – dass wir einfach anders als alle anderen Völker sein sollen, sondern vielmehr dass wir nach Höherem und Inhaltsreicherem streben müssen.Diese Betrachtungsweise, dieses Lebensideal zeugt nicht etwa von Stolz oder Überheblichkeit chalila. Alle Völker und Kulturen der Erde haben einen Zweck, den sie mit ihrer Existenz auf der Welt erfüllen. Sie benötigen jedoch keine  geistige Änderung. Sie erfüllen ihre Aufgabe so wie sie erschaffen wurden, und verlassen die Weltbühne nach Erfüllung ihres Zwecks, bis sie mehr oder weniger nur noch ein geschichtliches Andenken hinterlassen. Der Klall Jisrael hingegen ist der Kern der gesamten Schöpfung und hat daher ewigen Fortbestand, aber auch dies nur unter der Bedingung der Erfüllung seiner Aufgabe – der Hingabe zum Besseren und Höheren.

Dies ist seine von G’tt ihm zugeteilte natürliche Aufgabe. So wie die Regenwolke sich nicht mit ihrem Zweck brüstet, die Welt zu bewässern, und den Wind nicht verachtet, der andere Aufgaben hat, stolziert sich auch der Klall Jisrael nicht mit seiner Aufgabe.

Doch im Gegensatz zur Regenwolke, die keinen ‚Jezer haRa‘ besitzt und somit nichts ausser der Erfüllung ihrer Aufgabe kennt, benötigt der Jehudi jeweils eine Ermunterung und Stärkung, die ihn zur Meisterung seiner Aufgabe motivieren: „Wajigba Libo beDarke Haschem – sein Herz erhöhte sich auf dem Wege zum G‘ttesdienst“ [1]. Er muss sich jeweils die Besonderheit seiner zugeteilten Aufgabe vor Augen führen, sich glücklich preisen mit dem Sechut von „Ata Bechartanu miKol ha’Amim“ – Du hast uns aus allen Völkern auserwählt und daher mit Deinen Geboten geheiligt.

Nicht umsonst sitzt jeder Jehudi am Jom­Tov-Tisch und singt bewegt die Worte: „Ata Bechartanu…“, denn diese Gedanken bewegen einen gerade am Jom Tov, der einer der zahlreichen besonderen Zeiten im jüdischen Jahresablauf darstellt, um uns an die immer wieder notwendige geistige Änderung zum Besseren und Höheren zu erinnern.

Der Auszug aus Mizrajim, die Erwählung der jüdischen  Nation basierte, wie Chasal betonen, auf die Verdienste, dass „sie ihre Namen, Sprache und Kleidung nicht änderten“ [2]. Sie hüteten die ‚Heilige Sprache‘, verwendeten keine nichtjüdische Namen und bewahrten das Znius in der Kleidung. Dieser Wille nach dem Besseren und Höheren, selbst in der „Erwat ha’Aretz“, im sittlich verdorbenen Mizrajim [3], stärkte Hkb“H mit der Zugabe der Mizwot von „Dam Mila und Dam Pessach“. So gelang es den Bne Jisrael, sich noch mehr an diesen „Willen zum  Besseren“ zu klammern.

Diejenigen Jehudim, die dieser Aufforderung nachkamen und damit zum auserwählten Volk gehören wollten, starben nicht während der „Makkat Choschech“, sondern wandelten im „Licht der Wahrheit“ und sahen alles Verborgene. Sie drängten sich ans ewige Licht, sie wollten eine geistige Änderung, also durften sie frei werden: „Ma Nischtana haLajla haSeh miKol haLejlot“, die Pessachnacht brachte ihnen diese Änderung, und wurde daher zu unserem ewigen Symbol, an dessen Erinnerung viele Mizwot geknüpft sind – „Secher liJeziat Mizrajim“. Denn ohne den ständigen Willen und die Bereitschaft sich ändern zu wollen, ist es unmöglich seine Lebensaufgabe zu erreichen!

Wenn  der  Mensch  sich  nicht  ändern möchte, bleibt er mit allen seinen schlechten Eigenschaften und Angewohnheiten bis ans Ende seines Leben stehen und erwirbt sich auch keine Abwehrkräfte gegen schlechte  Beeinflussung durch die Gesellschaft. Da ein Mensch nicht als fertiger Zadik geboren wird, und sein ganzes Leben lang gegen den ‚Jezer haRa‘ zu kämpfen hat, muss er jeden Tag seines Leben bereit sein – und sich mit allen Kräften dafür einsetzen – sich geistig ändern zu wollen. Somit verstehen wir die in den ‚Sefarim haKedoschim‘ erwähnte tiefsinnige Lehre: „Wir erinnern uns beim Dawenen täglich an ‚Jeziat Mizrajim‘, denn jeden Tag gibt es für uns eine neue Pflicht von Jeziat Mizrajim!“

Gleich nach Pessach leinen wir in der Parschat Schemini die Aufzählung und Darlegung aller Halachot der koscheren Tierarten und der verbotenen, die nicht genossen werden dürfen. Im Passuk wird dieses Gebot so begründet (11,45): „Denn Ich bin Haschem, der euch aus Mizrajim hinaufführte, um euch zum G‘tt zu werden; seid daher heilig…..“.

Der Maharal von Prag sZl. zitiert hierzu folgenden Grundsatz: „An allen Stellen, an denen die Tora ‚Jeziat Mizrajim‘ erwähnt, möchte sie damit die Besonderheit des Klall Jisrael und seine Keduscha andeuten. Deshalb darf der Jehudi, anders als alle anderen Völker, keine wilden Tiere, Kriechtiere und Insekten etc. geniessen. Er soll sich nicht durch diese verabscheuungswürdige Geschöpfe geistig verunreinen, sei es wegen ihren grausamen Eigenschaften oder weil sie ganz einfach niedrig sind. Den hohen Menschen, der nach G’ttes Nähe strebt, stört der Genuss von Lebewesen, die so weit entfernt von der hohen Stufe stehen. Aus diesem Grund drückt sich der Passuk mit der ungewöhnlichen Formulierung „ki Ani Haschem haMa’ale etchem – denn Ich bin Haschem der euch aus Mizrajim emporführte“ aus, anstatt wie sonst „haMozi etchem – der euch hinausführte“ zu schreiben [4].

Der „Auszug aus Mizrajim“ kam nur durch den Willen und das Interesse Jisraels an einer geistigen Änderung zustande. Jeziat Mizrajim war deshalb nicht nur ein Auszug, sondern ein „geistiges Emporsteigen“.

Dies ist der eigentliche Sinn sämtlicher Mizwot, wie Chasal uns lehren: „Raza Hkb“H leSakot Et Jisrael“ – G‘tt wollte Jisrael läutern, sie ihrer Aufgabe und ihrem Willen gemäss zur Keduscha emporsteigen lassen, – „Lefichach Hirba Lahem Tora uMizwot“ – deshalb vermehrte Er ihnen die Tora und ihre Gesetze. Mit diesem Satz beenden wir die in den Wochen nach Pessach gelernten ‚Pirke Awot‘. Damit wird der Grund ihres Sagens in dieser Zeit unterstrichen, denn die „Sefirat haOmer-Wochen“ sind eine Zeit der Selbstbetrachtung und der danach erfolgenden Änderung der menschlichen Midot (Eigenschaften). Um zu „Matan Tora“ zu gelangen, müssen wir uns intensiv mit der am Pessach geweckten Grundregel der Bereitschaft zur Änderung auseinandersetzen. Dabei helfen uns die in den ‚Pirke Awot‘ gelernten Sprüche unserer Weisen sl., worin die Selbstbetrachtung unserer Midot und Lebenseinstellung ausführlich behandelt wird, wie diese verbessert werden sollen.

[1] Diwre haJamim Bd2/17,6

[2] Mechilta P. Bo 12,6

[3] Bereschit 42,9 gemäss den Schriften des Arisa”l (Ez Chajim 43,2 und Scha’ar haMizwot P. Re’eh)

[4] Gewurot Haschem Kap.45/S.173