Mizrisches Vieh als Korban?

Raw Chaim Grünfeld

Nach der „Makkat Choschech“, nach der ‘Plage der Finsternis‘, erklärte sich Par‘oh endlich bereit, alle Bne Jisrael aus Mizrajim gehen zu lassen. Männer, Frauen und Kinder. Das Vieh hingegen wollte er nicht mitnehmen lassen (Schmot 10,24). Gemäss Raw S.R. Hirsch sZl. war es als Sicherheit (Unterpfand) für ihre Rückkehr gedacht. Mosche Rabenu entgegnete ihm jedoch: „Auch du wirst uns Schlachtopfer und Ganzopfer geben, damit wir sie Haschem, unserem G‘tt darbringen!“ (10,25)Was meinte Mosche damit? Beabsichtigte er etwa Tiere von Par‘oh anzunehmen, um sie als „Korban“ zu Hkb“H darzubringen? Es heisst doch (Mischle 21,27): „Sewach Rescha’im toewa – Die Opfer der Bösen sind ein Greuel!“ Ausserdem verehrten die Mizrim ihr Vieh als Götze; es war daher „passul“ (untauglich) als Korban.Ferner finden wir nirgends, dass Mosches Worte in Erfüllung gingen – wann erhielt er von Par‘oh Tiere für Korbanot? Und schliesslich mussten Mosches Worte dem Par‘oh unlogisch erscheinen, denn die Bne Jisrael hatten mit ihren grossen Herden genügend Vieh zum Opfern!

Der Ramban erklärt, dass Mosche Rabenu tatsächlich gar nicht die Absicht hatte, Tiere von Par‘oh anzunehmen. Er wollte damit lediglich über die Wichtigkeit des Viehs hinweisen, die sie unbedingt benötigen, um Korbanot darbringen zu können. Mosche betonte, dass sie alles Vieh mitnehmen müssen, und vielleicht werde auch Par‘oh seinen Teil beitragen müssen. Dies war jedoch nur ‘ironisch‘ gemeint.

Einige Meforschim (Kommentatore) weisen bereits auf die Schwierigkeiten dieser Erklärung hin. Sie steht nämlich im Gegensatz zur Meinung von Chasal, die eben aus diesem Passuk den Beweis ableiten, dass es erlaubt ist Korbanot von einem Nochri anzunehmen [1]. Auch im Midrasch wird Folgendes zitiert: „Mosche sagte zu Par‘oh: „Meine nicht, wir werden nur unser Vieh darbringen, auch dein Vieh werden wir für Hkb“H in deinem Namen darbringen“ [2].

Der ‘Sfat Emet‘ sZl. erklärt, dass Mosche sich nicht auf das Vieh der Mizrim bezog, sondern auf das den Bne Jisrael gehörende Vieh, das Par‘oh und die Mizrim beschlagnahmt hatten. Nach Beendung der „Makkat Dewer“ (Plage der Pest) liess Par’oh kontrollieren, ob auch das Vieh der Bne Jisrael zu Schaden gekommen war, was nicht der Fall gewesen war. Dennoch weigerte er sich, die Bne Jisrael gehen zu lassen. Dies ist äusserst erstaunlich! Hatte Par‘oh etwa nicht das Ausmass dieser nationalen Katastrophe erkannt? Tausende Tiere waren verendet, die Landwirtschaft des Landes, die auf das Vieh angewiesen war, hatte einen schweren Schlag erlitten und der Herrscher des Landes gibt sich ganz gelassen?!

Und was noch mehr erstaunt: Selbst seine Ratgeber und Weisen hatten keine Einwände – erst nach ‘der Plage der Finsternis‘ gaben sie ihre Befürchtungen kund (Schmot 10,7).

„Die Antwort ist einfach“, sagt der ‘Sfat Emet‘, „die Mizrim beschlagnahmten einfach das Vieh der Bne Jisrael!“ – Ein wahrlich genialer Streich, der besonders im europäischen Mittelalter üblich war. Wenn die Staatskasse leer war, wurden sie einfach wieder mit jüdischem Geld gefüllt…

Also sprach Mosche zu Par‘oh: „Auch du wirst uns unser Vieh zurückgeben müssen, welches du uns weggenommen hast. Ihr habt uns nämlich kaum genügend Tiere zur Opferung zurückgelassen!“ [3]

Mosche musste nicht befürchten, dass die Tiere bereits zum Götzendienst verwendet oder bestimmt worden sind, denn ein Mensch kann nicht das Vermögen eines anderen verbieten – „en Adam osser Dawar sche’eno schell“ [4]. Wenn daher beim Auszug aus Mizrajim die Rede davon ist, dass die Bne Jisrael ihr Vieh mitnahmen, bezieht sich dies auf die von den Mizrim zuvor beschlagnahmten Tiere. Somit gingen Mosches Worte zu Par‘oh „auch du wirst uns Opfer geben“ wörtlich in Erfüllung!

Demgemäss verstehen wir auch, weshalb Par‘oh unbedingt das Vieh in Mizrajim zurückhalten wollte, als er den Bne Jisrael gestattete für einige Tage aus Mizrajim zu gehen, denn er brauchte die Tiere dringend für die Landwirtschaft.

Schwer bleibt noch das erwähnte Zitat aus dem Midrasch, wonach Mosche dem Par‘oh sagte: „Auch dein Vieh werden wir für Haschem auf deinen Namen darbringen“. Aus diesen Worten geht eigentlich klar hervor, dass Jisrael Korbanot von Par‘ohs eigenem Vieh für ihn darbrachten.

Vielleicht lässt sich diese Frage so beantworten: Aus den Psukim ist ersichtlich, dass bei der Pestplage nicht alle Tiere der Mizrim starben. Wer nämlich die Warnung von Mosche ernst nahm, der liess seine Tiere nicht auf dem Feld und diese waren somit nicht der Pest ausgesetzt. Als nun die Mizrim das Vieh der Bne Jisrael wegnahmen und in ihre eigene Ställe brachten, vermischte sich das Vieh der Mizrim mit den Tieren der Bne Jisrael. Beim Auszug aus Mizrajim erhielten sie dann ihr Vieh zurück. Jeder Jehudi kannte sicher die genaue Anzahl seiner Tiere und nahm genauso viele zurück. Da es jedoch kaum möglich war, dass jeder wieder seine eigenen Tiere fand, befanden sich darunter wohl auch einige Tiere, die irrtümlicherweise vertauscht worden waren. So besassen die Bne Jisrael möglicherweise einige Tiere der Mizrim, die zum Götzendienst bestimmt worden waren und die nicht als Korban dargebracht werden durften. Die Halacha besagt, dass wenn sich ein verbotenes Tier – wie z.B. ein Stier, der Menschen getötet hatte und gesteinigt werden muss – mit anderen Tiere vermischt, sogar in einer Herde aus 1000 anderen Stieren, so sind alle Stiere verboten und man darf keinen Nutzen von ihnen haben. Denn ein Lebewesen wird nicht „batel beRov“ (in der grösseren Menge aufgelöst). Wie konnten dann die Bne Jisrael überhaupt Korbanot von diesen Tieren darbringen?

Deshalb sagte Mosche zu Par‘oh, dass sie seine Tiere, die sie nicht näher bezeichnen und identifizieren können, einfach in seinem Namen darbringen werden, d.h. bei der Schlachtung jedes Korban, sprach man einen „Tnai“ (Bedingung) aus: „Gehört dieses Tier tatsächlich diesem Jehudi, so sei es sein Korban; gehört es aber einem Nochri, so sei es für seinen Namen dargebracht“ [5].

[1] Awoda Sara 24a

[2] Schmot Rabba 14,4

[3] Gemäss Sfat Emet Likutim P. Waera (Wajischlach Par‘oh), vergleich mit Sefer Toldot Jizchak (Karo)

[4] Pessachim 90a

[5] Hierzu muss bemerkt werden, dass nach allen Ansichten ein ‘Ganzopfer‘ (Olah) von einem Nochri angenommen wird, hinsichtlich einem ‘Schlamim‘ (Schlachtopfer) hingegen, sind die Meinungen der Tana’im geteilt (s. Menachot 73b). Im Rambam allerdings (Hilchot Ma’asseh haKorbanot 3,2) wird wie die erste Meinung entschieden.

Wörtererklärung:

Bne Jisrael = Söhne Jisraels (Nachkommen Jakobs)

Chasal = Abk. für Cha-chamenu s-ichrono l-iwaracha, „unsere Weisen selig sei ihr Andenken“, womit die Geistesgrössen der Zeit der Mischna und des Talmuds gemeint sind (ca. 3450-4260 / 300v.-500n.)

Haschem = G’tt (der Name von G’tt)

Hkb“H = Abk. für Hak-adosch B-aruch H-u (Gepriesen sei der Heilige) – G‘tt

Korban = Opfer

Mizrajim/Mizrim = Ägypten/Ägypter

Nochri = Nichtjude

Sfat Emet = (Wahre Lippen) Kommentar zur Tora der chssidischen Literatur, des Rabbi Jehuda Arje Lejb Alter, der zweite Rebbe von Gur (Gora Kalwaria), Jahrzeit 5. Schwat 5665 (1905)

Passuk/Psukim = Vers/e der schriftlichen Torah