Ziel der zehn Makkot – Beweise der G’ttesexistenz

Raw Chaim Grünfeld.

Obwohl Chasal ausführlich die „Mida keneged Mida“ aller 10 Makkot erläutern, war der Sinn der Makkot nicht, die Mizrim zu bestrafen. Hkb“H erklärte hier Mosche Rabenu den wahren Sinn der Makkot, und weshalb Er das Herz Par‘ohs härtete. Es waren zwei Gründe:

    a) „לְמַעַן שִׁתִי אוֹתוֹתַי אֵלֶה בְּקִרְבּוֹdamit Ich diese Meine Zeichen in seiner Mitte tun kann“.
    b) לְמַעַן תְּסַפֵּר בְּאָזְנֵי בִנְךָ וִידַעְתֶּם כִּי אַנִי ה‘  – damit du deinen Kindern erzählen kannst, was Ich in Mizrajim verrichtet habe…, und sie wissen, dass Ich Haschem bin“ (10,1-2).

Um dies besser zu verstehen, soll hier ein Zitat aus einer Drascha von Raw Joel Lejb Halevi Herzog sZI., Raw in Leeds (England) und später Oberrabbiner von Paris, wiedergegeben werden, die er am Schabbat Parschat Bo vor ca. I00 Jahren in Lomsze (Litauen) hielt: „Stellt euch vor ein Mann würde eine wunderliche Maschine erfinden, mit der man zum Mond oder Mars fliegen könnte – in der Tat hat man heutzutage bereits einen Flugapparat erfunden, mit dem  man wie ein Vogel fliegen kann, doch kann damit nicht höher als 20’000 Fuss hoch geflogen werden. Man bemüht sich jedoch weiter, um eine Maschine zu erfinden, mit der man zum Mond gelangen kann. Sie wollen dort Menschen und Gold finden!

Da hörte der Erfinder, dass der König des Landes eine Ausstellung veranstaltet. Er schrieb ihm einen Brief und berichtete von seinem Geheimnis, und dass er interessiert wäre, diese einzigartige Maschine dort vor allen Besuchern vorführen zu dürfen. Der begeisterte König sandte ihm Geld für seine Reisespesen und liess ihm antworten. „Wisse, dass du mit viel Geld und grosser Ehre überhäuft werden würdest, falls deine Erfindung tatsächlich die Erwartungen der ganzen Welt erfüllen wirst!“

Als er sich während der langen Reise in einer Herberge aufhielt, entdeckte er sein Missgeschick: Er hatte die kostbare Maschine unterwegs verloren! Sofort liess der unglückliche Erfinder eine Annonce in allen Zeitungen aufgeben, dass sich der Finder bei ihm melden soll. Darauf meldete sich bei ihm ein Herr, der die Maschine gefunden hatte. Er forderte jedoch einen Beweis vom Erfinder, dass er der wirkliche Erfinder der Maschine war, und diese nicht nur von einem anderen stehlen wollte. Inzwischen hatte er die Maschine beim Fürsten der Stadt zur Aufbewahrung deponiert, bis der rechtmässige Besitzer gefunden werde.

„Ich kann dir genau sagen, wieviele Räder die Maschinerie enthält und deren genaue Masse angeben“, antwortete der kluge Erfinder. „Wenn du willst, so werde ich innert einer Viertelstunde die gesamte Maschine in ihre Einzelteile zerlegen und sie in zehn Minuten wieder fehlerlos zusammenbauen!“ Als der Fürst dann staunend die flinke Zerlegung und geschickte Wiederherstellung des Erfinders sah, sagte er: „Jetzt sind wir alle hundertprozentig überzeugt, dass du der Erfinder der Maschine bist. Kein Betrüger hätte so schnell und problemlos diese Maschine wieder zusammenstellten können; dies kann nur der Erfinder selber, der genauestens den Sinn und Zweck aller Räder und Schrauben kennt!“

Chasal sagen im Midrasch, dass bei jeder Sünde der Menschheit Hkb“H Seine ‚Schechina‘ einen Himmel höher zurückzog. Als Adam haRischon sündigte, zog Er sich von der Erde in den ersten Himmel zurück, bei der Sünde Kajins in den zweiten Himmel usw. Damit ist die „Haschgacha Pratit“ gemeint, die Hkb“H wegen der Sünden der Menschen verborgen lässt (‚Hesster Panim‘). Allmählich begannen die Menschen, den Götzen zu dienen, bis sie G‘tt gänzlich verleugneten. So behauptete Par‘ohs (5,2): „Lo jadati et Haschem – ich kennen keinen Haschem!“

Die Welt, G‘ttes Erfindung und Schöpfung war Hkb“H verloren gegangen. Die Ägypter anerkannten nur „Elohim“, die Existenz ihrer Götzen an.

Deshalb gab Hkb“H eindeutige Beweise, dass Er der Schöpfer der Welt war und schlug die Mizrim mit zehn Makkot. Er wandelte das Wasser in Blut, brachte Tiere und Ungeziefer an Orte, wo sie nicht gehören, löschte das Licht der Gestirne durch die ‚Makkat Choschech‘ und richtete danach wieder die Ordnung her. Jedermann musste einsehen, dass Er der wahre Schöpfer der Elemente, aller Geschöpfe und Himmelskörper war. Wer konnte sonst noch die gesamte Schöpfung zerlegen und sie danach wieder in ihrem vorherigen Zustand errichten? Der Abschluss dieser Macht – und Besitzerdemonstration bildete dann die ‚Makkat Bechorot‘, mit der Hkb“H sich auch als Schöpfer des Menschen zeigte, dem Er das Leben nimmt oder lässt.

Hkb“H schlug die Mizrim mit zehn Makkot, entsprechend den „Asseret Ma’amorot“ (zehn Aussprüche), mit denen Er die Welt geschaffen hatte. Somit erlebten die Bne Jisrael in Mizrajim eine detaillierte Darstellung von „Beriat haOlam“ durch den wahren Schöpfer der Welt. Der Glaube und die Überlieferung ihrer Väter wurde somit bestätigt gestärkt“ [1].

Aus diesem Grund sagen wir am Schabat bei Kidusch: „Secher leMa’aseh Bereschit“ (Erinnerung an die Welterschaffung) und „Secher liJeziat Mizrajim“ (Erinnerung an den Auszug aus Ägypten). Mit der Beachtung des Schabbats demonstrieren wir unsere Emuna in die Weltschöpfung durch Hkb“H, und somit ist der Schabbat eine Erinnerung an „Ma’aseh Bereschit“. Für diese Überzeugung besitzen wir nicht nur unseren Glauben und Überlieferung, sondern haben auch einen g‘ttlichen Beweis in Mizrajim erhalten. Der Schabbat ist daher auch „Secher liJeziat Mizrajim“.

„Mosche Rabenu aber verstand nicht, weshalb dieser Beweis unbedingt in Mizrajim stattfinden musste. Weshalb muss Hkb“H das Herz Par‘ohs verhärten? Wäre es nicht sinnvoller, sofort dieses schreckliche Land voller Tum‘ah und G‘ttesverleugnung zu verlassen? Die g‘ttlichen Beweise konnte doch Haschem auch später in der Wüste ausserhalb Mizrajim demonstrieren!

Hkb“H entgegnete ihm daher (10,1): Boi – komm zu Par‘oh“, und sagte nicht „Lech el Par‘oh – gehe zu ihm“. Haschem sagte dem Mosche: „Boi“, komm zu Mir, denn Ich befinde Mich bei Par‘oh, um ihm zu beweisen, dass Ich der Herr und Schöpfer der Welt bin. „Ki Ani hichbadeti et Libo“ – denn Ich habe sein Herz und das seiner Diener verhärtet, damit Ich alle Beweise jetzt und hier ausführen kann. Nun fragst du Mich, wieso gerade hier und nicht anderswo? So lautet die Antwort: „לְמַעַן שִׁתִי אוֹתוֹתַי אֵלֶה בְּקִרְבּוֹ“, ­ Ich möchte diese Zeichen in ihrer Mitte ausführen. Ist es denn nicht sinnvoller, diese Beweise gerade am Körper der Mizrim auszuführen? An wem soll Ich denn in der Wüste diese Beweise vornehmen? Etwa am Körper der Bne Jisrael selbst?!

Glaubst du aber, dass eine solche Massnahme gar nicht nötig ist, denn die Hauptsache der Makkot sei es nur die Mizrim zu bestrafen, und dies kann Ich auch mit einem einzigen Schlag erreichen? So irrst du dich! „לְמַעַן תְּסַפֵּר בְּאָזְנֵי בִנְךָ…“ – Sinn der zehn Makkot ist es, damit die Bne Jisrael Mich als den wahren Schöpfer der Welt erkennen – וִידַעְתֶּם כִּי אַנִי ה‘.

 
Quellennachweis:

    [1] Gemäss Sefer Imre Joel, London 5682/1922
    [2] ibid