Wie kann man der Gefahr des ‚Ajin haRa‘ entgehen?

Raw Chaim Grünfeld

„Ele Pekude haMischkan, Mischkan haEdut ascher pukad al pi Mosche – dies sind die Berechnungen des Mischkan, das Mischkan des Zeugnisses, die auf den Befehl von Mosche abgerechnet wurden“ (38,21).

Bekanntlich obliegen alle sichtbaren, dem Auge offenliegenden Dinge, der Gefahr, chalila von einem „Ajin haRa“ (böser Blick) beeinflusst und damit geschädigt zu werden. Deshalb herrscht bei abgezählten und abgemessenen Sachen keine Beracha [1].

Beim Mischkan hingegen, schreibt der Or haChajim haKadosch, verhielt es sich anders, weil es sich dabei um ein Bündnis zwischen Hkb“H und dem Klall Jisrael handelte. Das Mischkan gehörte war der Ruheort der „heiligen Schechina“ G’ttes – der höchsten Instanz. Seine Keduscha stand daher über allem und konnte von Nichts weder beeinflusst noch geschädigt werden!

Damit erklärt er die Wortwahl des Passuk, der zweimal das Wort ‚Mischkan‘ – nacheinander – erwähnt: „Ele Pekude haMischkan – dies sind die Zählungen des Mischkan“, und falls dich dies wundert, da doch das Abzählen die Beracha in diesem Bau schmälert, so wisse, dass „Mischkan haEdut“, es sich hier um „das Mischkan des Zeugnisses“ zwischen G’tt und Jisrael handelt. Nichts kann daher die Beracha beeinträchtigen!

Aus diesem Grund, erklärt der Sohar haKadosch, betont der Passuk „ascher pukat al pi Mosche – wurde diese Abrechnung durch Mosche ausgeführt“, denn eine durch Mosche Rabenu, dem Zadik haDor, gemachte Zählung, kann keinen Schaden bringen, da er dem „Ajin haRa“ überlegen ist. Der Zadik verkörpert nämlich den „Zinor haSchefa“, das ‚Verbindungsrohr‘ zur Herunterleitung g’ttlicher Fülle vom Himmel auf die Erde, so dass die Beracha des Himmels direkt zum Kall Jisrael hinuntergeleitet wird.

Demgemäss deutet der ‚Awne Neser‘ von Sochatschow sZl. den Sinn des Midrasch, der hierzu den Passuk aus Mischle (28,20) anführt: „Isch Emunot Raw Berachot – ein Mann des Vertrauens, der grossen Segen bewirkt“: „Damit ist Mosche Rabenu gemeint. Denn alle Angelegenheiten, über die Mosche zum Verwalter eingesetzt wurde, erhielten grossen Segen“. Der Midrasch möchte ebenfalls die Frage zur Zählung des Mischkan beantworten, und erklärt daher, dass eine durch den Zadik haDor ausgeführte Zählung die Beracha nicht mindert, sondern umgekehrt, sie gar vermehrt [2].

Manche begründen damit auch, weshalb Mosche Rabenu nach der Abrechnung den Klall Jisrael benschte (39,43): „Wajewarech Mosche et ha’Am“. Der Or haChajim zur Stelle bemerkt, dass der Passuk sowieso von Mosche Rabenu spricht und die weitere Erwähnung seines Namens eigentlich überflüssig ist. Die Tora möchte jedoch damit betonen, dass derselbe Mosche, der das Mischkan zählte, danach auch den Klall Jisrael benschte, um allen Befürchtungen einer durch die Zählung eventuell verursachte Minderung der Beracha entgegenzutreten. Er benschte sie mit „Jehi Razon sche‘tischre Schechina beMa’asse jedechem – es möge der Wille G’ttes sein, dass Er Seine Schechina im Werk eurer Hände ruhen lasse“ [3]. Damit er sie beruhigen: „Ihr habt nichts zu befürchten, denn die g’ttliche Schechina, der „Mekor haBeracha“ (die Quelle des Segens) selbst wird hier ruhen!“

Diese Regel bezieht sich jedoch nur auf die Zählung von Gegenstände. Hingegen darf der Klall Jisrael auf keinen Fall gezählt werden, weil das öffentliche aufmerksam machen auf gewisse Personen chalila einen „Kitrug“ (Anklage) im Himmel hervorrufen kann, der dazu ermuntert, sich mit ihnen näher zu befassen. Deshalb wurde Jisrael immer nur mit der Abgabe des „Machazit haSchekel“ gezählt.

Hieraus kann der Vorteil der Mida von „Zni’ut“ (Schlichtheit/Zurückhaltung) gelernt werden. Man soll sich nicht im Vordergrund stellen, nicht auffallen, so dass jeder auf einen aufmerksam wird. Sind es nämlich die Begabungen, Reichtum und andere Vorteile mit denen man sich gerne vorzeigen möchte, so benötigen gerade diese Dinge besonderen Zni’ut. Nur so kann man diese Vorteile und Besonderheiten auch behalten, ohne dass sie Opfer werden von menschlichem Neid oder himmlischen ‚Kitrug‘.

An diese Eigenschaft des Klall Jisrael erinnert der Mond, nach dem der Klall Jisrael seinen Kalender richtet, und mit dessen Schicksal sie verglichen werden [4]. Auch der Mond hatte sich nach seiner Erschaffung durch das Betonen seiner eigenen Grösse und Bedeutung einen ‚Kitrug‘ eingebracht, und verliert seither jeden Monat seine Grösse. Dies soll Jisrael an die ‚Mida des Zni’ut‘ erinnern, ohne diese man Gefahr läuft, wie der Mond am Ende des Monats seinen Glanz zu verlieren!

Deshalb obliegen alle Berechnung des Neumonds und des Kalenders nur dem Sanhedrin und galten als Geheimnis, dass nur „im Verborgenem“ gelehrt wurde [5]. Denn der „Kidusch haChodesch“, die Feststellung des Zeitpunkts des Neumonds, wenn er seinen Neuanfang startet, bedeutete auch für den Klall Jisrael jeweils ein sich monatlich wiederholendes Aufflackern und eine Erneuerung ihrer Besonderheit – und dies muss im Verborgenen geschehen!

Am „Rosch Chodesch“ hingegen, wo der durch Zählungen und Berechnungen enthüllte Neumond aus seiner Verborgenheit zum Vorschein kommt, besteht wieder die Gefahr einer Erweckung des ‚Kitrug‘. Hkb“H bat daher, dass man für Ihn jeweils ein חַטְאָת לַה‘, ein spezielles Korban zur Sühne am Rosch Chodesch darbrachte [6]. Aber auch für den mit dem Mond verglichenen Klall Jisrael könnte diese Wiedererscheinung keine guten Auswirkungen haben. Deshalb muss dieser Tag vom Sanhedrin geheiligt werden und als Jom Tov, mit Halel und einer Se’uda, als Verbindung mit G’tt gefeiert werden. Denn wie erwähnt, kann sich Jisrael nur durch die Verbindung mit der ‚Schechina haKedoscha‘ und der höchsten jüdischen Instanz, dem Zadik haDor, dem Sanhedrin, vor Schaden eines „Kitrug und Ajin haRa“ schützen.

Chasal bezeichnen daher die Mizwa von „Kidusch haChodesch“ als „Kabbalat Pne haSchechina – Empfang Seiner Heiligkeit“ [7], wie wir in der Tefila von „Kidusch/Birkat Lewana“ sagen. Danach erwähnen wir den Passuk aus Schir haSchirim erwähnt (8,5): „Mi sot ole min haMidbar, mitrapeket al Dodah – wer ist sie, die dort aus der Wüste heraufkommt, geschützt auf ihren Freund“. Damit wird in wenigen Worten erklärt, was hier eigentlich beim ‚Kidusch haChodesch‘ – und in heutiger Zeit bei der ‚Kidusch/Birkat Lewana‘ geschieht: Wir empfangen jeden Monat das Angesicht der Schechina haKedoscha, um sich gleichzeitig mit unserer Neuentfaltung, mit dem Erhalt unseren neuen Kräfte und den himmlischen ‚Haschpaot‘, widerum in Seinem Schutz vor jeglichen aufkommenden ‚Ajin haRa‘ zu begeben, damit diese trotz des dann fehlenden Zni’ut erhalten bleiben.

 

[1] Baba Mezia 42a

[2] Sefer Schem miSchmuel

[3] Raschi zur Stelle gemäss Torat Kohanim P. Schemini

[4] Siehe ausführlich Midrasch Bereschit Rabba 6,3

[5] Rambam Hilchot Kidusch haChodesch Kap.11,4

[6] Chulin 60b

[7] Sanhedrin 42a