Weshalb zählen wir die 49 Vorbereitungstage zu ‚Matan Tora‘ nach dem ‚Korban Omer‘?

Raw Chaim Grünfeld.

„Wenn ihr in das Land kommen werdet, das Ich euch gebe, und ihr seine Ernte schneiden werdet, so bringt ein Omer der Erstlinge eurer Ernte zum Kohen. Er wird das Omer vor Haschem euch zum Wohlgefallen schwingen, am anderen Tag nach Schabbat…..

Und ihr sollt zählen vom anderen Tag nach Schabbat…. sieben Wochen…..“ (23,10-15).

 

Bei allen – aus Mehl und Öl bestehenden – Korbanot Mincha, wird jeweils das Mass mit einem „zehntel Efah“ angegeben. Davon ausgenommen ist das Korban Omer, dessen Mass die Tora mit einem „Omer“ bezeichnet, obwohl dies genau dasselbe Volumen umfasst – ein Zehntel eines Efah. Deshalb erhielt es auch den Namen „Korban Omer“.

Dieser Umstand verlangt daher nach einer Erklärung: Weshalb unterscheidet sich dieses Mincha von allen anderen, dass es „Omer“ genannt wird, wenn doch alle ‚Menachot‘ dasselbe Mass Mehl benötigten?

Bekannt ist die Erklärung der Rischonim über den Sinn des Omerzählens, das als Vorbereitung zu „Matan Tora“ gilt. Als Mosche Rabenu den Bne Jisrael die Worte von Hkb“H übermittelte (Schmot 3,12), dass sie nach dem Auszug aus Mizrajim G’tt auf dem Berg Sinai dienen werden, fragten sie ihn, wann dies sein werde. „Am Ende von 50 Tagen“, lautete die Antwort. Da begann jeder für sich die Tage bis ‚Matan Tora‘ zu zählen, womit sie ihr inniges Verlangen nach dem Erhalt der Tora bekundeten [1].

Diese Erklärung zufolge ist jedoch unverständlich, weshalb wir dann die Omertage nicht zum nahenden Schawuot zählen, sondern nach der vergangenen Darbringung des Omer – „Heute sind so und so viele Tage zum Omer“. Auch in der von Chasal verordneten Beracha heisst es: „Al Sefirat haOmer“. Worin besteht der Zusammenhang des ‚Korban Omer‘ mit ‚Matan Tora‘, und weshalb wird fortwährend dieses „Omer-Mass“ betont?

Rabbi Josef Zwi Salant sZl. verwies auf die Worte des Midrasch Rabba zur Stelle, wo das Omer-Mass mit der täglichen hinunterkommenden Portion ‚Mon‘ verglichen wird, bei dem es sich ebenfalls um einen „Omer“ handelte. „Hkb“H sagte zu Jisrael: „Ich habe jedem von euch täglich ein Omer gegeben, und zwar Brot vom Himmel. Von euch hingegen verlange ich nur einen einzigen Omer jährlich von allen zusammen, und zudem handelt es sich dabei nur um Gerste….“ [2]

Chasal geben uns hier einen neuen Aspekt zum tieferen Verständnis der Mizwa des Korban Omer, die dem Mon gleich, die Stärkung der Emuna und Bitachon an Haschem bezweckt. 40 Jahre lang ernährte Hkb“H den Klall Jisrael in der Wüste mit dem Mon, wobei jeder Jehudi jeweils genau ein „Omer“ erhielt. Auch wenn er davon mehr oder weniger mit sich nach Hause nahm, blieb in seiner Hand immer nur ein Omer Mon.

Chasal lernen daraus: „Wer soviel wie das Mass des Omer isst, der isst gesund und seine Mahlzeit bekommt ihm. Wer weniger isst, besitzt ein Magenproblem, und wer mehr isst, ist ein Ausgehungerter!“ [3] So erhielt jedermann Tag für Tag mühelos seine nötige und gesunde Portion Nahrung, damit er sich ungestört dem Limud haTora und der Awodat Haschem widmen konnte. Diese tägliche Erfahrung sollte Jisrael die Emuna und Bitachon an G’tt lehren und diese in ihren Herzen einpflanzen, dass ER nämlich über jegliches Geschöpf auf der Erde wacht und ihm täglich seine nötige Ernährung und Bedürfnisse zukommen lässt.

Das Problem bestand jedoch beim Eintritt Jisrael in Erez Jisrael, wo jeder sich selbstständig mit der Bearbeitung seiner Felder und Weinberge befasste, denn dadurch wurde seine Emuna und Bitachon geschmälert, weil es den Anschein hatte, als ob man sich selbst vom Schweiss seiner Arbeit ernährt.

Dies konnte wiederum chalila zur Vernachlässigung des Tora-Lernens führen, weil die Grösse und Fruchtbarkeit des Ertrags in der Regel aufgrund der Grösse des Arbeitseinsatzes und Mühe gemessen wird. Es bestand die Gefahr, dass die 40-jährige Lehre des Mon in Vergessenheit geriet!

Deshalb wurde Jisrael die Mizwa des „Korban Omer“ gegeben, das man am 16. Nissan darbrachte, genau an dem Tag, an dem das Mon aufhörte, als Jisrael unter der Führung von ‚Jehoschua bin Nun‘ nach Erez Jisrael gelangte [4]. Das Korban Omer trat anstelle des Mon, und deshalb bezeichnet die Tora das Mass dieses Mincha nicht wie gewöhnlich mit einem „zehntel Efah“, sondern mit „einem Omer“, um damit an dessen Verbindung mit dem Mon zu erinnern. Denn genauso wie Hkb“H uns in der Wüste jeden Tag mit einem Omer Mon gesund ernährte, ist es auch ER, der uns heutzutage täglich mit einem Omer ernährt – auch dann wenn es den Anschein hat, das der Mensch sich selber durch seine Arbeit ernährt.

Und diese Emuna an „unsere Ernährung durch Haschem“ wird mit dem Darbringen eines Omer Gersten durch den ganzen Klall Jisrael zusammen bezeugt, und ist eine äusserst wichtige Basis für den Limud haTora. Denn nur wer sich seiner Parnassa durch G’tt sicher ist, kann sich ungestört dem Tora-Lernen widmen. Daher sagen Chasal: „Die Tora wurde nur denjenigen gegeben, die sich vom Mon und von der Teruma ernähren“ [5]. Nur wer eine starke Emuna besitzt und weiss, dass trotz all seiner Arbeit und seinen Bemühungen, seine Ernährung nur von Hkb“H kommt – der ihn wie Jisrael in der Wüste mit dem Mon, und wie die Kohanim mit der Teruma-Abgabe täglich ernährt – läuft nicht Gefahr, sein tägliches Pensum an ‚Schiure Tora‘ wegen vermeintlich dringenden Geschäften zu schmälern und bleibt dem emsigen Toralernen treu.

Aus diesem Grund bestimmten Chasal, dass obwohl das Zählen der Omertage eine Vorbereitung zu ‚Matan Tora‘ ist, diese Tage dennoch nach ‚der Darbringung des Korban Omer‘ gezählt werden, weil die Emuna an die tägliche g’ttliche Ernährung, die Basis für den Erhalt der Tora bildet! [6]

[1] Chidusche haRa“n Ende Pessachim, Sefer haChinuch Mizwa 306 u.a. siehe Sefer Sefirat haOmer (Zwi Kohen) S.11

[2] Wajikra Rabba 28,3

[3] Eruwin 83b

[4] siehe Jehoschua 5,11-12

[5] Mechilta Beschalach 16,4

[6] Gemäss Sefer Be’er Josef P. Emor