Was war das eigentliche Wunder von Chanuka?

Raw Chaim Grünfeld.

„Mai Chanuka?“, fragen Chasal in der Gemara und schildern darauf in Kürze die Ereignisse der griechischen Bedrohung, den Sieg der Chaschmonäer und das danach geschehene Öl-Wunder im Bet haMikdasch [1]. Die Gemara verwendet an dieser Stelle nicht die von ihr gewöhnlich verwendeten Einleitungsworte bevor sie eine ihren überlieferten Lehre zitiert: „Tanu Rabbanan – unsere Weisen haben gelehrt…“ Stattdessen leitet sie das Thema mit einer Frage ein: ‘Was ist Chanuka?‘ „Damit wollen sie uns aufmerksam machen“, erklärt der Sfat Emet sZl., „dass wir verpflichtet sind, sich am Chanuka selber diese Frage zu stellen, und sich Gedanken über die Bedeutung von Chanuka zu machen!“ [2]Die Umstände, wie es zum „Galut Jawan“ und den Verfolgungen von Seiten der Seleukiden kam, ist bekannt. Doch wie es eigentlich zur Erlösung kam ist unklar. Gemäss manchen Berichten zu Folge, kam der Aufstand der „Chaschmona’im“ erst vor der Heirat einer ihrer Töchter zustande, als diese gezwungen war, davor eine Nacht im Haus des griechisch-seleukidischen Statthalter zu verbringen. Sie stachelte darauf ihre Brüder an – so wie sich Schimon und Levi für ihre Schwester Dina einsetzten – ihre Ehre zu retten und diesem Ungemach ein Ende zu setzen. Später soll dann daraus der totale Sieg gegen die ‚Jewanim‘ erfolgt sein [3]. Die historische Genauigkeit und Authentizität dieser Quellen ist jedoch umstritten.

Aus dem sicherlich zuverlässigen Bericht der „Megilat Ta’anit“ hingegen ist zu entnehmen, dass durch diese Aktion diese furchtbare ‚Gesera‘ (Verhängnis) aufgelöst wurde und man damals den 17. Elul als jährlichen Gedenktag bestimmte, um Hkb“H für die Rettung aus der Hand dieses Statthalters zu feiern [4]. Demnach hat dieser ‚kleine Sieg‘ wohl nichts mit dem grossen Aufstand der Chaschmona’im gemeinsam. Denn weshalb sollte man einen Gedenktag für diese Errungenschaft festlegen, wenn man sowieso acht Tage Chanuka für die totale Befreiung aus allen Geserot der Jewanim feiert? Vielmehr scheint der Mord des Statthalters nur eines ihrer Probleme gelöst zu haben, dass ihre ‚Kalot‘ künftig nicht mehr belästigt wurden. Von da aber, bis zur Befreiung aus der Hand ihrer seleukidischen Besatzer, war noch ein weiter Weg. Auf diese Idee scheint damals niemand gekommen zu sein, weil sie zu abwegig und gänzlich unausführbar schien!

Auch in der bekannten „Megilat Antijuchas“ oder im „Sefer Josifun“ (Josephus Flavius) wird über den Beginn des Aufstands nur soviel berichtet, dass ‚Matitjahu ben Jochanan Kohen Gadol‘ (oder Jochanan ben Matittjahu) sich plötzlich zu einem Aufstand gegen die ‚Jewanim‘ entschied. Nimmt man in Betracht, dass die seleukidische Besatzung und Verfolgungen mehrere Jahre andauerte, und ganze drei Jahre lang keine ‚Awoda‘ im Bet haMikdasch stattfand, stellt man sich die Frage, was den ‚Matitjahu haKohen‘ plötzlich dazu bewogen hat einen Aufstand anzuzetteln und sich dem zahlreich überlegenen Feind zur Wehr zu setzen?

Eine Antwort dazu finden wir in einem Zitat des Sohar haKadosch zum Passuk (Bereschit 8,11): „Und die Taube kam zu ihm (Noach) zur Abendzeit, und siehe ein abgerissenes Olivenblatt war in ihrem Mund“. – „In der Abendzeit des ‚Galut Jawan‘, als das Gesicht Jisraels schwarz vor Leid und Peinigung war, als ihnen jegliche Hoffnung wie das Licht des Tages schwand, da brachte die Taube ein abgerissenes Olivenblatt: Hätte Hkb“H nicht den Geist der Kohanim erweckt, welche die Lichter der Menora mit Olivenöl entzündeten, so wäre der Rest Jehudas chalila von der Welt verloren gegangen!“ [5]

Aus den Worten des heiligen Sohar sind mehrere Dinge zu entnehmen: Der Aufstand der Kohanim fand ganz plötzlich und völlig unerwartet statt, nicht aufgrund ihrer eigenen Initiative, sondern nur deshalb, weil sie auf einmal von Hkb“H dazu erweckt wurden! Bemerkenswert ist ferner, dass hier der Aufstand und Kampf der Chaschmona’im mit keiner Silbe erwähnt wird. Die himmlische Hit’orerut (Erweckung) war gar nicht auf den Kampf gerichtet, sondern es wurde lediglich ihr Wille gestärkt, endlich wieder einmal die heilige Menora im Bet haMikdasch anzuzünden!

Dies war die Message der Taube an Noach: „Wisse, dass du zwar der einzige Überlebende der Mabul bist, und durch dir die Menschheit, nach dieser fast totalen Zerstörung, wieder auferstehen wird. Dies geschieht aber nicht durch deine eigene Verdienste, sondern lediglich durch die Gnade von Haschem. Diese Erkenntnis war eine etwas Bittere, daher erfolgte diese Lehre durch ein abgerissenes Olivenblatt. Weshalb aber wurde diese Nachricht gerade durch eine Taube übergeben? Hiermit wurde angedeutet, dass sich für den mit einer Taube geglichene ‚Klall Jisrael‘, in späteren Zeiten die selbe Situation widerholen wird – beim „Nes Chanuka“. So wie zur Zeit der Mabul, als die Menschheit fast gänzlich ausgelöscht wurde, und nur dank der Gnade G’ttes wieder errichtet wurde, kam auch Jisrael am Rande seiner Existenz durch die Bedrohung des ‚Galut Jawan‘. Nur „le’et Erew“, als es in ihren Augen in der Dunkelheit von Jawan fast kein Tageslicht, kein Hoffnungsschimmer mehr zu erkennen war, da erbarmte sich ihrer Hkb“H plötzlich. Und die Erlösung erfolgte „durch ein Olivenblatt“, durch den starken Willen endlich wieder die Öl-Lichter der Menora zu entzünden.

Demzufolge kämpften die Chaschmona’im gegen die seleukidische Besatzung mit nur einem einzigen Ziel vor Augen: Lasst uns das Bet haMikdasch einnehmen, um das Licht der Menora wieder scheinen zu lassen! Sie dachten gar nicht an den Versuch sich vom Joch ihrer Besatzer abzuschütteln, und ganz sicher nicht, dass es ihnen gelingen würde, den übermächtigen Feind gar zu besiegen! All dies war nur ein ungeplanter Nebeneffekt, aber ganz sicher nicht das eigentliche Ziel. Was auch vom weiteren Verlauf der Geschichte zu erkennen ist. Der totale Sieg gegen die Seleukiden geschah nicht beim „Nes Chanuka“, sondern erst nach zahlreichen Kämpfen – 20 Jahre später! Und dieser Sieg an und für sich, war nicht unbedingt zum Vorteil Jisraels. Denn die meisten Könige der ‚Chaschmonäer-Dynastie‘ waren bekanntlich Rescha’im und machten den ‚Peruschim‘ (toratreue Jehudim) ebenso das Leben schwer, wie zuvor die Jewanim. Nein, das Ziel dieser himmlischen ‚Hit’orerut‘ war einzig alleine die Wiederentfachung des Lichts der Tora, und deshalb kämpften die Kohanim, Matitjahu und seine Söhne, um die Jewanim aus dem Bet haMikdasch und Jeruscholajim zu vertreiben.

Im Licht dieser Erkenntnis liest sich die Tefilat „Al haNissim“ mit anderen Augen: Bekannt ist die Frage, weshalb in diesem Dankesgebet nicht ausdrücklich das Öl-Wunder erwähnt wird, der Kern der Chanuka-Geschichte? Die Antwort lautet jedoch, dass dies gar nicht der Kern der Chanuka-Geschichte ist. Der Verfasser des „Al haNissim“ lässt sich zwar ausführlich über den wunderhaften Kampf gegen die Jewanim aus „Giborim beJad Chalaschim, Rabim beJad Me’atim – Starke in die Hand Schwacher, viele in die Hand weniger“ etc. Doch all diese Wunder, für die wir Hkb“H danken müssen, sind nur zweitrangig. Das Hauptwunder war nämlich: „we’achar kach ba’u Banecha liDwir Betecha… und nachher kamen Deine Söhne zur Wohnstätte Deines Hauses, räumten und reinigten Dein Heiligtum und zündeten Lichter…“ Es ging einzig nur darum, wieder das Licht der Menora zu entzünden, die Flamme des jiddischen Geistes zu entfachen! Zuerst zwar nur im Bet haMikdasch, aber dadurch „beChazrot Kodschecha“ – erstrahlte das Licht der Tora wieder in allen Höfen und Häusern Jisraels.

Somit kann auch die bekannte Frage des Bet Josef beantwortet werde, weshalb man „acht“ Tage Chanuka feiert, obwohl man eigentlich genug Öl für den ersten Tag gefunden hatte? [6] Manche erklären, dass am ersten Tag Chanuka dass Auffinden des unversehrten Ölkrüglein selbst gefeiert wird. Gemäss den Gedanken des erwähnten Sohar hingegen, können wir noch einen Schritt weiter gehen: Am ersten Tag von Chanuka feiern wir das Hauptwunder, dass sich die Kohanim, dank der himmlischen Erweckung die sie plötzlich überkam, aufrafften, und mit wahrem ‚Messirut Nefesch‘ versuchten die Menora zu entzünden. Dies obwohl sie gar nicht wussten, ob und wie sie überhaupt diese ‚Awoda‘ ausführen konnten, sie mussten sich ja zuerst einen Weg zum ‚Bet haMikdasch‘ durchkämpfen. Hkb“H aber, liess sie nicht nur ihre Feinde besiegen, sondern stellte ihnen auch Öl für die Entzündung Menora zur Verfügung. Damit sie nicht das von den Jewanim verunreinigte Öl vernwenden mussten, liess Er sie gar ein versiegeltes Krüglein mit reinen Öl finden. Danach vermehrte sich das Öl auf wunderbare Weise für weitere sieben Tage. Für dieses Öl-Wunder feiert man die anderen sieben Tage Chanuka [7].

Wie der Pne Jehoschua erklärt, zeigte uns Hkb“H damit seine Liebe zum ‚Klall Jisrael‘, dass sie diese Mizwa in Reinheit ausführen konnten [8]. Wie lernen daraus auch eine weitere Lehre: Oft lässt Hkb“H‘s grosse Güte und Gnade in uns eine plötzliche „Hit’orerut zur Awodat Haschem“ (Erweckung zum G’ttesdienst) hervorrufen. Doch leider nimmt man sie nicht immer zu Kenntnis. Der Mensch neigt dazu, seine aufkeimende „gute Gedanken“ schnell wieder abzuwinken, mit der Behauptung, dass sie sich sowieso nicht in der Tat umsetzen lassen.

„Mai Chanuka – was ist Chanuka?“ Das Wunder von Chanuka aber belehrt uns, dass es gar nicht die Aufgabe des Menschen ist, den Weg zur Umsetzung all seiner guten Vorsätze und Gedanken zu finden. Ihm obliegt nur die Pflicht die ihm vom Himmel gesandte Hit’orerut – den in ihm entfachte Wille Haschem zu dienen – ernst zu nehmen, das Licht seiner Menora zu entzünden und die Flamme seiner Tora und Mizwot zu vergrössern. Und dies erreicht man, in dem man ein bisschen ‚Messirut Nefesch‘ zeigt, und wie die Chaschmona’im sein Möglichstes zu leisten versucht. Um den Rest sorgt sich dann Hkb“H, und hilft ihm, sein Vorhaben und Willen in die Tat umsetzen zu können, auch wenn ihm dies zu Beginn als gänzlich unmöglich schien.

In den Sefarim haKedoschim wird der Name „Chanuka“ als eine Ableitung von „Chanukat haMisbeach“ (Einweihung des Altars) interpretiert. Auch für uns soll Chanuka als eine „Einweihung“ gelten, dass wir die in uns aufkommende Hit’orerut sofort ernst nehmen und einweihen, d.h. sie in der Tat umzusetzen versuchen!

Die „Parschat Mikez“ fällt jährlich mit Chanuka zusammen. Auch in dieser Parscha handelt der Kern der Geschichte von diesen Gedanken. So lässt der Midrasch diese Parscha mit dem folgenden Passuk einleiten (Ijow 28,3): „Kez sam laChoschech – ein Ende legte Er der Finternis“. Auch Josef haZadik musste im Gefängnis solange ausharren, bis ihm von Hkb“H die plötzliche Erlösung beschieden war. Er durfte sein Schicksal nicht selber in die Hand nehmen. Und als er dem ‚Schenkmeister‘ bat, sein trauriges Los Par’oh gegenüber zu erwähnen, wurde er dafür mit zwei weiteren Gefängnisjahren bestraft! [9]

 „Kez sam laChoschech – ein Ende bereitet Er der Finsternis“. Oft liegt es nicht in der Hand des Menschen sich aus seiner misslichen Situation zu befreien. Er muss warten bis ganz plötzlich und völlig unerwartet die ‚Jeschua‘ (g’ttliche Hilfe) kommt. Doch dann gilt der folgende Grundsatz: „ule’chol Tachlit hu Choker – Er forscht nach dem Ziel/Zweck von Allem“ – Wenn dem Mensch endlich die Erleuchtung überkommt, und sich in ihm der Funke des Tora-Lichts entfacht, dann liegt auf ihm die Pflicht die Sache in die Hand zu nehmen und nach der Wahrheit zu forschen. Und zwar solange bis man ans Ziel gelangt!

Tatsächlich handelte auch Josef haZadik nach diesem Prinzip. Zuerst musste er schweigen, wartend auf die himmlische ‚Jeschua‘ hoffen. Doch dann als sie endlich kam, da nahm er die ihm vom Himmel gestellte Aufgabe „Herrscher über Mizrajim“ zu sein sehr ernst. Deshalb ergriff er selber die Initiative und legte dem Par‘oh unaufgefordert einen fertigen Plan auf den Tisch, wie man sich gegen der kommenden Hungersnot rüsten muss. Da dem Josef vom Himmel die Wahrheit von Paraos Träume offenbart wurden, lag es an ihm auch die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass mit diesem Wissen ernsthaft umgegangen wurde. Und siehe da! Trotz der zu Beginn unmöglich erscheinende Möglichkeit, sich gegen der nahenden Katastrophe behaupten zu können, versuchte Josef alle seine Möglichkeiten in die Tat umzusetzen. Und Hkb“H belohnte ihn, und das schier Unmögliche gelang. Er rettete Mizrajim und alle seine Nachbarländer vor dem wirtschaftlichen Untergang und wurde zu deren Ernährer. Während die Nahrungsmittel aller Einwohner verfaulte, blieben seine Nahrungsmittel auf unerklärliche Weise frisch und ganz! [10]

Quellennachweis:

  • [1] Schabbat 21b
  • [2] Sfat Emet zu Chanuka 5640
  • [3] Midrasch leChanuka und Midrasch Ma’asse Chanuka
  • [4] Megilat Ta’anit Kap.6
  • [5] Sohar Chadasch P. Noach S.23b
  • [6] Bet Josef Orach Chajim 670
  • [7] Siehe hiezu ähnliche Gedanken in Keduschat Levi ‚Keduscha Schlischit‘ zu Chanuka
  • [8] Pne Jehoschua zu Schabbat 21b
  • [9] Raschi und Midrasch Tanchuma ende P. Wajeschew und Midrasch Bereschit Rabba 89,2
  • [10] Siehe Raschi 41,45