Unsere Waffe im heutigen Kampf gegen Amalek

Raw Chaim Grünfeld

Als Amalek j“s bei seinen ersten Kampf gegen Jisrael verloren hatte, versuchte er es beim zweiten Mal mit einer List. Sie verkleideten sich als Kena’anim und beabsichtigten damit die Bne Jisrael zu verwirren, damit sie zu Hkb“H nur um Hilfe vor den „Kena’anim“ dawenen, nicht aber um Rettung vor den Amalekim [1]. Eine weitere List von Amalek finden wir beim dritten Kampf gegen ihn, als König Scha’ul auf Geheiss von Haschem, unseren Feind ein für allemal ausrotten sollte. Chasal erzählen, dass die Amalekim grosse Zauberer waren, und sie sich in Vieh verwandelten, um sich so vor dem Tod zu retten [2]. Der ‚Ba’al haTurim‘ erklärt somit den Grund, weshalb Hkb“H dem König Scha’ul durch Schmuel haNawi befahl, nicht nur jeglichen Amaleki zu töten, sondern auch deren gesamtes Vieh [3]. Seiner Ansicht nach, war dies nur eine aussergewöhnliche Massnahme, die nicht zur eigentlichen Pflicht von „Mechijat Amalek“ (Amalek-Vernichtung) gehört, damit es ihnen nicht dank ihrer Zauberkunst gelänge dem tödlichen Schwert zu entrinnen [4].

Rabbi Mordechai Schalom Josef Friedmann, der Rebbe von Sadagora sZl., erklärte, dass diese List „der Tarnung“ die Eigenschaft von Amalek ist. Schon ihr Stammvater Esaw haRascha „verstellte“ sein wahres Gesicht, er bediente Jizchak Awinu auf vorbildliche Weise und überhäufte ihn mit „frommen“ Fragen, damit dieser sein „Risch’ut“ nicht erkenne. So verhält es sich auch mit den Nachkommen von Amalek in jeder Generation. Denn genauso wie es in Bezug auf die „Keduscha“ von Mosche Rabenu heisst, dass „Ispaschtussa schel Mosche beChol Doro weDoro“ – sich Mosches Geist über jede Generation ausbreitet, in ihr lebt und wirkt [5], so gilt dasselbe auch für die „Kraft des Bösen und Unreinen“, denn (Kohelet 7,14): „Se le’umat se assa haElokim – das eine dem anderen entgegengesetzt hat G’tt sie geschaffen“.

Und deshalb steht bei Amalek (Schmot 17,16): „Milchama laSchem ba’Amalek miDor Dor – ein Krieg für Haschem gegen Amalek von Geschlecht zu Geschlecht“. Amalek wird in jedem Geschlecht existieren, gegen Haschem rebbelieren und daher bekämpft werden müssen. Das Problem ist nur, dass Amalek so viele Masken besitzt, und daher oft nur schwer erkennbar ist.

Amalek nimmt in jeder Generation eine andere Gestalt an und der Klall Jisrael wird jedes Mal von einem anderen Volk bedrängt: Einmal waren es die Römer, ein anderes mal die Spanier, einmal waren es die Deutschen heute die Araber. „SchebeChol Dor weDor omdim alenu lechalotenu“, heisst es in der ‚Haggada schel Pessach‘ – in jeder Generation stellt sich uns der alte, in jedem Geschlecht existierende Feind, entgegen um uns zu vernichten.

Wie kann man sich dann vor einem solchen Feind schützen, den man manchmal gar nicht erkennt, weil er sich Jisrael gegenüber wie ein Bruder zeigt, um ihn von hinten niederzustechen oder in eine Falle laufen zu lassen?

Das einzige Mittel dagegen ist die Tefila zu Haschem, dass Er uns von allen unseren physischen und geistige Feinde rette, so wie Jisrael dies auch damals beim Kampf gegen Amalek machte, als es von ihm verwirrt wurde. Wegen ihrer Verkleidung konnte das jüdische Volk seinen Gegner nicht erkennene und dawente zu Hkb“H im Allgemeinen, ohne den Feind beim Namen zu nennen und ihn im Einzelnen zu bezeichnen: „Bitte, rette uns vor unserem Feind!“

„weHakadosch Baruch hu mazilenu mijadam“ – Haschem rettet uns immer vor Amalek, weil dies eine „Milchama laSchem“ ist, da sich Amaleks Rebbellion und Feindschaft gegen G’tt richtet, und es daher der Krieg G’ttes ist.

Dies ist einer der Gründe, weshalb man sich am Purim „verstellt“ (verkleidet). Man erinnert damit an die Eigenschaft von Amalek j“s, der ein wahrer Verwandlungskünstler ist. So wird jeder Jehudi daran erinnert werden, Vorsicht walten zu lassen, weil sich der „Jezer haRa“ ebenso immer wieder verkleidet und nicht sein wahres Gesicht zeigt.

Auf diesem Weg können wir heutzutage die Mizwa von „Mechijat Amalek“, der Ausrottung Amaleks, zumindest in ‚geistiger Weise‘ Folge leisten, wie in den Sefarim haKedoschim festgehalten wird.

Das Zusammenfallen von „Parschat Sachor“ mit „Parschat Tezawe“, deutet auf einen direkten Zusammenhang hin. So bleibt in der dieswöchigen ‚Sidra‘ als einzige aller Parschijot der Name von Mosche Raben verborgen [6]. So wie Amalek – das Symbol der Tum’ah (Unreinheit) – in jedem Geschlecht existiert, sich aber hinter einer Maske verbirgt, existiert auch die Ausbreitung von Mosche Rabenu – das Symbol der Keduscha (Heiligkeit) – in jeder Generation, aber eben auch nur im Verborgenem. Doch sie ist da und begleitet uns immer, und hilft uns im Kampf gegen Amalek – dem verborgenem, im Menschen innen wohnenden Feind. Und genau wie damals kann Jisrael den Amalek nur mit der Kraft von Mosche Rabenu, der im ersten Kampf gegen Amalek seine Hände zum Himmel gerichtet hob [7] – mit der Tefila zu Hkb“H – besiegen.

[1] siehe Raschi Bamidbar 21,1

[2] Raschi zu Schmuel-1/15,3 gemäss Jeruschalmi Rosch haSchana 3,8 und Ba’al haTurim Schmot 22,17 im Namen des Midrasch

[3] Schmuel-1/15,3

[4] Ba’al haTurim Parschat Mischpatim 22,17. – Raschi (Dewarim 25,18) lernt jedoch aus eben diesem Passuk, dass die Vernichtung des Viehs ebenfalls Teil dieser Mizwa ist.

[5] Tikune Sohar S.112a und 114a

[6] siehe Ba’al haTurim Schmot 27,20

[7] siehe Schmot 17,11

Wörtererklärung:

Ba’al haTurim = Kommentar zur Torah von Rabbi Jakov, Verfasser des halachischen Kodex „Arba Turim“ und Sohn des Rabenu Oscher (Ro“sch), geboren in Aschkenas 5029/1269 und gest. in Toledo 5103/1343

Chasal = Abk. für Cha-chamenu s-ichrono l-iwaracha, „unsere Weisen selig sei ihr Andenken“, womit die Geistesgrössen der Zeit der Mischna und des Talmuds gemeint sind (ca. 3450-4260 / 300v.-500n.)

Haschem = G’tt (der Name von G’tt)

Hkb“H = Abk. für Hak-adosch B-aruch H-u (Gepriesen sei der Heilige) – G‘tt

Jezer haRa = Trieb zum Bösen (Mal’ach, der die Menschen zu Sünden verleitet)

j“s = Abkürzung von j-emach S-chmo (ausgelöscht sei sein Name)

Kena’anim = eines der 7 Völker die in Erez Jisrael vor der Eroberung sesshaft waren

Parscha = Abschnitt der Torah

Rabbi Mordechai Schalom Friedman von Sadagora (Sadiger) = Verfasser des ‚Knesset Mordechai‘, 5657-5737/1897-1977

Risch’ut = Boshaftigkeit

Sidra = Wochenabschnitt der Torah, der am Schabbat vorgelesen wird

sZl. = s-echer Z-adik l-iwracha (Selig sei sein Andenken)

Tefila = Gebet