Worin besteht die Bruderschaft der Bne Esaw?

Raw Chaim Grünfeld.

„Atem owrim biGwul Achechem Bne Esaw… – Ihr überschreitet die Grenze eurer Brüder, der Söhne von Esaw, die wohnen in Se’ir… ” (2,4)

Die Bne Jisrael wollten das Land von Edom durchqueren, um schneller nach Erez Jisrael zu gelangen. Hkb“H warnte sie jedoch davor, den Bne Esaw etwas anzutun oder sie auch nur zu reizen: „Wisset”, sagte Hkb”H, „dass ,Wejir’u mikem‘, die Edomiter euch fürchten, und deshalb befehle Ich euch: „Wenischmartem meod – hütet euch sehr”.
Normalerweise wäre diese Warnung eher als allgemeiner Aufruf zur Vorsicht aufgefasst worden. Raschi aber verbindet diese mit dem darauffolgenden Passuk (2,5): „Al tisgaru bam – reizt sie nicht”. Da Jisrael sowieso das Land von Edom nicht erben wird, sollten sie sich vor ihnen zurückhalten. Nur der Kauf von Nahrungsmitteln und Wasser war erlaubt.
Mosche Rabenu berichtet danach den Kindern der verstorbenen Generation der ,Joze Mizrajim‘, dass die Edomim sie dennoch nicht ihr Land durchqueren liessen. Statt sie jedoch dafür zu tadeln, werden sie wiederum ,Achenu Bne Esaw‘ genannt. Weshalb? Der Ramban erklärt diese ‚Bruderschaft‘ damit, dass alle Nachkommen von Awraham Awinu, ausser Jischmael und den Bne Ketura (die anderen Söhne Hagars), „Brüder” sind.
Dennoch muss der Sinn der ständigen Erinnerung an diese brüderliche Verwandschaft, sobald von den ‚Bne Esaw‘ die Rede ist, ein anderer sein, zusätzlich zum rein familiären Aspekt![1]
Gemäss dem Or haChajim haKadosch bezieht sich diese Bruderschaft auf den Verkauf von Brot und Wasser. Esaw verkaufte diese an Jisrael und benahm sich somit wie ein Bruder.
Doch diese Erklärung erstaunt: Von einem Bruder hätte man doch mehr Gastfreundschaft erwarten dürfen. Den Bne Esaw hingegen kam es überhaupt nicht in den Sinn, ihren Brüdern etwas Nahrungsmittel zu schenken oder ihnen sonst irgenwie behilflich zu sein, sondern sie verhielten sich lediglich wie normale Geschäftsleute und Händler. Was ist an diesem Handel so „brüderlich“, dass die Tora sie fortan so bezeichet?
Raw Schimon Schwab sZl. möchte diese Bruderschaft von Esaw auf andere Weise deuten. Sie bezieht sich auf den früheren Glauben der Edomiter, welche einst – wie Jisrael – nur an einen einzigen G‘tt glaubten und keine Götzen anbeteten. Selbst Esaw, von dem Chasal sagen, dass er ein Ketzer war und Haschem verleugnete[2], wusste und kannte sehr wohl die Wahrheit von der Existenz des einzigen G”ttes. Er lehnte sich jedoch absichtlich gegen Hkb”H auf: „Makir et Adono umored bo – er kennt seinen Herrn und rebelliert“. So auch seine Nachkommen, die Amalekim j“s, die keine Furcht vor G”tt zeigten, als sie die Bne Jisrael nach ihrem wunderlichen Auszug aus Mizrajim angriffen; auch sie taten dies nur, um gegen ihren ‚Herrn‘ aufzubegehren, sie dienten aber keine Götzen. Erst viel später, zur Zeit von König Amazjahu, werden im Sefer ‚Diwre haJamim‘ Götzen in Edom erwähnt[3]. Solange aber Jisrael keinen Götzen dienten, gab es auch in Edom keine Götzen, was sich erst zur Zeit der Spaltung des jüdischen Königreiches änderte. Esaw war somit hinsichtlich des Glaubens ein Bruder Jisraels[4].
Es scheint, dass die Tora uns in diesen Psukim eine sehr wichtige und aufschlussreiche Verhaltensregel in Bezug auf den Umgang mit den ‚Bne Esaw‘ lehrt – also mit den Völkern des „Galut Edom“, in dem wir uns zur Zeit befinden: Schon viele hatten den fatalen Fehler begangen, sich im Exil so weit wie möglich den Nochrim anzupassen und deren Lebensart nachzuahmen. Sie meinten, damit würden sie ihr Anderssein vertuschen, die Abneigung der Nochrim ihnen gegenüber vermeiden und sich so vor dem Antisemitismus schützen. Die Wahrheit ist jedoch, dass ,Esaw sone et Jakow – Esaw hasst den Jakov‘[5] – und dies ist ein unabänderlicher Aspekt und Teil der Galutleiden.
Dies scheint auch die ,Mida keneged Mida‘ der Strafe des durch ,Sinat Chinam‘ verursachten ‚Churban haBajit‘ zu sein, dass nun Jisrael ebenfalls unter dem „unbegründeten Bruderhass“ durch die Bne Esaw zu leiden hat!
Esaw ist das Spiegelbild Jisraels: Solange dieser ein gläubiger Diener G‘ttes ist, verhält sich auch Esaw so, denn Esaw, Amalek und Haman konnten sich nur dann an Jisrael vergreifen, als diese sich versündigt hatten. Dies also ist der Zweck ihrer Bruderschaft mit Jisrael – sie sollen Jisrael an seine eigene Pflichten und die Grenzen ihrer Rechte erinnern. Jisrael darf keinen intimen Kontakt mit Esaw pflegen und wurde daher von ihnen nicht mit echter Gastfreundschaft empfangen, sondern es musste ihnen alle Speisen bis auf den letzten Cent bezahlen. Doch eben diese begrenzte Freundschaft und familiäre Nähe der Bne Esaw lobt die Tora als „Bruderschaft”. Denn dies ist ihre Aufgabe: Esaw muss seinem Bruder Jakow jeweils die Schranken und Grenzen weisen und ihn immer mit seinem Spiegelbild konfrontieren. „haKol Kol Jakow, wehaJadajim Jede Esaw“[6], damit die Stimme der Tora von Jakow beständig und erhalten bleibt, benötigt er die erhobenen, mahnenden und manchmal auch drohenden Hände von Esaw, die ihn immer wieder an sein ,Jude-sein” erinnern!
Deshalb warnt die Tora: „Hütet euch vor ihnen, und reizt sie nicht!” Versucht nicht sie nachzuahmen oder euch ihnen anzupassen, denn eben dadurch reizt ihr sie. Ihre Aufgabe als “Brüder” besteht nicht als Vorbild zu dienen, sondern nur um euch auf eure Grenzen hinzuweisen.
So verhielten sich die Bne Esaw, die Jisrael nicht einmal ihr Land betreten liessen, und dennoch von der Tora nicht dafür getadelt werden. Im Gegenteil, sie werden dafür gelobt, weil sie ihre „Bruderschaft“ sehr ernst nahmen!

Quellennachweis:

  • [1] Vergleiche hierzu Bamidbar 20,14 und Dewarim 23,8
  • [2] Baba Batra 16b
  • [3] Bd. II 25,14/20
  • [4] Ma’ajan Bet haSchoewa
  • [5] Raschi Bereschit 33.4 gemäss Sifri P. Beha’alotecha 69
  • [6] Bereschit 27,22