Die Erziehung der Tora: Wer ist ein „freier Mensch“? Und der richtige Umgang mit irdischen Genüssen

Raw Chaim Grünfeld.

Eigentlich hätte die Tora nacheinander von den drei Straftaten berichten sollen, die das Volk begangen hatte, wie der Ramban die Ausführungen von Chasal erklärt. a) Zuerst berichtet der Passuk (10,33) „Wajiss’u meHar Haschem“, dass sie vom Berg Sinai wegeilten, wie Kinder aus der Schule [1].

b) Danach begann das Volk über verschiedene Sachen zu murren (11,1). Bemerkenswert ist hier, dass die sonst exakt berichtende Tora keine genaue Angaben macht, über was gemurrt wurde. Anscheinend gab es gar nichts Spezifisches zu reklamieren, man murrte einfach über Alles und Nichts, und bekundete seine Unzufriedenheit!

c) Und drei Tage nach dem Wegzug von Sinai [2] gelüstete es sie nach Fleisch (11,4).

Um nicht von sovielen Strafen auf einmal zu berichten, schob die Tora zwischen der ersten und der zweiten Straftat die Parscha von „Wajehi Bin’sso‘ah ha’Aron“ hinein, markierte jedoch diese „falsche“ Plazierung mit einem umgedrehten Buchstaben „Nun“ vor und nach dieser Parscha.

Dieser Unterbruch hätte jedoch auch während der zweiten und dritten Straftat gemacht werden können. Weshalb wird der Unterbruch zwischen der ersten und zweiten Straftat bevorzugt?

Wie der Chatam Sofer sZl. bereits bemerkt, handelt es sich bei diesen Ereignissen eindeutig um eine Kettenreaktion: Wäre das Volk nicht vom Berg Sinai – vom Ort des Empfangens des „Ol haTora“ weggelaufen – so hätte die Lust nach irdischen Dinge sie nicht überfallen können. Er zitiert dazu die Mischna in den Pirke Awot (3,5): „Kol haMekabel alaw Ol Tora, ma’awirin mimenu Ol Derech Erez – wer das Joch der Tora auf sich nimmt, wird vom Joch des Derech Erez, der Lust nach irdischem Vergnügen befreit“.

Diese Regel ist eine ganz offensichtliche Tatsache, die jeder Jehudi an sich selbst erkennen kann – er muss es nur wollen. Wer seinen Kopf, sein ganzes Streben und Leben, in den ‚Limud haTora‘ und in der Ausübung der 613 Mizwot vertieft, dessen Herz ist rein vor jeglichen Gelüste und unredlichen Gedanken.

Je mehr das eine Joch nachlässt, desto stärker kehrt das andere zurück – „se le’umat se“ – wie eine Waage. Der toratreue Jehudi hat daher keine Probleme mit den vielen Verboten und Gesetzen der Tora, die ihn in jeder Hinsicht beschränken und kein sogenanntes „freies Leben“ erlauben. Es verhät sich nämlich genau umgekehrt: „Wer ist der echte Ben-Chorin (freie Mann)“, fragen Chasal, „wer gemäss den Gesetzen der Tora lebt!“ [3]

Der „freie“ Mensch hingegen ist dem „Derech Erez“, dem unermüdlichem und unbegreztem Joch seines bösen Triebs verfallen, der ihm nie in Ruhe lässt. Tag und Nacht dürstet es ihm jeweils nach weiteren Reizen und Vergnügungen. „Jesch lo Mana, roze Matajim – besitzt er 100, so möchte er 200 besitzen!“ [4] Hat er die eine Lust befriedigt, so hungert es ihm sogleich nach der nächsten, denn die erste befriedigt ihn nicht mehr.

Wer ein klassisches Beispiel dafür benötigt, der betrachte doch unsere Umwelt: Während wir trotz all unseren täglichen Prüfungen mit unserer ‚Eschet Chajil‘ glücklich und zufrieden bis an das Lebensende verweilen und erst noch mit G’ttes Gnaden eine feine und gute Familie gründen können, wechseln die „Freilebenden“ ihre Ehepartner noch schneller als ihre Hemden und werden dennoch nicht glücklich. Vom Aufbau einer guten Familie und dem Erleben von „echtem Naches“ kann nur geträumt werden!

Und wie steht es mit den Kaschrutgesetzen? Ist der „freie Mensch“ – der „Alles-Essende“ – etwa gesünder und glücklicher als der an allerlei Vorschreibungen gebundene Jehudi?

Vor dem Ausüben einer Mizwa sprechen wir in der Beracha: „Ascher Kideschanu beMizwotaw – G’tt heiligte uns mit seinen Gesetzen“. Denn die Aufgabe der 613 Mizwot ist es, die 248 Glieder und 365 Sehnen/Muskeln des menschlichen Körpers zu heiligen und G’tt näher zu bringen. Was dem „Freilebenden“ als veraltete Schikanen vorkommt, erlebt der fromme Jehudi als Heiligkeit und geistreichen Lebensinhalt!

Nicht umsonst investierten Zadikim und ‚Ansche Ma’asse‘ (Männer der Tat) so viel Kraft und Andacht, scheuten keine Mühe und Geld bei der Ausführung der Mizwot haTora. Beginnend mit dem richtigen Erlernen der Halachot und und Vestehen ihrer Bedeutung, der eigenen Zugabe von „Hiddur Mizwa“, dem Verschönern der Mizwa, und nach vielen Vorbereitungen schliesslich die andächtige und freudige Ausführung des g’ttlichen Gebots. Diese Seligkeit, die innerliche Ruhe und himmlische Zufriedenheit, die der Jehudi nach einer so ausgeführten Mizwa verspürt, in der er soviel investiert hat, wie etwa die majetätische Erhabenheit an den ‚Jamim Noraim‘ in Schul, den ‚Ta’anug Ruchani‘ (geistiges Vergnügen) am Schabbat- und Jom Tovtisch oder die unbeschreiblichen heiligen Gefühle am Sederabend. Welch irdisches Vergnügen vermag dies zu überwiegen?

Wie treffend drückte dies doch der bekannte Rabbi Levi Jizchak von Barditschew sZl. aus, als in seinen Ohren der unermessliche Reichtum des Grafen Potozky gepriessen wurde. „Sagt mir doch, zündet Potozky etwa auch Chanukka-Lichter? Welchen Wert besitzen alle seine Wälder und Schlösser, wenn er nicht einmal den Ta’anug einer einzigen Mizwa verspürt!“

Dieses Verspüren des „Ascher Kideschanu beMizwotaw“, die Wahrnehmung, wie die Ausführung der Mizwa uns heiligt und emporhebt, besitzt daher einen wichtigen und doppelten Effekt, denn sie ist auch ein Anstoss zum weiteren G’ttesdienst. Chasal nennen dies „Mizwa goreret Mizwa – eine Mizwa verursacht eine zweite Mizwa“ [5]. Genauso wie „Awera goreret Awera“, die eine irdische Lust eine zweite nach sich zieht, weil der Mensch weiterhin unbefriedigt und hungrig geblieben ist, erhebt ihn die eine verübte Mizwa zur Heiligkeit empor und lässt in ihm den Reiz und die Lust nach dem Erreichen von weiteren geistigen Glückseligkeiten und himmlischer Nähe erwachen.

Wer jedoch vom Berg Sinai flüchtet, die Mizwot haTora als unnötige Gesetze und belästigende Einschränkungen betrachtet, der verfällt dem Joch des ‚Jezer haRa‘ – er wird ein „Knecht der freien Welt“. Da er keine g’ttliche Nähe verspürt, nirgends die Welt führende ‚Haschgacha Klalit und Pratit‘ erkennt, hat er immer zu murren und etwas auszusetzen. Jedes und Jeder wird von ihm bemängelt. Auf solche Weise kann er nie Zufriedenheit und Befriedigung erreichen, weil seine Gelüste und Reize ihn nie in Ruhe lassen.

Deshalb hat die Tora die zweite und die dritte Straftat des Volkes ohne Unterbruch der Parschijot aufeinander folgen lassen, denn die nie aufhörende, betörende irdische Lust ist ein unumgängliches Ergebnis der inneren Unzufriedenheit des Menschen. Der Zufriedene und alle Besitzende muss dagegen muss dagegen sein Vergnügen nicht irgenwo anderst suchen, um seine Lust fristen zu können. Denn nicht wer vermögend ist, ist der wahre Reiche, wie Chasal lehren: „Esehu Aschir – wer ist Reich? haSomeach beChelko – wer zufrieden ist mit dem was er besitzt“ [6].

„Weha‘safsuf ascher Bekirbo His’awu Ta’awa“ (11,4), der ‚Erew Raw‘ in seiner Mitte, das Durcheinander und die Vermischung (Irwuw) des Bösen und Guten, das in seinem Herzen herrscht, lässt ihn immer nach weiteren Vergnügungen gelüsten. „Wajaschuwu wajiwku gam Bne Jisrael, wajomer, Mi jachilenu Bassar“, er weint und bettelt immerfort nach mehr Fleisch und irdischen Ta’awot, und hat nie genug. Obwohl er genau weiss, dass ihm diese Gelüste am Ende, wie den Alkoholiker und den Rauschgiftsüchtigen umbringen, weint er regelrecht um den Erhalt einer weiteren Portion. Dabei macht es überhaupt keinen Unterschied, um welches der irdischen Gelüste es sich handelt.

Plötzlich hörte Mosche Rabenu, dass das nach Fleisch hungernde Volk sogar um ihre verbotenen ehelichen Beziehungen zu Verwandten weinte (11,10). Obwohl ihnen der „Issur Arajot“ schon lange davor gegeben wurde, weinten die nach „irdischen Vergnügen Süchtigen“ jetzt eben auch wegen aller ihnen vorenthaltenen Ta’awot!

Für diejenigen Personen, die noch immer, selbst nach ‚Jeziat Mizrajim‘ und ‚Matan Tora‘ auf einem so tiefen geistigen Niveau standen und wirklich regelrecht nur nach „Gaschmijut“ lechzten, gab es am Ende keinen anderen Ausweg. Ihre Sucht besiegelte ihr Dasein auf Erden. Obwohl sie die Gefahr der fliegenden Wachteln kannten, konnten sie ihre Lust nicht beherrschen und starben lieber mit vollem Mund (11,33), als ihren Magen mit dem „himmlischen Mon“, dem heiligen Gefühl der Befriedigung und Erhabenheit über den Sieg über die unerfüllte verbotenen Lust, zu stillen.

Dieses traurige Ereignis mit dem Vogelfleisch ist wirklich ein lehrreiches Beispiel für unsere täglichen Prüfungen im Alltag dieser verführerischen, irdischen Welt! „Wer hungert, der überlebt – wer sich an ihr voll isst, der stirbt!“

Quellennachweis:

[1] Siehe Tosfot Schabbat 116a
[2] Raschi Schabbat ibid.
[3] Awot DeRabbi Natan 2,3
[4] Siehe Midrasch Kohelet Rabba 1,13 und 3,10
[5] Awot 4,2
[6] ibid. 4,1