Der Zusammenhang zwischen Tu Bischwat und Parschat Beschalach –
Gemäss den Schriften des Tschortkover Rebben sZl.

Raw Chaim Grünfeld.

Das Prinzip der Erneuerung und Erfrischung
In der dieswöchigen Sidra ist vom Auszug der Bne Jisrael aus Mizrajim und den danach aufkommenden Prüfungen in der Wüste die Rede, als ihnen Essen und Trinken fehlte. Als sie in der Ortschaft Mara ankamen, fanden sie dort nur bitteres Trinkwasser vor. „Wajiz’ak el Haschem, wajorehu Haschem Ez, wajaschlech el haMajim wajimteku haMajim – da rief (betete) Mosche zu Haschem und Haschem zeigte ihm ein Holz, das er ins Wasser warf und das Wasser wurde süss. Dort gab G’tt dem Volk Gesetz und Recht, und dort wurde es geprüft“(Schmot 15,25).

Rabbi Jisrael Friedmann von Tschortkov sZl. erklärte dies anhand der Worte des Nawi Jeschaja (65,22): „kiJeme haEz Jeme Ami – Sowie die Tage des Baums sind die Tage meines Volkes“. In diesem über 2000-jährigen Galut leidet das jüdische Volk derart furchtbare Leiden und wird überall verfolgt, sodass uns chalila fast die ganze Hoffnung genommen wird. In Wahrheit schöpfen wir aber gerade aus unseren Erniedrigungen frische Hoffnung und gehen gestärkt daraus hervor, mit dem sicheren Bitachon, dass G’tt mit uns Erbarmen haben und unseren Stolz wieder auferstehen lassen wird. Denn so heisst es im Midrasch zum Passuk (Bereschit 28,14): „Deine Nachkommen werden wie der Staub der Erde sein und sich nach Westen und Osten ausbreiten“. Wenn deine Kinder bis zum Staub der Erde erniedrigt werden, dann ist die Zeit gekommen, dass sie sich nach Westen und Osten ausbreiten [1]. Denn Jisrael ist anders als alle anderen Völker, die dem Gesetz der Natur unterstellt sind. Geht es nach den Grundsätzen des Irdischen, dann muss derjenige, der bereits zu fallen begonnen hat, immer weiter fallen [2]. Der Klall Jisrael dagegen steht über der Natur. Deshalb verhält es sich bei ihnen genau umgekehrt: Wenn sie bereits so tief gefallen sind, dass sie chalila keine Hoffnung mehr sehen, gerade dann hilft ihnen Hkb“H, entgegen allen natürlichen und logischen Regeln.

Ein Beispiel dafür lässt sich der Lebensart des Baumes entnehmen. Im Herbst fallen alle Blätter des Baumes herab, und im Winter trocknen sein Saft und seine Feuchtigkeit aus. Dennoch beginnt gerade im tiefsten Winter, wenn die Baumwurzeln vor Kälte und Durst fast abzusterben drohen, eine neue Ära und der Baum erhält neue Kräfte und frischen Lebenssaft, die es ihm ermöglichen, im kommenden Frühling wieder neue Blätter und Früchte keimen und spriessen zu lassen.

So verhielt es sich auch mit den Bne Jisrael, als sie in die weite, leere Wüste kamen und nicht wussten, wie sie sich dort ernähren konnten. „Wajorehu Haschem Ez“, da wies ihnen Haschem einen Baum. Denn „kiJeme haEz“ – dem Baum gleichend, der seine frischen Kräfte gerade dann erhält, wenn er zu vertrocknen droht, „Jeme Ami“ – erhalten die Jehudim gerade dann ihre Hilfe von Haschem, wenn sie keine Hoffnung mehr auf natürliche Art und Weise sehen.

„Wajorehu Ez“; Haschem zeigte uns das Holz des Baumes, um uns damit zu belehren, wie der Targum Unkelos dieses „wajorehu“ mit „Er lehrte ihn“ übersetzt. Hkb“H lehrte uns diese Regel in Mara, zu Beginn der Entstehung der jüdischen Nation. Sie gilt daher als ewiges Gesetz und Richtlinie, wie es heisst (15,25): „Dort gab Er ihm (G’tt dem Volk) Gesetz und Recht, und dort wurden sie geprüft“. Diese Art der Prüfung wird wie in der Vergangenheit auch in Zukunft die Lebensregel Jisraels definieren und deshalb (15,26): „Wajomer, Im Schamoa Tischma leKol Haschem Elokecha“, wird dem Volk nur dann geholfen werden, wenn es die Gesetze der Tora beachtet, denn nur dann ist die übernatürliche Regeneration gewährleistet. Das ist der Sinn des Jom Tov „Tu Bischwat“, der uns dieses Prinzip der Erneuerung und frischen Belebung lehrt und wie und wann diese zu erreichen ist [3].

 

Schlemut, Heilung und Parnassa bedingt Bescheidenheit

Dieselbe Regel, die für den gesamten Klall Jisrael als Leitlinie gilt, dass er sich erst dann erfrischen und erneuern kann, wenn er auf seiner niedrigsten Stufe angelangt ist, gilt auch für jeden einzelnen Jehudi, der sich zuerst erniedrigen muss, um aufsteigen zu können.

„Ki haAdam keEz haSadeh – Der Mensch ist wie der Baum des Feldes“ (Dewarim 20,19). Jeder Mensch gleicht einem Baum, dessen Samen zuerst in die Erde gesteckt werden muss. Erst nachdem dieser verfault, können ein Baum und Früchte daraus wachsen. So kann auch der Jehudi, selbst wenn er sich mit Tora und Mizwot beschäftigt und sich gute Midot aneignet, nie zu seinem „Schlemut“ (Vollkommenheit) gelangen, solange er stolz und von sich eingenommen ist. Nur wenn er sich „klein, gering und bescheiden“ hält, und dem verfaulten und nicht mehr existierenden Samen gleicht, kann er zu einem grossen und starken, gesunden und fruchttragenden Baum werden.

„Wajorehu Ez“, Haschem zeigte und lehrte uns, dass wir nur dann in Tora und Ruchni’ut wachsen können, wenn wir dem Wachstumsprinzip des Baums folgen. So wie er nur aus einem in den Boden gestossenen und verfaulten Samen spriessen kann, muss auch der Mensch sich zuerst die notwendige Bescheidenheit und Demut aneignen. „Dort gab G’tt dem Volk Gesetz und Recht, und dort wurde es geprüft“ – diese „Anawa“ (Bescheidenheit) ist Jisraels Prüfung zum Erhalt von jeder höheren Stufe und sonstwelchen himmlischen Haschpa’ot.

Auch bei den Heilkräutern, die Hkb“H zur Heilung der Kranken geschaffen hat, kann diese Lehre beobachtet werden. Die Kräuter und Pflanzen müssen zuerst zu feinem Pulverstaub gestossen und verrieben werden, damit sie wirken. Denn auch die Heilung des Kranken erfolgt nur dann, wenn er neben allen natürlichen Bemühungen um seine Gesundheit, „klein und bescheiden“ ist und seine Genesung von Hkb“H erbittet und sie Ihm auch danach zuschreibt. Deshalb fügt die Tora bei der Lehre des erwähnten Demutsprinzips auch den Erhalt der Heilung hinzu (15,26): „Alle Krankheiten, die Ich Mizrajim auferlegt habe, werde Ich nicht auf dich legen, denn Ich Haschem bin dein Heiler“. Auch die Heilung von Krankheiten bedarf trotz allen medizinischen Kenntnissen und wissenschaftlichen Errungenschaften das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit und die Anerkennung der Allmacht G’ttes.

Die gleiche Regel gilt auch für den Erhalt der „Parnassa“, bei der ebenfalls die Bescheidenheit vorausgesetzt ist, wie das in der ‚Parschat haSchawua‘ beim „Mon“ gelehrt wird. „Sie nannten es Mon, denn sie wussten nicht, was es ist“ (16,15). Parnassa kann nur dann bezogen werden, wenn dem Mensch klar ist, dass sie nicht aus „Kojchi weOzem Jadi“ [4], aus eigener Kraft und Leistung, erbracht wurde, sondern nur dann „wenn er nicht weiss, was es ist“ – woher es gemäss den natürlichen Verhältnissen gekommen ist. Deshalb erklärte ihnen Mosche Rabenu: „Es ist das Brot, das Haschem euch zum Essen gegeben hat“. Parnassa kommt auf übernatürliche Weise, entgegen allen logischen Erklärungen. Es kommt immer und überall vom Himmel herunter, aber nur dann, wenn man es nicht seinen eigenen Leistungen und Kräften zuschreibt! [5]

Deshalb nennen Chasal diesen Tag „Rosch Haschana der Bäume“ [6], obwohl bereits am Schawuot über die Quantität und Qualität der Früchte gerichtet wurde [7]. Am „Tu Bischwat“, wenn die Zeit der Regeneration und Neubelebung des Baums gekommen ist, bevor wieder Früchte spriessen, muss sich der Mensch daran erinnern, dass es nicht seine Kraft und Leistung sind, die die künftige Ernte bestimmen, sondern dass es einen „Rosch Haschana der Bäume“ (am Schawuot) gibt. Denn auch die Bäume und Früchte liegen trotz der Naturgesetze in der Hand von Haschem [8].

 

Bescheidenheit erfolgt durch „Emuna“

Eigentlich wird die Parnassa eines Menschen gleich bei seiner Geburt für das ganze Leben festgelegt, denn seine Ernährungsquelle ist mit seinem „Masal“ verbunden [9]. Falls der Mensch aber seine Taten beschmutzt und sich geistig besudelt, gleicht er einem mit Schmutz und Unrat verklebten Samenkern, aus dem ein verkrüppelter und dorniger Baum entsteht, der keine guten Früchte trägt. So verliert auch der Mensch chalila seinen „Sechut“ (Verdienst) und erhält nicht die ihm gebührende Parnassa. Wandelt er jedoch auf dem richtigen Pfad der „Emuna“ und bleibt rein, so gleicht er einem sauberen und guten Samenkorn, das einen gesunden und fruchtbaren Baum entstehen lässt.

Das wurde den Bne Jisrael in Mara anhand des „bitteren Wassers“ gezeigt. Weil ihr G’ttvertrauen ins Wanken geriet, fanden sie dort nur bitteres Wasser vor und beklagten sich sofort aufs Bitterste. Wer sich seinem Schöpfer gegenüber nicht genug demütigt, beklagt sich ständig und ist unzufrieden. Seine Emuna und Bitachon werden chalila geschwächt!  „Wajorehu Ez“, da zeigte ihnen Haschem einen Baum, damit sie sich an die erwähnte Ähnlichkeit des Menschen mit dem Wachstum des Baums erinnern, der nur aus einem reinen Samenkern gut gedeihen kann. Wenn Jisrael also seine Taten bereinigt, seine Nichtigkeit einsieht und sich wieder auf G’tt besinnt – „Wajimteku haMajim“ – dadurch verwandelte sich das Wasser wieder in süsses und brauchbares Wasser, und sie erhielten wieder ihre voraus bestimmte Parnassa zurück. Der Kern ist wieder rein und kann gedeihen [10].

 

JeziatMizrajim und Keriat Jam Suf

Dieser Leitfaden zog sich durch die ganze Geschichte des Klall Jisrael. Angefangen mit der Erlösung aus Mizrajim, die erst dann erfolgte, als Jisrael bereits bis auf die niedrigste moralische Stufe gesunken war. Auch beim „Jam Suf“ (Schilfmeer) standen sie ratlos am Ufer des Meeres und wussten nicht mehr weiter. Vor ihnen lag das Meer, und von allen anderen Seiten waren sie eingeschlossen. Aus menschlicher Sicht gab es auf natürliche Weise keine Rettung mehr. Doch sie gaben ihre Hoffnung nicht auf und sprangen voller „Emuna“ in Hkb“H in die Fluten des Meeres. „Waja’aminu baSchem ubeMosche Awdo“ (14,31), dank ihrem G’ttvertrauen spalteten sich die Wellen und sie wurden gerettet [11].

Das Leben eines Jehudi ist ein stetiges Auf und Ab, voller Prüfungen, damit er sich immer wieder sein tägliches Brot und seine Gesundheit, das irdische Glück und sein geistiges ‚Schlemut‘, verdienen kann. So wurde auch der Klall Jisrael gleich nach seinem Auszug aus Mizrajim, nach den Wundern von „Keriat Jam Suf“ und dem Erhalt des himmlischen Brots und Wassers mit der Bedrohung von Amalek j“s wieder auf die Probe gestellt. Nur dank ihrer Emuna, als Mosche Rabenu seine Hände gegen den Himmel emporhielt und sich Jisrael auf Hkb“H besann und auf Ihn vertraute, siegten sie.

Quellennachweis:

    [1] Midrasch Schmot Rabba 25,8

    [2] siehe Esther 6,13

    [3] Jismach Jisrael und Ginse Jisrael zu Tu Bischwat 5683

    [4] Siehe Dewarim 8,17

    [5] Jismach Jisrael und Ginse Jisrael zu Tu Bischwat 5686

    [6] Mischna Rosch haSchana 2a

    [7] ibid. 16a

    [8] Jismach Jisrael und Ginse Jisrael zu Tu Bischwat 5691

    [9] Moed Katan 28a

    [10] Ginse Jisrael zu Tu Bischwat 5685

    [11] Jismach Jisrael und Ginse Jisrael zu Tu Bischwat 5686