Ein Volk über den Beschränkungen der Natur

Raw Chaim Grünfeld

Am Ende der Parscha wird über die „Schiw’at jeme haMilu’im – die sieben Einweihungstage“ des Mischkan und der Kohanim berichtet. In diesen sieben Tagen verrichtete Mosche Rabenu die Awoda im Mischkan ganz alleine. Er musste auch jeden Tag das Mischkan wieder aufrichten und zusammenlegen.Erst am achten Tag, von dem in der „Parschat Schemini“ die Rede ist, begannen Aharon und seine Söhne, die heilige ‚Awoda‘ selber auszuüben. Ab diesem Tag blieb das Mischkan aufgestellt und wurde nur noch beim Wegzug zusammengelegt.

Die sieben Einweihungstage begannen am 23. Adar, so dass der achte Tag der Milu’im auf „Rosch Chodesch Nissan“ fiel, den Haschem als besonderer Tag dazu auserkoren hatte, um an ihm mit dieser gewaltigen Mizwa zu beginnen. Aus diesem Grund wurde das bereits am 25. Kislew fertig gebaute Mischkan nicht sofort aufgestellt, sondern bis zu diesem Datum weggelegt. Warum?

Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, müssen wir uns vorerst etwas eingehender mit diesem Datum – dem besonderen Tag von „Rosch Chodesch Nissan“ befassen. Rosch Chodesch Nissan nimmt in der Tora eine Sonderstellung ein, da sie die erste aller 613 Mizwot ist, die dem Klall Jisrael als Volk befohlen wurde [1]. Aber weshalb wurde gerade diese Mizwa als erste befohlen?

Rabbi Awraham Ibn Esra erklärt, weshalb die Mizrim gerade ein Schaf als Gottheit verehrten. Die alten Ägypter glaubten nämlich an die Kraft der „Masalot“, der 12 Sternbilder, und wussten, dass der Mensch ihnen untersteht und von ihnen beeinflusst wird. Deshalb beteten sie diese an und verehrten insbesondere das „Schaf“ (das astrologische Sternzeichen Widder), weil es das erste alle Sternzeichen ist.

Die Bne Jisrael aber mussten zuerst lernen und anerkennen, dass auch die Sterne nur eine natürliche Kraft, die von G’tt erschaffen wurden und Ihm dienen. Um aus Mizrajim erlöst zu werden, mussten sie zuerst die „Herrschaft“ der Masalot ableugnen, und daher das „Schaf“, das von den Mizrim als Götze verehrte Sternzeichen, schlachten.

Dies genügte aber noch nicht als Beweis, dass sie bereit waren, einzig die Herrschaft von Haschem anzuerkennen. Daher war auch die „Brit Mila“ notwendig – „Dam Pessach und Dam Mila“ (das Blut des Korban Pessach und des Bundes der Beschneidung).

Wie der Mahara“l von Prag schreibt, symbolisiert die Zahl „sieben“ die „Tewa“, die Naturgewalt, denn innert sieben Tagen schuf G’tt das gesamte Universum. Die Zahl „acht“ hingegen stellt das Höhere, das unbegrenzte und unverständliche Übernatürliche dar – „le’Ma’ala miDerech haTewa“. Aus diesem Grund, führt der Mahara“l aus, wird die Brit Mila am achten Lebenstag des Neugeborenen vollzogen, denn sie stellt die übernatürliche Verbindung zwischen Haschem und Jisrael dar, die unbegrenzt, immer und ewig existiert. Mit dem Siegel der Mila auf dem irdischen Körper wird jeder Jehudi in die Stufe des „Übernatürlichen“ erhoben [2]. Daher sagen Chasal: „En Masal leJisrael“ [3], wir sind nicht so wie die anderen Völker der Erde an den Einfluss der Masalot gebunden, wir können uns nämlich über diese erheben! Folglich anerkannte Jisrael mit der Brit Mila die einzige Herrschaft von Haschem, der über der Natur stehende Schöpfer der Welt.

Auch die Mizwa von „Rosch Chodesch“ deutet auf diese erhabene Stufe des Klall Jisrael hin. Mit der Mizwa von „Kidusch haChodesch“ wurde uns die Befugnis erteilt, die Monatsanfänge zu bestimmen und somit die Jamim Towim festzulegen. Somit verfügt Jisrael über die Kraft. Um über diese Zeiten zu bestimmen, d.h. dass sich die Himmelskörper genau so bewegen, wie der vom ‚Sanhedrin‘ festgelegte jüdische Kalender [4]. Das liegt daran, weil wir höher stehen als die Zeiten und Grenzen dieser Welt.

Somit ist nachvollziehbar, weshalb gerade die Mizwa von „Rosch Chodesch“ die erste aller 613 Mizwot ist, denn sie weist auf das Wesen aller Mizwot hin: Sie alle stehen höher als die materielle Errungenschaften und Nichtigkeiten dieser begrenzten natürlichen Welt. Die Tora und ihre Mizwot sind übernatürlich, unbegreiflich und grenzenlos. Ihre Aufgabe ist es, den irdischen Menschen mit G’tt zu verbinden, der übernatürlich und grenzenlos ist („en Sof Baruch Hu“), und uns dadurch ebenfalls diese Stufe des „Übernatürlichen“, des „leMa’ala miDerech haTewa“, anzueignen. „Rosch Chodesch“ ist somit das Leitbild aller Mizwot.

Das Haupt aller Monate – und somit aller Rosche Chadaschim – ist „Rosch Chodesch Nissan“. Denn dieser Monat steht unter dem Motto der „Nissim“ von Jeziat Mizrajim und Keriat Jam Suf [5], und weist somit ebenfalls auf die hohe Stufe Jisraels des „leMa’ala miDerech haTewa“ hin, die Jisrael sich in diesem Monat in Mizrajim angeeignet hatte, als sie mit dem Schächten des „Korban Pessach“ die Herrschaft der NaturgewaltEN verleugneten und stattdessen mit der „Brit Mila“ die übernatürliche und grenzenlose Herrschaft von Haschem anerkannten.

Mit diesem Gedanken verstehen wir auch, weshalb die Tora in derselben Parscha (Schmot Kap.12) von „Kidusch haChodesch“ die Mizwa des „Korban Pessach“ befiehlt, weil das eine mit der anderen zusammenhängt.

In diesem Sinne lässt sich auch eine andere Sache erklären: Bekanntlich haben die Frauen einen grösseren Anteil an „Rosch Chodesch“ erhalten (manche verrichten dann auch gewisse Arbeiten nicht), weil sie ihren Schmuck nicht für das „Egel haSahaw“ hergeben wollten [6]. Worin besteht da die „Mida keneged Mida“?

Chasal sagen: „Wären die ersten Luchot nicht zerbrochen worden, so hätte kein Volk und keine Sprache über Jisrael herrschen können“ [7]. Sie wären über allen Völkern der Erde, über allem Irdischen gestanden. Durch das Egel jedoch fielen sie von der hohen Stufe des Übernatürlichen hinunter. Es verwundert daher, wie es geschehen konnte, dass jemand, der auf einer übernatürlichen Stufe steht, sich mit einem materiellen, natürlichen und begrenzten Götzen verbindet?

Die Anstifter zu dieser Sünde waren der „Erew Raw“, die mitgezogenen Mizrim, die noch immer an die Herrschaft der Sterne glaubten. Da sich das Sternbild des „Lamms“ – das erste der ‚Masalot‘ – als schwacher Beschützer der Mizrim erwies, begannen sie nun mit der Anbetung des darauf folgenden Sternbildes des „Stiers“ und schufen ein „Goldenes Kalb“.

Die Frauen aber weigerten sich ihren Schmuck für die Anbetung eines irdischen Götzen herzugeben und wollten nichts damit zu tun haben. Sie blieben daher auf ihrer hohen Stufe. Als Erinnerung erhielten sie „Rosch Chodesch“, der wie erwähnt, die hohe Stufe des „leMa’ala miDerech haTewa“ verkörpert.

Auch die Männer der Bne Jisrael gelangten später wieder auf diese hohe Stufe, nachdem sie Teschuwa gemacht hatten. Davor mussten sie aber durch den Bau des Mischkan die begangene Sünde des Egel sühnen. Mit diesem Bau aus Gold, Silber und allerlei kostbaren Materialien als Wohnung für die heilige Schechina und mit der Opferung von Brot, Fleisch und Wein wurde demonstriert, dass alles begehrenswerte Irdische und alle Köstlichkeiten der Natur gänzlich Hkb“H unterstellt ist.

Doch zuerst einmal wurde das Mischkan sieben Tag lang durch Mosche Rabenu aufgestellt und wieder zusammen gelegt. Diese sieben Tage deuten auf die Kraft der Natur hin. Die Awoda in diesen Tagen war daher nur eine provisorische – sie wurde durch Mosche Rabenu ausgeführt, der eigentlich ein Levi war – und das Mischkan blieb in diesen Tagen nicht stehen. Erst am achten Tag, der auf die Madrega von „leMa’ala miDerech haTewa“ hindeutet, wurde das Mischkan endgültig errichtet und die Awoda wurde durch die Kohanim ausgeführt. Dies geschah daher am „Rosch Chodesch Nissan“, am Tag und im Monat, die ebenfalls diese hohe Stufe von „leMa’ala miDerech haTewa“ verkörpern.

Aus diesem Grund fällt „Schabbat haGadol“ in den meisten Jahren auf Parschat Zaw. An diesem Schabbat wählten die Bne Jisrael das ‚Korban Pessach‘ aus, um damit die Anbetung der Naturgewalt, die Herrschaft der ‚Masalot‘ zu verleugnen. Passend zum Thema der dieswöchigen Sidra der ersten „sieben Einweihungstage“ des Mischkan.

Auch mit der Beachtung des „Schabbat“ selber bezeugen wir die Unterwerfung der in den sieben Schöpfungstagen erschaffene Natur unter G’tt, so dass der „Schabbat“ – die Natur in all ihrer Pracht, Vielfalt und Kraft, dem „Gadol“ – Haschem, dem Grossen und über der Natur stehende Herrscher, zu Füssen liegt.

[1] Siehe auch Raschi Bereschit 1,1

[2] Mahara“l in Ner Mizwa

[3] Schabbat 156a

[4] Siehe Rosch Haschana 25b und Meforschim

[5] Bne Jisachar Chodesch Nissan u.a.

[6] Pirke deRabbi Elieser Kap. 45 und ausführlich im Tur O“Ch 417, Bet Josef und Darke Mosche zur Stelle.

[7] Eruwin 54a