Die wahre Grösse von Pinchas‘ Tat

Raw Chaim Grünfeld.

„Pinchas ben Elasar ben Aharon haKohen hat meinen Grimm abgewendet von den Bne Jisrael… Es sei ihm und seinen nachfolgenden Nachkommen der Bund der ewigen Kehuna; dafür, dass er für seinen G’tt geeifert hat und für die Bne Jisrael gesühnt hat”.

Wie Raschi ausführt, hatte Pinchas bisher keinen Anteil an der Kehuna von Aharon, weil er noch vor der Verleihung der Kehuna-Würde an Aharon und seinen Nachkommen geboren wurde, und somit nicht mit eingeschlossen war. Deshalb erklären Chasal, dass Pinchas erst durch seine Aktion zur Bestrafung Simris in das Bündnis der Kehuna aufgenommen wurde [1].

Man fragt sich nun, weshalb dem Pinchas die Kehuna nur auf solchen Umwegen zuteil wurde, obwohl es offensichtlich war, dass auch ihm als Nachkomme Aharons die Kehuna zustand?

Zudem werden in den Meforschim die Worte des Sohar haKadosch zitiert, wonach eine Person, die einen Menschen umgebracht hat, der Kehuna unwürdig ist und somit als ”passul” gilt. Weshalb erhielt dann Pinchas gerade durch die Tötung von Simri die Kehuna – hier wäre doch genau das Gegenteil angebracht gewesen?

Der Sefat Emes sZl. ist daher der Ansicht, dass Pinchas die Kehuna zweimal erhielt: zuerst als unverdientes Geschenk, weil er ein Nachkomme von Aharon haKohen war. Diese Kehuna hatte er jedoch tatsächlich durch das Töten des Simri verloren, da eine solche Tat, auch wenn sie richtig und völlig ”leSchem Schamajim” ausgeführt wurde, sich nicht mit der Heiligkeit der Kehuna vereinen liess. Die Grösse von Pinchas war, dass er sich bewusst war die Kehuna aufs Spiel setzte und dennoch diesen Verlust in Kauf nahm. Er war sich regelrecht ”Mosser Nefesch”, um G’ttes Namen zu heiligen und dadurch das Vergehen des Klall Jisrael zu sühnen! Die Ausführung dieser einen, in diesem Moment auf ihn zukommenden Aufgabe, zählte für ihn mehr als die lebenslange Kehuna und die damit verbundene tägliche Awodat Hakodesch!

Und eben deshalb wurde ihm durch diese einzigartige Leistung die Kehuna ein zweites Mal übergeben, weil genau dies die eigentliche Aufgabe der Kohanim im Bet haMikdasch war: G’ttes Namen zu heiligen und eine Sühne für die Sünden Jisraels zu bewirken. Diese zweite Verleihung der Kehuna jedoch war kein blosses Geschenk, wie beim ersten Mal, als dem Pinchas die Kehuna nur durch das Erbe seiner Väter übergeben wurde, sondern diesmal hatte er sich die Kehuna selber verdient.

Daher sagen Chasal zum Passuk (25,12): „Hineni noten lo et Briti Schalom – Siehe, ich gebe ihm Meinen Bund des Friedens”: Haschem sagte, es ist nur recht, dass er seinen Lohn nimmt [2]. Denn jetzt hatte er sich die Kehuna rechtmässig verdient, obschon er die ”geschenkte Kehuna” verloren hatte.

So versteht der Sefas Emet auch die ”ewige Zusage der Kehuna” an Pinchas und seine Nachkommen (25,13). Eine durch das Erbe der Väter erhaltene „geschenkte Kehuna“ kann nämlich durch gewisse Geschehnisse wieder verloren gehen, während die ”selbstverdiente Kehuna” von Pinchas nie mehr von ihm und allen seinen Nachkommen weichen konnte. Es bleibt ein ”ewiges Bündnis!“

Demgemäss sind auch die beschämende Worte der Stämme verständlich, welche die Tat von Pinchas mit dem früheren Götzendienst seines Grossvaters Jitro verglichen, wie Raschi erwähnt [3]. Sie lehnten die Tötung vor Simri nicht etwa ab, weil sie an dessen Unschuld glaubten. Denn jeder hatte ja selber mit eigenen Augen die Sünden Simris gesehen, als Pinchas ihn durch das ganze Lager trug [4]. Ihre Bemerkung bezog sich vielmehr auf den Verlust seiner Kehuna durch das Umbringen von Simri; sie missbilligten die Verschmähung der Kehuna von seiten des Pinchas. Zählt etwa die Bestrafung eines Menschen – ja selbst dann wenn dieser ein ”Nassi eines Stammes” ist und seine Vergehen schwerer wiegen als die des einfachen Volkes – mehr als die heilige Awoda eines Kohen? Ein so leichtsinniges Verhalten konnten sie nur auf die götzendienende Priesterschaft seines Grossvaters Jitros zurückführen, die anscheinend eine tiefgehende Wirkung bei dessen Nachkommen hinterlassen hatte.

Hkb”H hingegen wischte alle ihre Bedenken weg und betonte die Abstammung des Pinchas von „Aharon haKohen“, um damit sein gewaltiges ‚Messirut Nefesch‘ zu loben, seine Bereitschaft, auf seine eigenen Interessen und Madregot zum Wohle Jisraels zu verzichten! Pinchas hatte sich daher die Kehuna noch mehr als alle anderen Kohanim verdient und galt unbedingt als würdiger Nachfolger von Elasar und Aharon haKohen. Und deshalb hatte er das Verdienst, dass alle ”Kohanim Gedolim” der beiden Bate Mikdasch von ihm – Pinchas – abstammten [5].

Quellennachweis:

  • [1] Sewachim 101b
  • [2] Bamidbar Rabba 21,1
  • [3] Raschi 25,11
  • [4] Siehe Raschi und Targum JbU zu 25,8
  • [5] Siehe Tosfot Sewachim ibid.