„Haschgacha Pratit“ – durch Jeziat Mizrajim und Matan Tora

 Raw Chaim Grünfeld

In den ‚Asseret haDibrot‘ (zehn Gebote) beginnt G’tt mit den folgenden Worten zum jüdischen Volk zu sprechen:„Anochi Haschem Elokecha ascher hozeticha me’Erez Mizrajim miBet Awadim – ICH bin Haschem dein G’tt, Der dich aus dem Land Mizrajim, aus dem Haus deiner Knechtschaft, geführt hat“ (Schmot 20,2).

 

In den ‚Sefarim haKedoschim‘ wird dazu folgender Midrasch zitiert: „Als Hkb“H den Satz „ICH bin Haschem dein G’tt, Der euch aus Mizrajim führte“ sprach, sagte Mosche: „Baruch schelo assani Goi – Gelobt ist Er, der mich nicht zum Nichtjuden geschaffen hat!“

Was hat Mosches Dank mit dem ersten Satz der „Asseret haDibrot“ zu tun?

Überhaupt ist der erwähnte Passuk schwer verständlich, wie der Ibn Esra zur Stelle fragt: Weshalb beruft sich Hkb“H auf den Auszug aus Mizrajim und sagt nicht einfach: „Ich bin G’tt, Der die Welt schuf!“ Schliesslich zeigt sich die Existenz und Offenbarung G’ttes auf der Erde nicht erst mit „Jeziat Mizrajim“, sondern ist bereits seit der Schöpfung der Welt durch Ihn ersichtlich?

Auf ein weiteres Problem macht der Mahara“l von Prag sZl. aufmerksam: In diesem Passuk steht eigentlich überhaupt keine Mizwa – es wird darin lediglich eine Tatsache aufgeführt, dass G‘tt die Bne Jisrael aus Mizrajim geführt hat. Im Sinn der 10 Gebote hingegen, hätte dies eher in der Befehlsform gesagt werden müssen: „Anerkenne Mich als deinen G’tt, denn Ich habe dich aus Mizrajim geführt!““

Bekanntlich lautet eine der Grundregeln des „Reform- und liberalen Judentums“, dass die Tora an die Zeit und den Mensch gebunden ist und daher je nach Generation und nach dem herrschenden Zeitgeistes (chalila) geändert werden kann. So erklären sie – nach Lust und Laune – die Gebote und Satzungen, die ihnen missfallen, als altmodisch oder interpretieren sie als symbolische Akte und Rituale, und nicht als bindende ‚Halachot‘.

Um diesen Irrtum vorzubeugen, begann Hkb“H die „Asseret haDibrot“ nicht mit einem Befehl, sondern mit der Schilderung einer Tatsache: „Ich bin und bleibe G’tt, Der dich aus Mizrajim führte, für immer und ewig!“ Dies ist eine Tatsache, die nicht an irgendeinen Grund gebunden ist. Selbst wenn dies von niemandem auf der Welt akzeptiert und anerkannt würde, bleibt diese Tatsache bestehen und kann nicht geändert werden!“

„Wenn nun dieser Satz in der Befehlsform gestanden wäre“, führt der Mahara“l weiter aus, „so hätte man annehmen können, das Haschem nur deshalb unser G’tt ist, weil Er uns aus Mizrajim führte und wir Ihm deswegen huldigen, was nicht stimmt. Er ist unser G’tt auch ohne jegliche Begründung unserseits!“ [1]

Folglich müssen wir die Tora und ihre Mizwot, die alle g’ttlichen Ursprungs sind, ebenso kompromisslos ausführen, selbst wenn wir für sie keine Begründung kennen. Sie sind allesamt „Chukim“ – Gesetze ohne Grund, sie werden nur deshalb erfüllt, weil sie die Gesetze des Königs sind.

Wie kann da noch behauptet werden, dass die Mizwot an eine Zeit oder an die Denkart der Menschen gebunden sind? G’tt bleibt G’tt, auch wenn wir den Auszug aus Mizrajim nicht als Grund für die Bildung der „G’ttlichen Nation“ betrachten würden, die wir damals geworden sind. Wir haben deswegen unseren Verpflichtungen in jeder Zeitepoche und Gesellschaftsform nachzukommen!

Dennoch beruft sich Hkb“H bei diesem Grundsatz nicht auf die Erschaffung der Welt und der ganzen Galaxis, sondern auf „Jeziat Mizrajim“. Er weist damit auf die „Haschgacha Pratit“ hin, die spezielle g’ttliche Führung, die dem Klall Jisrael vorbehalten ist.

G’tt bleibt G’tt, ob er vom Menschen akzeptiert und anerkannt wird oder nicht. Die Art der Führung jedoch, mit der G’tt den Menschen durch das Leben leitet, ist vom Menschen abhängig! Akzeptiert er Haschem als G’tt und führt Seine Gesetze aus, so verdient er es, mit der speziellen Führung geleitet zu werden, wie es einem Mitglied der g’ttlichen Nation gebührt. Ein ungläubiger Jehudi (chalila) fällt aber unter die einfache Führung der „Haschgacha Kelalit“, mit der die ganze Welt und alle ‚Umot haOlam‘ geleitet werden, in der Art, wie G’tt die Naturgesetze, die Er bei der Weltschöpfung bestimmt hat, festgelegt hat. Für alle Nationen der Welt, ist Haschem der G’tt, Der die Welt erschaffen hat, für den Klall Jisrael jedoch derjenige G’tt, Der uns aus Mizrajim geführt hat!

Daher rief Mosche Rabenu: „Baruch schelo assani Goi“. Wie froh muss ein Jehudi sein, dass es ihm vergönnt ist, durch seinen Glauben an der „Haschgacha Pratit“, an der besonderen g’ttlichen Führung teilzuhaben, deren Symbol der Auszug aus Mizrajim geworden ist, als ein Volk durch unnatürliche Wunder aus den Händen eines anderen Volkes geführt wurde.

[1] Mahara“l in Ner Mizwa S.14

 

Wörtererklärung:

Asseret haDibrot = die zehn Gebote

Chalila = G’tt behüte

Halachot = Gesetze der Tora

Haschem = G’tt (der Name von G’tt)

Haschgacha Kelalit = Aufsehung der Allgemeinheit

Haschgacha Pratit = Aufsehung des Einzelnen

Hkb“H = Abk. für Hak-adosch B-aruch H-u (Gepriesen sei der Heilige) – G‘tt

Jeziat Mizrajim = Auszug aus Ägypten

Mahara“l von Prag = Rabbi Jehuda Löw, Rabbiner und Kabbalist in Prag (gest. 5369/1609)

Matan Tora = Übergabe der Tora beim Berg Sinai

Mizrajim/Mizrim = Ägypten/Ägypter

Nochri = Nichtjude

Sefarim haKedoschim = Sefarim haKedoschim = heiligen Büchern, womit hauptsächlich die Schriften früherer Kabbalisten und Autoren der chassidischen Literatur gemeint sind

sZl. = s-echer Z-adik l-iwracha (Selig sei sein Andenken)

Passuk/Psukim = Vers/e der schriftlichen Torah

Umot haOlam = Völker der Welt