Die Grösse von „Kijum haMizwot“

Raw Chaim Grünfeld.

Jakov Awinu bereitet sich auf die Begegnung mit seinem Bruder Esaw vor, der ihn mit dem Tod bedroht. Deshalb lässt er Esaw zuerst durch seine Boten (Mal’achim) eine wichtige Mitteilung zukommen: „So sprach dein Knecht Jakov: „Im Lawan garti – Bei Lawan habe ich als Fremdling gewohnt und bin bis jetzt dort zurückgehalten worden“.

Raschi deutet das Wort גַרְתִּי als תַּרְיַ“ג, das dieselben Buchstaben besitzt: „Bei Lawan habe ich gewohnt und trotzdem alle 613 Mizwot gehütet!“ Woher Raschi diese Erklärung nimmt, gab Rabbi Jakov Kaminetzky sZl. so zu verstehen: Die Mal’achim sagten nicht mehr zu Esaw, als auch Jakov ihnen sagte, also nur die Worte „im Lawan garti“. Da er jedoch nicht das Wort „jaschawti – sesshaft geworden“ verwendete, sondern „garti“ sagte und sich damit als „Fremdling“ bei Lawan bezeichnete, wollte er Esaw auf Folgendes aufmerksam machen: „Ich habe zwar bei dem Bösewicht und Schwindler Lawan ganze 20 Jahre gewohnt, dennoch bin ich nicht von seinem schlechten Charakter und bösen Trieb beeinflusst worden, sondern allen Gesetze der Tora treu geblieben [1].

Folglich wollte Jakov dem Esaw vor seiner Stärke warnen, damit er sich seines Sieges nicht so sicher sei, denn er Jakov, habe dank des Verdienstes der „Schemirat haMizwot“ (Hütung der Gebote) nichts vor ihm zu befürchten. Deshalb versteht Raschi auch diese „Mal’achim“ – die zu Esaw gesandte Boten – nicht als gewöhnliche Menschen, sondern als echte Mal’achim (Engel). Jakov schickte ihm seine „Mal’achim“, die durch seine Mizwot erschaffen worden sind, um den Esav seine Kraft zu demonstrieren, damit er ihn in Ruhe und unbehelligt lasse.

Und dennoch zitterte Jakov vor Esaw, wie aus den nachfolgenden Psukim ersichtlich ist. „Wajira Jakov me‘od – Jakov fürchtete sich sehr“ (32,7). Chasal bemerken dazu: „Jakov befürchtete „schema Garam haChet“, vielleicht habe er eine Sünde begangen, die ihn jetzt zum Straucheln bringen könne!“ [2] Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen?

Im Midrasch wird die Furcht Jakovs vor Esaw mit den zwei Mizwot begründet, die er in den vergangenen 22 Jahren nicht erfüllt hatte: Die Mizwa von ‚Jischuw (Ansiedlung von) Erez Jisrael‘ und die Mizwa von ‚Kibud Aw‘. Esaw dagegen wohnte in all diesen Jahren in Erez Jisrael und war für seine besondere Vaterehre bekannt [3].

Bekanntlich hatten sich Jakov und Esaw bereits vor ihrer Geburt darum gestritten, wer an welcher Welt Anteil haben wird. Dabei einigten sie sich, dass ‚diese Welt‘ dem Esaw – dem Bösewicht – gehört, und ‚jene Welt‘ nur dem Jakov – dem Zadik – vorbehalten sei [4]. Ausserdem gilt als einer der Grundsätze der g’ttlichen Vorsehung, dass dem Bösewicht jeglicher Verdienst für seine guten Taten bereits auf dieser Welt in reichlicher Form vergolten wird, damit er keinen Anteil an die zukünftigen Welt – dem ‚Olam haBa‘ – besitze. Der Zadik hingegen ‚bezahlt‘ selbst für das kleinste Vergehen auf dieser Welt mit grossen Strafen, damit er in jener Welt gänzlich rein vor Sünde in sie einziehen kann.

Deshalb fürchtete sich Jakov Awinu so sehr vor Esaw. Obwohl er selbst auf die Erfüllung von 613 Mizwot zurückblicken konnte, hoffte er den Lohn für seine Mizwot erst im ‚Olam haBa‘ zu erhalten, auf dieser Welt jedoch für jedes seiner noch so kleinen Vergehen die dafür angemessene Strafe und Läuterung zu erhalten. Dem Esaw gegenüber zeigte er seine „Waffen“ – die Erfüllung der 613 Mizwot – die sicher stärker waren als die ledigliche zwei Mizwot von Esaw. In seinem Innern hingegen wusste und hoffte er sogar, auf dieser Welt keinen Lohn für diese Mizwot zu erhalten, und rechnete ferner mit der Bestrafung für kleine Vergehen. Somit war Esaw in der Tat im Vorteil und Jakov Awinu nahm aus diesem Grund diesen Zweikampf äusserst ernst, obwohl ihm Hkb“H seinen g’ttlichen Schutz bereits zweimal versicherte hatte.

Wir können daraus die Grösse von „Kijum haMizwot“ (Erfüllung der Gebote) lernen. Selbst Mizwot eines Esaw – aus Eigeninteresse und ohne ‚Schlemut‘ begangene Mizwot – besitzen gewaltige Kräfte und werden mit unermesslichen Lohn vergolten. Falls sich nun Esaw, auf seine zwei Mizwot verlassend, sich mit Jakov messen wollte, so glaubte sich Jakov im Nachteil, dass er sich nicht auf den ihm versprochenen g’ttlichen Schutz verlassen könne. Denn Haschems Versprechen bezog sich nur auf gewöhnliche und alltägliche Gefahren und nicht auf eine Konfrontation gegen „S’char (Lohn der) Mizwot“!

 
Quellennachweis:

  • [1] Sefer Emet leJakov
  • [2] Berachot 4a, Midrasch Chukas 25 und Raschi 32,11
  • [3] Midrasch Bereschit Rabba 76,2
  • [4] Midrasch Aggada und Raschi zu 25,22