Zora’at – ein g’ttlicher und übernatürlicher Fingerzeig

Raw Chaim Grünfeld.

„Sot Torat nega Zara’at – dies ist die Tora, die Lehre des Aussatzes“ (13,59).

In den dieswöchigen Parschijot werden alle Arten des Zora’at–Aussatzes am Körper, auf Kleidern oder Häusern behandelt. Danach schliesst die Tora das Thema mit folgenden Worten ab (14,54): „Sot haTora leChol Nega haZora’at… – dies ist die Lehre aller Aussätze“.

Der Passuk verwendet aber nicht nur an dieser Stelle das Wort „Tora“, sondern erwähnt es gleich fünfmal in diesen Parschijot. Der Ba’al haTurim erklärt, dass damit auf die fünf Bücher der Tora hingewiesen werden soll [1].

Unverständlich ist jedoch der Zusammenhang: Was ist an den Zora’at-Gesetzen so speziell, dass sie mit der „ganzen Tora“ in Verbindung gebracht werden?

Der Verfasser des ‚Reschit Chochma‘ [2] schreibt: „Der Klall Jisrael steht auf einer höheren Stufe als die anderen Völker. „Jisrael ascher becha etpa‘er“ (Jeschaja 49,3), es ist ein Volk, mit dem sich Hkb“H stolziert. Es ist innig mit Haschem verbunden, es gibt keine ‚Wand‘, die zwischen der Schechina und Jisrael trennt. Obwohl G‘ttes Heiligkeit weit über unserem Wahrnehmungsvermögen und Verstand liegt, wird das durch die „Haschgacha Pratit“, mit der Haschem speziell über den Klall Jisrael wacht, ausgeglichen. Diese besondere Führung geniesst Jisrael aber nur dann, wenn es rein vor Sünde ist. So warnt der Nawi Jeschaja (59,2): „Awonoteche-m haj-u Mawdili-m – eure Sünden haben die Trennung verursacht“. [3]

Der Chid“o bemerkt dazu, dass die Endbuchstaben dieser Worte „Mum“ (Fehler) ergeben [4]. Des Weiteren hat das Wort מוּם den Zahlenwert (86) von „Elokim“. Es sind nämlich unsere Sünden, die uns für geistig Minderwertige markieren, und chalila die „Midat haDin“ heraufbeschwören.

Wie aber beginnt das ganze Übel? Wie kann ein Mensch überhaupt sündigen und zu solchen Fehlern kommen?

Chasal sagen: „Ein Mensch sündigt nur, wenn sich ein „Ruach Schtuss“, ein störender Geist in ihm befindet!“ [5] Denn dieser ‚Ruach Schtuss‘ bewirkt eine Trennung zwischen Herz und Kopf. Dadurch kann das Herz, von dem aus die Gelüste und Triebe des Menschen gelenkt werden, den Menschen mit der Aufwallung seiner Gefühle übermannen und ihn der Kontrolle seines Verstandes entziehen. Obwohl der Mensch die Verbote der Tora genau kennt, bleibt dieses Wissen nur in seinem Kopf und kann nicht bis zum Herzen vordringen, denn der Weg dahin ist durch die begangene Sünden verstopft und versperrt.

Unsere Aufgabe ist es daher, das Eindringen eines solchen ‚Ruach Schtuss‘ zu verhindern. Hier zeigt sich die Tatsache, dass der Klall Jisrael beim „Matan Tora“ die Initiative ergriffen hat und sich auf eine höhere geistige Stufe als alle Völker hinauf geschwungen hat.

Während die Vorstellungskraft eines Forschers und Wissenschaftlers fest in den Gesetzen und Gewohnheiten der Natur verankert ist, erhebt sich der Glaube und die Erkenntnis des Jehudi in einen viel höheren Bereich – „leMa’ala miDerech haTewa“ (übernatürlich)!

Wer die Lüge der Naturverherrlichung durchschaut, und sich stattdessen – „weAtem haDwekim baSchem Elokechem“ – an die G’ttlichkeit anlehnt,  – „Chajim kulchem haJom“ – der lebt fortwährend [6]. Denn sein Dasein ist mit der Ewigkeit verknüpft, nicht mit dieser irdischen Welt, einer toten Materie. Ein solcher Mensch kann kaum zur Sünde verleitet werden, und wenn es trotzdem einmal der Fall war, sucht er sofort alle möglichen Mittel, um sich von ihr zu befreien und sich wieder rein zu waschen. „Aber der Schlafende, der überhaupt nie aufmerksam wurde, steht ohne Zweifel unter der Leitung der Natur und hat nichts mit der G’ttlichkeit – der „Haschgacha Pratit“ – zu tun. Er wird nur wie alle anderen Lebewesen dieser Welt beachtet und geleitet.

Doch Hkb“H, der sich aller Seiner Geschöpfe erbarmt, will auch dem Schlafenden die Möglichkeit geben, aus dem Nebel seines Schlafes zu erwachen und die Wahrheit zu erkennen. So schickt er ihm einen Zora’at-Aussatz auf sein Kleid. Jetzt liegt es an dem Mezora-Aussätzigen, das Übernatürliche an diesem Zora’at zu erkennen und diesen g‘ttlichen Fingerzeig anzuerkennen, um die sich daraus ergebene Schlüsse zu ziehen und Teschuwa zu machen. Bemerkt er es aber noch immer nicht, und betrachtet diesen Zora’at als gewöhnlichen, natürlichen Aussatz, so folgt der Zora’at an seinem Haus. Spätestens jetzt müsste er erkennen, dass er es hier mit einem übernatürlichen Phänomen zu tun hat. Denn Kleider und Häuser erhalten keine solche „weissen Flecke“ auf natürliche Weise.

Diesen Fingerzeig schickt Hkb“H aber nur dem normalerweise unter Seiner „Haschgacha Pratit“ stehenden Klall Jisrael. Die Kleider und Häuser der ‚Umot haOlam‘ hingegen verunreinen nicht durch Zora’at [7]. Aber leider verlor auch Jisrael die Würdigkeit dieser Gnade, schreibt der Siporno [8], und erklärt so die Meinung von Chasal [9], wonach es den Zora’at auf ein Haus noch nie gegeben hat [10].

Auf dieser Weise wird der Zusammenhang der Zora’at-Satzungen mit der „ganzen Tora“ verständlich. Hier geht es nicht nur um die Bestrafung gewisser Sünden wie „Laschon haRa, Blutvergiessen, Raub, Ehebruch, Meineid, Stolz und Geiz“ die mit dem Zora’at-Aussatz bestraft wurden [11], sondern vielmehr um die Belehrung des Jehudi über den Sinn der gesamten Tora: Dass sich Jisrael seiner hohen ‚Madrega‘ und innige Verbindung zu Hkb“H bewusst wird und danach lebt, denkt und handelt. Indem es sich nicht vom Trugbild der natürlichen Erscheinungen und Reizen dieser irdischen Welt – dem „Ruach Schtuss“ – blenden und verleiten lässt.

    [1] Ba’al haTurim 13,59

    [2] Rabbi Elijahu de Vidas sZl. aus Zfat, ein Schüler des Kabbalisten Rabbi Mosche Cordovero sZl., wirkte als Raw und Mekubal in Chewron, verstorben im Jahr 5347/1587.

    [3] Reschit Chochma in Scha’ar Ahawa 9,16

    [4] Chid“o in seinen Bemerkungen zum Sefer Reschit Chochma ibid.

    [5] Sota 3a

    [6] Dewarim 4,4

    [7] Mischna Nega’im 11,1

    [8] Rabbi Owadja Siporno sZl. aus Oberitalien (ca. 5230-5310/1470-1550), amtierte als jüdischer Rabbiner und Lehrmeister in Rom und Bologna.

    [9] Sanhedrin 71a

    [10] Siehe ausführlich Siporno Wajikra 13,47. Siehe auch Abrabanel zur Stelle.

    [11] Erchin 16a