Das Fehlen von Bitachon kann zu Götzendienst führen

Raw Chaim Grünfeld

Jeder stellt hier die schwere Frage über das unbegreifliche Geschehen des „Egel haSahaw“. Erst vor fünf Wochen zuvor hatten die Bne Jisrael die Worte „Na’asse weNischma“ mit grosser Hingabe und Demut gerufen; tiefsinnige Worte, die selbst Hkb“H in Staunen versetzten, da sie ein Geheimnis der Malachit waren [1]. Wie konnte es dann jetzt zu einer solchen Sünde kommen?Bereits die ‚Rischonim‘ bemerken, dass der Klall Jisrael nicht im mindesten die Absicht hatte chalila Götzen zu dienen, sondern sich nur einen Führer und ‚Maschpia‘ (geistigen Beeinflusser) schaffen wollte, da Mosche Rabenu verschollen war. Der „Erew Raw“ (die Mizrim, die sich ihnen beim Auszug aus Mizrajim angeschlossen hatten) hingegen, konnte sich seine gewohnte ‚Awoda Sara‘ nicht abgewöhnen und verleiteten das Volk zu dieser Sünde [2]. Dennoch bleibt die Tat ein Rätsel.

Raw Jakov Kaminetzky sZl. weist auf den Ausspruch von Chasal hin, wonach – „Dikduke Anijut ma’awirin et ha’Adam al Da’ato we’al Da’at Kono“ – grosse Armut den Verstand des Menschen derart verwirren kann, dass er chalila vom jüdischen Weg abkommt [3].

Stellen wir uns einmal den Klall Jisrael vor, wie er in der Wüste dastand: Ein riesiges Volk von ca. 3 Millionen Männer, Frauen und Kleinkindern, ohne jegliche Nahrungsmittel. Sie besassen keine Vorräte und befanden sich weit weg von der nächsten Stadt und Zivilisation. Täglich wurden sie direkt durch die Hand von G’tt mit dem herunterfallenden „Man“ ernährt, im Sechut (Verdienst) von Mosche Raben [4]. Das Man liess sich nicht aufbewahren und musste am gleichen Tag aufgegessen werden an dem es herunterkam [5]. Plötzlich aber wurde ihnen ihr Führer weggenommen. Der „Satan“ zeigte ihnen ein Trugbild, in dem sie Mosche Rabenu tot auf einer Bahre liegen sahen [6]. „Was geschieht jetzt, da Mosche Rabenu gestorben war? Wer ernährt uns am kommenden Morgen? Wer kann in solch kurzer Zeit genügend Nahrung für eine solche Menge Menschen beschaffen?“

Solche und ähnliche Frage dürften diese Millionen von Menschen beschäftigt haben. Eine solche erregte und besorgte Menschenmasse konnte man nicht einfach abwehren und beschwichtigten wie dies „Chur“, der Neffe von Mosche und Aharon, tun wollte [7]. Der Vorschlag, bis zum anderen Morgen zu warten, weil dann Mosche Rabenu zurückkommen werde, konnte selbst ein Aharon haKohen nicht vorbringen. Er wusste, dass niemand auf ihn hören würde. Die Bne Jisrael glaubten, dass es sich hier um eine nationale Katastrophe handelt, das Überleben des gesamten Volkes war in Gefahr. Wie konnte man in einer solchen Situation bis zum nächsten Morgen warten und tatenlos zusehen, wie alle erbärmlich verhungerten!

Die Sünde des „Egel haSahaw“ basierte demnach auf einem Mangel an „Bitachon“, dem festen Vertrauen in G’tt, dass Er sie auch ohne Mosche Rabenu ernähren konnte und sich immer um sie kümmern würde. So wird der Passuk in Jecheskel (20,13) verständlich. Hkb“H beklagte sich später darüber und sagte: „Die Bne Jisrael waren widerspenstig gegen Mich in der Wüste…, sie entweihten den Schabbat so sehr, dass Ich meinen Zorn auf sie ausgiessen wollte, um sie zu vernichten….

Die ‚Meforschim‘ (Kommentatoren) zur Stelle erklären, dass sich dies auf den ersten Schabbat in der Wüste bezieht, als sie das Man am Schabbat einsammeln wollten [8]. Doch beim Bericht über jene Ereignisse finden wir in der Tora keinen Hinweis, dass Hkb“H sie deswegen vernichten wollte. Diese Absicht von Haschem wird im Passuk nur bei der Sünde des Egels und bei der Geschichte mit den „Meraglim“ erwähnt.

Raw Kaminetzky erklärt daher, dass mit „der Entweihung des Schabbats“ das Fehlen des „Bitachon“ (G‘ttvertrauen) bei den Ereignissen des Egels gemeint ist. Denn jeder Schabbat ist eine Prüfung des Bitachon eines Jehudi, der sein Geschäft schliessen muss und sich darauf verlässt, dennoch keinen Schaden und Geldverlust zu erleiden. Er glaubt daran, dass Hkb“H ihn und seine Familie auch ohne die Arbeit am Schabbat ernähren wird.

Damit beantwortet er eine weitere Frage, welche die ‚Meforschim‘ über die Reaktion von Mosche Rabenu stellen. Die Tora berichtet (32,7-8) dass Hkb“H Mosche bereits auf dem Berg Sinai vom schweren Vergehen seines Volkes erzählte. Mosche Rabenu verteidigte darauf den Klall Jisrael und suchte nach verschiedenen Entschuldigungen, wie Chasal erzählen [9]. Dennoch zürnte Mosche dem Volk, als er schliesslich vom Berg Sinai herunterkam, und zerschmetterte die „Luchot haBrit“ am Fusse des Berges. Was hatte er denn jetzt gesehen, das er nicht schon von Hkb“H gehört hatte? Auch seine Diskussion mit ‚Jehoschua bin Nun‘ bei ihrer Rückkehr ins Lager ist unverständlich: Als Jehoschua lauten Lärm aus dem Lager vernimmt, deutet er es als ‚den Lärm eines Kampfes‘. Doch Mosche antwortet ihm, es sei ‚weder Siegesgeschrei, noch Klagelaute einer Niederlage‘, was so tönt als ob er nicht genau gewusst hatte, was mit dem Volk geschehen war. Obwohl er es eben von Haschem auf dem Berg Sinai gehört hatte?!

Gemäss den bisherigen Erklärungen muss die Antwort folgende sein: Mosche Rabenu konnte die Gedanken und Gefühle des Klall Jisrael als richtiger Führer sehr wohl verstehen und mitfühlen. Er konnte begreifen, dass ihnen vor lauter Sorge über ihre zukünftige Ernährung ein solcher Fehler geschehen war und versuchte daher, sie Hkb“H gegenüber zu verteidigen. Aber als er vom Berg Sinai herunter kam, sah er ein völlig anderes Bild (32,19): „Er sah das Kalb und die Reigentänze, da entbrannte der Zorn von Mosche, und er warf aus seiner Hand die Tafeln und zerbrach sie unten am Berg“.

Erst als Mosche die „Mecholot“ sah, den Tanz und Gesang eines fröhlichen und jubelnden Volkes, entbrannte sein Zorn. Er meinte, ein vor Sorge und Kummer geplagtes, verängstigtes Volk anzutreffen, das sich in ihrer Not und völliger Verzweiflung, unter Skepsis und Misstrauen, einen neuen Führer gesucht hatte, in der Hoffnung, durch dessen Einfluss von Hkb“H ernährt zu werden. Stattdessen fand er sie froh und sorglos vor. Damit war all den Entschuldigungen Mosches, die er zur Verteidigung des Volkes vorgebracht hatte, der Boden entzogen. Denn aus diesem Verhalten war ersichtlich, dass hier mehr als nur eine provisorische, notgedrungene Lösung eines Problems gesucht worden war. Das „Erew Raw“ hatte tatsächlich Götzen gedient und auch viele Jehudim dazu verleitet. Daraufhin zerbrach Mosches Verteidigung – und er zerbrach die „Luchot haBrit“!

[1] Schabbat 88a

[2] Siehe Raschi Schmot 32,4

[3] Eruwin 41b

[4] Ta’anit 9a

[5] Schmot 16,19-21

[6] Siehe Raschi Schmot 32,1 und Schabbat 89a

[7] Siehe Raschi 32,5-6

[8] Raschi und Redak zur Stelle

[9] siehe Berachot 32a