Nur wer Erlösung sucht, kann erlöst werden

Raw Chaim Grünfeld

(Der זכות des  Lernen von dem Artikel geht

leRefuah Shlema von מנחם בן אילה דליה)

Chasal berichten, dass bis zum Auszug der Bne Jisrael aus Mizrajim noch nie einem Sklaven die Flucht aus diesem Land gelungen sei [1] (ausser den Bne Efrajim). Auf einfache Weise wird mit den starken Festungsmauern und der intensiven Bewachung erklärt.Im Sohar haKadosch hingegen steht, dass die Mizrim ihren Gefangenen durch Zauberei festhielten [2]. Der Rebbe von Izhbitza sZl., deutet diese Ausbruchsicherheit aber auf eine rein psychologische Weise: Die Mizrim konnten bei ihren Sklaven den Eindruck erwecken, dass sie ein angenehmes Leben haben und dass ihre Arbeit und ihre Lebensumstände die besten waren, die es auf der Welt gibt. Diese Propaganda war so stark, dass überhaupt niemand aus seiner Gefangenschaft flüchten wollte!

In diesem Sinne verstehen wir die in der Sefarim haKedoschim häufig zitterte Aussage, wonach sich die Bne Jisrael in Mizrajim in einem „Galut haDa’at“ befanden. Der menschliche Verstand befand sich im Exil, er reagierte infolge der ägyptischen Gehirnwäsche nur noch wie ein vorprogrammierter Roboter, der jeden Befehl ausführt, ohne von Gefühlen oder geistigen Bedürfnissen beeinflusst zu sein.

Im Midrasch vergleichen Chasal den damaligen Zustand des jüdischen Volkes zu einem ungeborenen Kalb, dass sie noch im Mutterleib der Kuh befindet. Sie erklären damit den folgenden Passuk (Dewarim 4,34): „Hat schon ein Gott versucht zu kommen, und sich ein Volk aus der Mitte eines anderen Volkes zu nehmen?!“ [3] Wie das im Mutterleib eingeschlossene und unbewegliche Embyro, war Jisrael im ‘Galut Mizrajim‘ völlig eingeschlossen. Nicht einmal sein Verstand konnte selbstständig denken und sich Gedanken über den Sinn seines Daseins machen.

Der erste Rebbe von Gur sZl., erklärt auf diesem Weg den Passuk (6,6): „weHozeti etchem mi‘tachat Siwlot Mizrajim – Ich werde euch unter den Lasten der Mizrim hinausführen“. Das schlimmste Übel am Galut ist die Unbekümmertheit, von der die Jehudim betroffen waren. Diese führte dazu, dass ihnen alles ganz egal war. Jeder hatte sich schon so an das Galut gewöhnt, dass ihn nichts mehr daran störte! Daher sagte G’tt: „Ich werde euch aus den „Siwlot Mizrajim“ hinausführen, aus eurer Angewohnheit, die Mizrim zu tolerieren [er deutet das Wort „Siwlot“ als „Sawal“- ertragen].

Aus diesem Grund verstärkte Haschem die Versklavung der Jehudim zuletzt um ein Vielfaches, als ihnen die Mizrim kein Stroh mehr für die Ziegelherstellung gaben. Sie mussten nun selber Stroh sammeln und durften dennoch nicht das bisherige Quantum der Ziegelherstellung vermindern. Mosche Rabenu beklagte sich darüber bei Hkb“H, weil er dies nicht verstand: Er war doch zu Par‘oh geschickt worden, um der Sklaverei ein Ende zu setzen, und erreichte dabei genau das Gegenteil – sie wurde viel schlimmer!

Deshalb erklärte ihm Haschem, dass die Erlösung nicht stattfinden könne, wenn niemand sie wünscht. Solange die Bne Jisrael sich noch immer im Phantasiegebilde der Mizrim bewegen und nicht die leiseste Ahnung von etwas Besserem hatten, konnten sie sich nichts anderes wünschen. Dann können sie auch keine Änderung in ihrem Leben bewirken, weder physisch noch geistig.

Das Ziel der „Zehn Makot“ war daher, die Bne Jisrael aus ihrem Schlaf wachzurütteln, in ihnen das Bedürfnis nach einem anderem, besseren und höheren Leben zu vermitteln, damit sie die Wand ihres eigenen Gefängnisses durchbrechen konnten. Deshalb war die erste der „vier Ausdrücke der Erlösung“, worüber wir als Dank in der Seder-Nacht am Pessach vier Becher Wein trinken „weHozeti“, das Hinausführen von den „Siwlot Mizrajim“, der erste Durchbruch der geistigen Gefängnissmauern. Die physische Freiheit erreichte man erst beim Auszug aus Ägypten, als die vierte Stufe der Erlösung erreicht wurde. Der wichtigste Prozess war jedoch die erste Stufe der Ge’ula, weil ohne dieses Abschütteln der geistigen Fesseln, sie nie ihren niedrigen Zustand begriffen hätten und somit auch nie die Freiheit erlangen wollten.

Aus diesem Grund beginnen auch die ‘Asseret haDibrot‘, die „Zehn Gebote“, mit denen sich G’tt dem jüdischen Volk in direkter Weise offenbarte, mit den einleitenden Worten (Schmot 20,1): „Anochi Haschem Elokecha ascher hozeticha me’Erez Mizrajim – Ich bin G’tt, der dich aus Ägypten hinausgeführt hat“. Er sagt nicht: „Ich bin G’tt, der dich erschaffen hat“, was eigentlich – wie der Ibn Esra fragt – eine viel grössere Leistung ist. Weil weder sie noch ihre Geburt hatten ihren Kontakt zu Haschem hergestellt, sondern G’tt selber hat sie in Mizrajim wachgerüttelt und sie aus ihrer geistigen Finternis ins Licht der Wahrheit gezerrt. Deshalb betonen wir bei zahlreichen Gebete immer wieder „Jeziat Mizrajim“, da dies unser geistiges Fundament darstellt, als wir uns von unseren „Siwlot Mizrajim“ befreien konnten und Hkb“H erkannten!

Auch in der heutigen Zeit, der Generation vor dem Kommen des Moschiach („Ikwessa deMeschicha“), liegt es an uns, sich selber aus unserem Traumgebilde zu lösen und uns nicht an die Umstände des Galut zu gewöhnen. „kiJeme zetcha me’Erez Mizraim ar‘enu Niflaot – So wie in den Tagen als du aus Mizrajim gezogen bist, werden Ich dir (beim Kommen des Moschiach) Wunder zeigen“ sagt der Nawi Micha (7,15). Auch unsere heutige Erlösung kann nicht stattfinden, wenn niemand an ihr interessiert ist und kein Bedürfnis nach einer solchen empfunden wird!

[1] Mechilta und Raschi Schmot 18,9

[2] Bd2/S.25a und 37b. Siehe auch Ibn Esra Schmot 14,2

[3] Midrasch Tehilim 114

 

Wörtererklärung:

Bne Jisrael = Söhne Jisraels (Nachkommen Jakobs)

Chasal = Abk. für Cha-chamenu s-ichrono l-iwaracha, „unsere Weisen selig sei ihr Andenken“, womit die Geistesgrössen der Zeit der Mischna und des Talmuds gemeint sind (ca. 3450-4260 / 300v.-500n.)

Galut haDa’at = Exil des Verstands

Galut Mizrajim = Exil des jüdischen Volkes in Ägypten

Ge’ula = Freiheit

Haschem = G’tt (der Name von G’tt)

Hkb“H = Abk. für Hak-adosch B-aruch H-u (Gepriesen sei der Heilige) – G‘tt

Jeziat Mizrajim = Auszug aus Ägypten

Klall Jisrael = das gesamte Jüdische Volk

Mizrajim/Mizrim = Ägypten/Ägypter

Nawi = Prophet

Rebbe von Izhbitza = Rabbi Mordechai Josef Leiner sZl., Verfasser des ‚‘Mej haSchiloach‘, verstorben 5614 (1854)

Rebbe von Gur = Rabbi Jizchak Meier Rothenberg Alter von Gora Kalwaria (Ger), Verfasser des ‘Chidusche haRim‘, verstorben 5626 (1866)

Sohar haKadosch = (‘heiliger Glanz‘) Kabbalistischer Kommentar zu Tora die dem Tanna’iten Rabbi Schimon bar Joachi und seinen Schülern offenbart wurde

Sefarim haKedoschim = heiligen Büchern, womit hauptsächlich die Schriften früherer Kabbalisten und Autoren der chassidischen Literatur gemeint sind

Passuk = Vers der schriftlichen Torah