Die Lehre und der Zweck des ‚Mischkan‘ – Irdisches mit Himmlischen verbinden

Raw Chaim Grünfeld

Chasal berichten von „Bezalel“, der Bauleiter des Mischkan verstanden hat, die Buchstaben, mit denen Himmel und Erde geschaffen wurden, miteinander zu verbinden 1 . Sie wollten damit auf die tiefere Bedeutung und den Sinn des Mischkan hinweisen, das nicht bloss ein einzigartiges, künstlerisches Meisterwerk im materiellem Sinn war, sondern auch in geistiger Weise etwas Aussergewöhnliches darstellte. Das Besondere an Bezalel aber war sein scharfsinniger Verstand und die tiefen Kenntnisse, mit denen er eben diese „Kawanot“ (Andacht/Besinnung), die über unseren Horizont hinausreichenden, geheimnisvollen Bedeutungen aller Details des Mischkan zu verbinden verstand. Er hatte die Lehre dieses Baus begriffen: Es war ein weiterer Schritt in der grossen Lehre und Lebenszielanleitung von Haschem am Klall Jisrael, der hier vermittelt wurde. Denn der Zweck unseres Daseins auf der Erde, ist die „Verbindung von Himmel und Erde durch die Buchstaben des Alef-Bet“.
Um dies genauer zu verstehen, müssen wir uns eine der ersten und wichtigsten Lehren des Ba’al Schem Tov sZl. in Erinnerung rufen: Alle Sprachen auf der Erde sind von den Menschen selbst erfunden worden. Es sind Abmachungen zwischen den Völkern, die selbst entscheiden, wie gewisse Dinge genannt und bezeichnet werden sollten. „Laschon haKodesch“ hingegen, wurde von G’tt selbst geschaffen. Sie ist daher keine menschliche Erfindung, und nicht wie die anderen Sprachen durch begrenzte Möglichkeiten und sinnloses Gerede beschränkt. Vielmehr hat jeder Buchstabe geistreiche und tiefe Bedeutungen, die sich auf seine Form (Gestalt), die Aussprache und den Zahlenwert beziehen.
Im bekannten ‚Sefer haJezira‘, werden die Buchstaben mit „Bausteinen“ verglichen. Sowie man beim Bauen nicht alles was man möchte einfach zusammen verbinden kann, sondern nur dann wenn die richtige Voraussetzung vorhanden ist, so kann man in der „heiligen Sprache“ nicht einfach wahllos Buchstaben zusammenfügen und neue von Menschen ersonnene Wörter bilden. Ihre Worte haben eben nicht nur den Sinn, als Name und Bezeichnung einer gewissen Sache zu gelten. Auch ihre tiefere Bedeutung muss berücksichtigt werden.
In der „heiligen Sprache“ verkörpern die Buchstaben selbst das Sein und Wesen, den Bestand und die Existenz der Dinge, die sie bezeichnen. Nehmen wir z.B. das Wort אֶבֶן – Stein, so existiert der Stein nur den Zusammenhalt der Buchstaben Alef, Bet und Nun. Mit diesen drei Buchstaben hat Hkb“H bei der Erschaffung der Steine, Ruchaniut in Gaschmiut, Geistigkeit in Materie verwandelt. Wir sehen zwar nur das natürliche Wesen des Steins, dessen irdische Materie – mikroskopisch betrachtet, durch tausende und abertausende Atome zusammengehalten wird. Welche Kraft aber hält die Atome zusammen? Dieselbe Kraft, die das Atom bildete. Und wie man den Stein verkleinert, ihn in seine irdischen Bestandteile zerlegt, sei es in Moleküle, Elektronen und Ionen, immer bleibt noch etwas übrig, irgendeine Kraft die all diese Bestandteile bindet und zusammenhält, und deren Ursprung und Herkunft, Wesen und Bedeutung, bisher noch kein Wissenschaftler definieren und erklären konnte. Doch die Kabbala, die uns überlieferte „Torat haNistar“ (verborgene Lehre der Torah) und die ‚Werke der chassidischen Literatur‘, die Interpreten der Kabbala, lehren uns den wahren Sachverhalt: Es ist die unbegrenzte, unserem Verstand unbegreifliche Kraft G’ttes.
Reb Ahron Marcus sl., der bekannte in Krakau wohnende ‚Chassid aus Hamburg‘, erklärt auf diese Weise den Passuk: „Bereschit bara Elokim“. Das Wort „Bereschit“ bedeutet hier nicht nur eine Zeitangabe – „am Anfang schuf G’t“, sondern es wird damit auch der Beginn der Schöpfung selbst gemeint, die Erschaffung der ersten Materie, die Urquelle und Beginn der gesamten Schöpfung, der Zusammenhalt der Atome. Daher wird bei der Welterschaffung nur der strengere G’ttesname „Elokim“ erwähnt, der den „Zimzum“, die Kraft der Verkleinerung und des starken Zusammenhalts bedeutet 2.
Diese G’tteskraft, die das חִיוּת – die Lebenskraft, die Belebung und Existenz aller Atome der vier Elemente (Feuer, Luft, Wasser und Erde) und jeglicher Materie im gesamten Universum ist, wurde in Form hebräischer Buchstaben gegeben. Deshalb hat jede Sache auf der Welt einen Namen, dessen Buchstaben seinen Zusammenhalt bilden. Somit gibt der Ba’al Schem Tov sZl. den folgenden Passuk zu verstehen (Tehilim 119, 89): „leOlam Dewarcha Haschem nizaw baSchamajim – Für ewig Haschem, besteht Dein Wort im Himmel“, der Himmel bleibt nur durch die g’ttliche Worte bestehen, als ER die Worte „Jehi Rokia betoch haMajim – es werde eine Ausdehnung in mitten des Wassers“ sprach (Bereschit 1,6). Der Himmel erhielt die Kraft seiner Existenz durch die g’ttliche Kraft, die in den Buchstaben, die zusammen das Wort רָקִיַע (Himmelsgewölbe) ergeben, enthalten sind. Würde also einer der Buchstaben entfernt werden, so würde sich der „Rokia“ in Nichts auflösen 3.
Wie uns ins den „Sefarim haKedoschim“ gelehrt wird, stellte das „Mischkan“ den genauen Nachbau (Model) des gesamten Universums dar. Dazu ein kurzes Zitat aus dem Kommentar des Rabenu Bachja: „Das Mischkan besass drei Teile, das „Kodesch Kodschim“ (Allerheiligste), das „Kodesch“ – der Raum ausserhalb des Vorhangs im Mischkan, und den Vorhof. Diese Teile entsprechen der „Welt der Mal’achim“ (Ort der Engel), dem Weltall, wo sich alle Gestirne befinden, und unserer Erde.
Auch der Mensch selbst, der „Olam haKatan – die Miniaturform der Welt“ genannt wird, umfasst drei Teile: Das „Kodesch Kodschim“, der Standort des ‚Aron haKodesch‘ (heilige Bundeslade) mit seinen ‚Kruwim‘ (Engel) und der darin aufbewahrten Torah, symbolisiert die „Welt der Mal’achim“, dem höchsten Himmeslsteil, in dem sich der Kopf – der „Kiseh haKawod“ (G’ttes Thron) – befindet. Ebenso stellt beim Menschen der Kopf, sein höchstes Gut dar, wo sich die ‚Neschama‘ und die Kraft des Verstandes und der Sprache befinden.
Der mittlere Teil des Mischkan, das „Kodesch“, der Standort von ‚Menora‘ (Leuchter), ‚Schulchan‘ (Tisch) und ‚Misbeach haKetoret‘ (Altar des Räucherwerk), symbolisiert das Weltall mit seinen Gestirnen (Olam haGalgalim), die unsere Welt durch ihre Drehungen und Einflüsse am Leben erhalten. Genauso wie der mittlere Teil des menschlichen Körpers, in dem sich das Herz und die lebenswichtigsten körperliche Organe befinden.
Der dritte Teil des Mischkan war der Vorhof, der Standort des grossen ‚Misbeach‘ (Altar) auf dem man ‚Korbanot‘ verbrannte. Durch die Korbanot wurde der Teschuwa-Prozess der Menschen vollzogen, die dadurch eine Sühne für ihre Sünden erhielten und sich geistig erneuerten. Dieser Teil symbolisiert „unsere Erde“ (Olam haTachton), die ebenfalls ein Ort des fortwährenden Untergangs und Neugeburt, Zerstörung und Aufbau ist. Dies gleicht wiederum dem Unterkörper des Menschen, dem Ort der Ausscheidung und der Neugeburt“ 4.
Somit beginnen wir ein wenig die zitierte Lehre unserer Weisen über das besondere Verständnis von Bezalel, der beim Bau des Mischkan die Buchstaben verbinden konnte, mit denen Himmel und Erde erschaffen wurde, zu verstehen: Bezalel hatte den tiefen Sinn der Namen und Bezeichnungen aller Dinge im Himmel und auf der Erde verstanden. Er begriff, weshalb die g’ttliche Kraft, durch die sie existieren, mit diesen Buchstaben verliehen wurde. Warum der Stein ausgerechnet mit den Buchstaben „Alef, Bet und Nun“ erschaffen wurde, und weshalb das Himmelsgewölbe aus „Resch, Kof, Jud und Ajin“ besteht. Und alle diese Bedeutungen und ‚Kawanot‘ bedachte Bezalel beim Bau des Mischkan!
Wer sich daher mit der Bedeutung des Mischkan und seinen Geräten beschäftigt, lernt aus ihnen der Sinn seiner eigenen Existenz auf der Erde, da er selbst ein solches Mischkan – ein „Mikdasch Me‘at“ (kleines Heiligtum) und Ruheort der Schechina haKedoscha – in sich bilden und bauen kann. Er kann wie Bezalel Himmel und Erde durch Buchstaben verbinden, womit die Buchstaben seiner eigenen Torah und Tefila gemeint sind. Spricht der Jehudi z.B. vor dem Genuss einer Baumfrucht die Beracha: „Bore Pri haEz“, so verbindet er den gaschmius’digen (irdischen) Genuss des עֵץ, mit seiner geistigen, himmlischen Kraft, die in den Buchstaben „Ajin und Zadi“ enthalten sind.
So auch beim Torah-Lernen, wenn man die Halachot des „ausstossenden Ochsen“ (Schor scheNagach) lernt oder andere weltliche und profane Themen behandelt, verbindet man diese physischen Dinge mit ihrem himmlischen Ursprung und geistigen Quelle. Erst dann gelingt es dem Jehudi auf die Stufe eines אָדָם zu steigen, wenn er den Buchstaben „Alef“ (א) – Haschem, der „Alufo schel Olam“ (Herr der Welt) – mit „Dalet und Mem“, mit דַם, den durch Blut lebenden irdischen Menschen, verbindet.

 

[1] Berachot 55a

[2] Gemäss Kesset haSofer

[3] Gemäss Likute Amorim Tanja Bd2/Kap.1

[4] Rabenu Bachja zu Schmot 25,9