Einfluss und Verantwortung einer künftigen Mutter

Raw Chaim Grünfeld.

„lscha ki Tasria weJalda Sachar – wenn eine Frau schwanger wird und einen Jungen geboren hat, so soll sie sieben Tage unrein sein…“

‚Parschat Schemini‘ endet mit dem Satz: „Lehawdil ben haTame… – zu unterscheiden zwischen dem Reinen und Unreinen, zwischen dem Tier das gegessen und dem Tier das nicht  gegessen werden darf“. Im Midrasch Tanchuma wird der Zusammenhang dieses Passuk mit dem Beginn der dieswöchigen Parscha gelehrt, die sich mit der Geburt eines Kindes und den darauffolgenden Reinigungstagen der Mutter befasst: „Bei der Erschaffung der Welt schuf Hkb“H zuerst alle Tiere und erst danach den Menschen; auch bei der Geburt eines Kindes befahl Hkb“H zuerst die Speisegesetze über die Tiere, von denen es sich ernähren darf…“

Bekannt sind die Worte der ‚Rischonim‘ sZl., welche über die grosse Wirkung der richtigen und koscheren Ernährung der Mutter während ihrer Schwangerschaft und Stillzeit aufmerksam machen, und über die daraus folgenden physischen und geistigen Einflüsse auf das Kind, wie dies auch vom Rem“o im Schulchan Aruch festgehalten wird [1].

Demgemäss erklären sie die Gedanken des Midrasch so, dass die Tora deshalb die Gesetze der erlaubten und unerlaubten  Tiere gerade vor dem Erwähnen der Reinigungsvorschriften beim Neugeborenen platziert, um die Wichtigkeit der reinen  Ernährung  der  Mutter  zu betonen.

Damit werden die drei Fragen des ‚Or haChajim haKadosch‘ beantwortet, die er zur Ausdrucksweise des Passuk stellt:

a) Weshalb schreibt die Tora nicht einfach „Ischa Ki Teled – wenn eine Frau ein Kind gebärt“ und drückt sich so ausführlich aus: „lscha ki Tasria weJalda Sachar – wenn eine Frau schwanger wird und einen Jungen geboren hat?

b) Der Passuk beginnt in der Zukunftsform: „Wenn sie schwanger wird“ und endet in der Vergangenheitsform „und einen Jungen geboren hat“?

c) Warum wird die Form „weJalda – und sie wird gebären“ verwendet, als ob sie mit Sicherheit ein Kind zur Welt bringen wird; es wäre doch eher „im Teled – falls sie ein Kind gebären wird“ angebracht?

Die Tora möchte hier auf die Auswirkung der Monate der Schwangerschaft hinweisen, die als physische und geistige Vorbereitung für das zur Welt kommende Kind gelten. Diese  Zeit beginnt gleich mit dem Beginn der Schwangerschaft, und nicht erst – wie fälschlich angenommen – nach der Geburt! Die  Mutter muss sich daher ihre Verantwortung noch vor Beginn der  Schwangerschaft  bewusst  werden, wenn die Zukunft des Kindes noch vor diesem liegt und seine seelische und körperliche Gesundheit – bis zu einem gewissen Grad in ihren Händen liegt. Nach der Geburt ist ein grosser Teil ihres Einflusses bereits Vergangenheit!

Aus diesem Grund verlangte Hkb“H von Mosche Rabenu: „Rede zu den den Bne Jisrael“ – kläre sie über ihre Verantwortung auf und sage ihnen, dass „Ischa ki Tasria“ – sogleich eine Frau schwanger wird, mit denjenigen Vorbereitungen die sie trifft – „weJalda Sachar“ –  so wird  ihr geborenes Kind sein. Daher diese ausführliche, etwas umständliche Ausdrucksweise des Passuk.

Deshalb verwendet der Passuk den sicheren Ausdruck „sie wird gebären“, denn damit ist die garantierte Wirkung des Verhaltens der Mutter in den Schwangerschaftsmonaten auf das Kind gemeint.

Und daher beginnt auch der Passuk in der Zukunftsform: „Wenn sie schwanger wird“ und endet in der Vergangenheitsform „und einen Jungen geboren hat“. Die Vorbereitungszeit für gute und gesunde Kinder beginnt mit der Schwangerschaft, wenn die vollständige Zukunft des Neugeborenen noch in ihren Händen liegt. Hingegen nach dessen Geburt, befindet sich ein grosser Teil ihres Einflusses bereits in der Vergangenheit!

Auf diesem Weg lässt sich der wunderliche Satz im bekannten Pijut „Echad mi Jodea“ verstehen, der von Vielen in der ‚Sedernacht‘ gesungen wird. Dort heisst es: „Tisch’a mi Jodea, Tisch’a ani Jodea, Tisch’a Jarche Leda – weir weiss was Neun bedeutet? Ich weiss was Neun bedeutet – es sind die neun Monate der Schwangerschaft“. Wie passen diese ‚neun Monate‘ zu den anderen hier aufgezählten Sechujot (Verdienste) wie Brit Mila, Luchot haBrit, Chamischa Chumsche Tora etc. zusammen, mit denen der Klall Jisrael gelobt wird? Was ist daran lobenswert, sie sind doch keine Mizwa, sondern nur ein natürliches Ereignis?! Hiermit sind die unermüdlichen Bemühungen der verantwortungsbewussten jüdischen Mutter gemeint, mit denen sie sich und die Zukunft des Neugeborenen neun Monate lang vorbereitet. Dieser Einsatz verdient ein spezielles Lob!

[1] Schulchan Aruch Jore Dea 81,7 und ausführlich Pri Chadasch §7