Richtiger Umgang mit materiellen Gütern und irdischen Genüssen

Raw Chaim Grünfeld

 Das erste Erlebnis des jüdischen Volkes, nachdem es nach den Wundern von „Keriat Jam Suf“ endlich aus den Fängen der Mizrim entronnen war, bestand in der Prüfung in „Marah“, wo sie nur bitteres Wasser vorfanden. Zuerst wanderten sie drei Tage in der Wüste umher, ohne Wasser zu finden, und als sie endlich Wasser fanden, war es ungeniessbar und bitter (15, 22-23).Man stelle sich vor, in was für eine absurde Situation sich die Bne Jisrael befanden: Eben erst hatten sie am Ufer des ‚Jam Suf‘ haufenweise Gold, Silber und Edelsteine eingesammelt, so dass sie Mosche Rabenu von dort mit Gewalt wegtreiben musste [1], und jetzt standen sie da, unermesslich reich und doch hoffnungslos machtlos. Sie waren trotz ihr gesamtes Vermögen nicht in der Lage, sich auch nur einen Tropfen normales Wasser – das Lebenselixier jeder Existenz auf der Erde – zu beschaffen!

Weshalb überhaupt musste Mosche sie förmlich vom Meer „wegschleppen“? Die „Bisat haJam“, die Beute des Meeres, gehörte doch zum g‘ttlichen Plan? Und warum prüfte sie Haschem sogleich nach dem Auszug aus Mizrajim mit dem Trinkwasser?

Da der ganze Sinn des Auszugs aus Mizrajim „Matan Torah“ war, wurde Jisrael gleich nach dem Auszug mit dem Lernen einiger Grundregeln darauf vorbereitet. Wer sich mit allen seinen Sinnen und Interessen an den Besitz und das Zusammenraffen irdischer Güter und Genüsse klammert, der kann unmöglich das Joch der Tora auf sich nehmen!

Gewiss wollte Hkb“H, dass die Bne Jisrael auch das Vermögen der Ägypter erhielten. Im Midrasch wird berichtet, dass das Meer nach ‚Keriat Jam Suf‘ nicht nur das Gold und Silber der ertrunkenen Mizrim ans Ufer spülte [2], sondern auch jedes, mit Schätze beladene gesunkene Schiff, vom Meeresboden hob und an Land spülte [3]. Es gab jedoch einen beträchtlichen Unterschied, zwischen der „Bisat Mizrajim“ (Beute von Mizrajim) und der „Bisat haJam“ (Beute des Meeres). In Mizrajim musste Hkb“H das Volk ausdrücklich darum bitten, sich goldene und silberne Geräte von den Mizrim auszuborgen. Das bisher an Armut gewohnte Volk, musste eigens dazu aufgefordert werden, sich irdische Güter anzueignen. Dennoch wurden diese Besitztümer offiziell nur „ausgeborgt“, weil es dem Jehudi klar sein muss, dass es auf dieser Welt keinen richtigen Besitz irdischer Errungenschaften gibt – alles ist nur zeitweilig! Die irdische Güter dienen nur dazu, ihn bei der Erfüllung der Torah und Mizwot behilflich zu sein. Jeder benötigt also nebst der Torah etwas „Rechusch Mizrajim“, ein wenig irdischen Besitz, jedoch soll dieses nur zögerlich, mit der gebotenen Vorsicht und mit Mass, und nur aufgrund der ausdrücklichen Bitte von Hkb“H ausgeborgt werden, und nicht aus eigenem Antrieb, Interesse und Gier gesammelt werden.

Bei der ebenfalls erlaubten „Bisat Mizrajim“ hielt sich das Volk nicht mehr an diese Richtlinien. Hier trat bereits eine Gier an den Tag, so dass es sich weigerte weg zu ziehen, solange noch mehr zu holen war. Folglich musste Mosche sie mit Gewalt von dort wegtreiben und sie wieder an die zuvor gelernte Regel erinnern, dass ein solches Verhalten, im Gegensatz zu „Kabbalat haTora“ steht!

„Aus diesem Grund“, erklärt der ‚Kli Jakar‘, „fanden sie danach kein Wasser, als sie drei Tage in der Wüste wanderten. Dies war „Mida keneged Mida“, die ‚dementsprechende Vergeltung‘ von Haschem, für ihr fehlbares Verhalten. Weil sie sich zu stark an den materiellen Besitz, an das Irdische geklammert hatten, statt sich umgehend zum Berg Sinai zu begeben, um die Tora – das für die ‚Neschama‘ notwendige geistige „Wasser“ (en Majim ela Tora) [4] – in Empfang zu nehmen, wurde ihnen das für den physischen Körper notwendige Wasser vorenthalten.

Und als sie dann endlich Wasser fanden, war es bitter – was wiederum eine Lehre war: „Ihr dachtet, dass das Irdische süss und angenehm ist? Die ist ein Irrtum!“ Die Reize der weltliche Gelüste sind nur eine Ablenkung von den wahren und sinnvollen Werten. Nur die Torah ist wirklich süss („Metukah miDwasch“) und angenehm („Dracheha darke Noam“).

Deshalb verwandelte Hkb“H nicht einfach das bittere Wasser in Süsswasser, sondern erteilte dem Volk eine weitere Lehre: Auf welche Weise können und müssen diese irdischen Gelüste und materiellen Genüsse bekämpft werden? In dem man dem Bitterem ebenfalls mit Bitterem entgegentritt. Das bittere Wasser wurde mit einem bitteren Holz – vom Olivenbaum oder von einer Bachweide (Arawah) stammend [5] – zu Süsswasser verwandelt. So muss auch der Mensch das Bittere dieser Welt – die täglichen Prüfungen und Vesuchungen – bekämpfen, in dem er sich ihnen vehement entgegenstellt und sich nicht von ihnen überrumpeln lässt. Erst dann wandelt sich für ihn das bittere in süsses Wasser um, erst dann kommt man dem Geist der Torah näher.

„Wajizak el Haschem“ (Mosche schrie/dawente zu Haschem) – um dies bewerkstelligen zu können, muss zuerst zu Haschem gedawent werden, denn ohne g’ttliche Hilfe ist es dem Menschen unmöglich, das Bittere – den ‚Jezer haRa‘ – zu bezwingen [6].

„Wajorehu Haschem Ez“ (da wiess ihm Haschem ein Holz) – dann wird ihm G’tt den Weg vorzeigen, den er gehen muss, der jedoch ebenfalls wie bitteres Holz – schwer und mühsam – ist.

„Wajaschlech el haMajim wajimteku haMajim“ (er warf es ins Wasser und es wurde süss) – wenn er jedoch diesen Weg beschreitet und das „bittere“ Wasser zu überwinden versucht, dann wird ihm plötzlich alles Bittere süss werden. Er wird einen Sinn in seinem Leben und Dasein auf dieser Welt finden, und wissen, wie man die materiellen Güter sinnvoll und angemessen zur ‚Awodat Haschem‘ verwenden kann.

„Scham sam lo Chok uMischpat“ (Dort gab Er ihm (Haschem dem Volk) Gesetz und Recht) – eben dort, wo die irdische Materie richtig benützt wird, dort kann man sich mit der Torah vereinen, und gerade dort kann sie prächtig gedeihen („Im en Kemach en Tora“ [7]).

„Wescham Nissahu“ (und dort wurde es geprüft) – dies ist unsere tägliche Prüfung!

Auch „Tu biSchwat“, der ‚Rosch haSchana‘ der Bäume, lehrt uns dieses Verhalten. Zuerst existiert nur der bittere Same oder Baum, der in die Erde gesteckt wird und dringend auf Wasser angewiessen ist, ohne das er nicht gedeihen kann. Erst dann spriesst und wächst er und lässt eine süsse Frucht entstehen.

„Ki ha’Adam ez haSsadeh“ (Dewarim 20,19), der Mensch gleicht einem Baum des Feldes. Auch er – die ‚Neschama‘ – wird in einen „bitteren“ Körper gesteckt und den schweren Lebensprüfungen dieser Welt ausgesetzt. Doch ohne dies kann er nicht gedeihen, ebenso wie der Same ohne Erde nicht wachsen kann. Auch der Mensch benötigt diese irdischen Prüfungen und muss sich mit den materiellen Gelüste und Genüsse auseinander setzen – auch wenn sie bitter sind.

Zu viel Erde kann den Samen ersticken, so wie zu viel Gaschmijut den Menschen begräbt. Und wie der Samen, der bereits im Boden steckt, ohne Wasser nicht wachsen kann, so benötigt der Mensch das Wasser der Tora zum Wachstum. Nur dann spriesst die Frucht, findet er das wahre Süsse und Angenehme auf der Erde.

 

[1] siehe Raschi 15,22

[2] Midrasch Tanchuma P. Beschalach 16

[3] Midrasch Aggada P. Beschalach 15,22

[4] Gemara Baba Kama 17a

[5] siehe Mechilta 22,15 und Midrasch Tanchuma P. Beschalach 24

[6] Kiduschin 30b

[7] Awot 3,17

 

Wörtererklärung:

Awodat Haschem = G‘ttesdienst

Bne Jisrael = Söhne Jisraels (Nachkommen Jakobs)

En Majim ela Torah = „Es gibt kein Wasser nur Torah“, Wasser ist ein Synonum für Torah

Haschem = G’tt (der Name von G’tt)

Hkb“H = Abk. für Hak-adosch B-aruch H-u (Gepriesen sei der Heilige) – G‘tt

Im ejn Kemach ejn Torah = „Wenn kein Mehl, so keine Torah“

Jam Suf = Schilfmeer (Teil des Roten Meers)

Jezer haRa = Trieb zum Bösen, der Engel, der die Menschen zur Sünde verleitet

Kabbalat haTorah = Empfängnis der Torah

Keriat Jam Suf = Spaltung des Schilfmeers

Kli Jakar = (Wertvolles Gefäss) Kommentar zu Tora des Rabbi Schlomo Efrajim aus Luntschiz (Łęczyca), Raw und Rosch Jeschiwa in Prag und Verfasser des ‚Ollelot Efrajim‘ und andere Werke (gest. 5379/1604)

Matan Torah = die Übergabe der Torah

Mizrajim/Mizrim = Ägypten/Ägypter

Neschama = Seele

Rechusch = Vermögen