Die Lehre der Mischpatim – „wie ein gedeckter Tisch“

Raw Chaim Grünfeld.

 „We’Ele haMischpatim ascher tassim lifnehem – Und dies sind die Rechtsordnungen, die du ihnen vorlegen sollst“ (21,1).Raschi erklärt, dass mit „vorlegen“ nicht nur das gründliche Lernen der Tora und deren Gebote gemeint ist, vielmehr werde hier auch ein präzises Darlegen der Mizwot und deren Gründe verlangt. „Wie ein gedeckter Tisch“, an den man sich zum fertig vorbereiteten Essen hinsetzen kann und auf den man nichts Ungekochtes und Ungeschältes vorfindet.

Chasal lernen dies aus dem Passuk, weil hier das Wort „vorlegen“ verwendet wird, anstatt wie üblich „sagen“ oder „befehlen“. Raw S.R. Hirsch sZl. bemerkt, dass der Ausdruck „eine Sache jemanden vorlegen“ in der ganzen Tora, ausser bei den Mitteilungen der „Mischpatim“ durch Mosche am Klall Jisrael, nur noch in einer einzigen Bedeutung vorkommt: Als spezieller Ausdruck für das Auftragen zubereiteter Speisen vor einem Gast [1].

Daraus kann gefolgert werden, dass der Vergleich zwischen den „Mischpatim“, den Rechtsordnungen der Tora, und dem zubereiteten Essen nicht etwa nur ein Wortspiel ist. Vielmehr handelt es sich um eine genaue und präzise Definition, mit der wir den Sinn, Zweck und die Reichweite der „Rechtsordnungen“ verstehen können, d.h. der Vergleich dient als Leitfaden der „Mischpatim“. Wir haben daher folgendes zu untersuchen:

    a) Den Sinn der Mischpatim,
    b) ihren Zweck, und
    c) ihre Reichweite.

a) Chasal sagen: „Auf drei Dinge besteht die Welt: Auf Wahrheit, Recht und Frieden“ [2].

Jeder  Mensch, der das tägliche Leben in seiner Umgebung und zwischen seiner Mitmenschen betrachtet, versteht, dass eine Welt, und ganz besonders die heutige moderne, fortgeschrittene Welt, ohne Recht und Gesetz keinen Tag bestehen könnte. Daher wurde bereits den Bne Noach befohlen, Rechte und Gesetze einzuführen. Dies betrifft das Wohl aller Völker der Erde.

Noch mehr gilt dies für den Klall Jisrael, der die Rechte und Gesetze direkt von Hkb“H hörte und in der schriftlichen Tora und mündlicher Überlieferung erhalten hat. Somit verstehen wir den bekannten Ausspruch von Chasal: „Die Welt existiert nur durch die Tora“ [3], nicht nur in geistigem Sinne, dass es sich auf das Toralernen und den Kijum haMizwot bezieht. Dies kann auch auf physische Weise interpretiert werden: „Die Welt kann nicht ohne Rechtsordnung bestehen“. Damit ist das Rechtssystem der Tora gemeint, denn für uns existiert keine andere, und ohne diese können wir nicht überleben!

Die Wichtigkeit einer Rechtsordnung und insbesondere diejenige der Tora, kann mit dem Essen verglichen werden, denn kein Lebewesen kann ohne Nahrung bestehen. Der „Sinn der Mischpatim“ ist demnach die Erhaltung der Welt, so wie uns das Essen am Leben erhält.

b) Weshalb gibt die Rechtsordnung für die Welt die notwendige Kraft und Möglichkeit zum Bestand? Weil es ohne diese keine Ordnung, Sitte und Moral geben würde. Chaos, Anarchie und Amoral würde auf der Erde herrschen.

Und so lehrten uns auch unsere Weisen: „Im en Tora en Derech Erez“ und “Im en Derech Erez en Tora“ [4], ohne Tora gibt es keine effiziente Ordnung, Sitte und Moral. Das eine ist mit dem anderen verbunden. Nur durch die Tora, unsere Mischpatim, gibt es Ordnung, während es im umgekehrten Fall, d.h. ohne Ordnung, auch keine Tora existieren kann, weil diese ja die Ordnung selbst ist!

Auch diese Lehre kann mit dem Essen geglichen werden: Bei jeder Speise muss eine gewisse Vorarbeit geleistet werden. Selbst die bereits von Natur aus essbaren Dinge müssen für den Tisch zubereitet werden. Sie sind zwar „essbar“, jedoch nicht geniessbar und angenehm!

Daher setzen Chasal ihren Leitspruch fort und sagen (ibid.): „Im en Jir’ah en Chochma – ohne G’ttesfurcht gibt es keine Weisheit“. Weshalb gibt es ohne G’ttesfurcht keine Weisheit? Es gibt doch zahlreiche kluge Leute, grosse Denker und Genies auf der Welt die leider weder an G’tt glauben, noch sich von sittlichen Verhaltensregeln und moralischem Denken einschränken lassen? Die Antwort ist, dass gerade deswegen, all ihr Wissen und Klugheit oft in unsinnigen Sprüchen verlaufen, ohne der Nachwelt ein ewiges geistreiches Erbe zu hinterlassen. „Jira’t Schamajim“ ist die für die Speisezubereitung absolut notwendige Salz und Gewürz, ohne deren Zutat, jegliche „Chochma“ eines Menschen fade und ungeniessbar schmeckt!

Im en Tora en Kemach – ohne Tora kein Mehl (Nahrung)“. Wieso? Das Beschaffen der Nahrung selber hat doch nichts direkt mit dem Toralernen etc. zu tun? Weil ohne Tora und deren Mischpatim, ohne Ordnung, Sitte und Moral, das Leben und die Annehmlichkeiten auf dieser Welt nicht auf richtige Art genossen werden. Da läuft man Gefahr, dass es nicht chalila zu (Dewarim 32,15) „Wajischman Jeschurun wajiw’at“ [5] ausartet!

Der Genuss des „Kemach“, der irdischen Dinge, ist nur dann möglich wenn diese mit der Tora zusammen verbunden ist, also auf den richtigen Weg ausgeführt werden. Der „Zweck der Mischpatim“ ist demnach derjenige, dass Ordnung, Sitte und Moral auf der Welt herrscht.

c) Obwohl die Tora hier in „Parschat Mischpatim“ mit der Ausführung der Mischpatim beginnt, beinhaltet die schriftliche Lehre nur eine kurze Aufzeichnung der Mizwot. Die genaue Erklärung und detailierten Einzelheiten sind so ausführlich, dass sie der mündlichen Überlieferung (Tora schebe’al Peh) vorbehalten sind.

Die „Reichweite der Mischpatim“, wie sie hier in der Parscha mitgeteilt werden, ist demnach nur als Grundlage zu betrachten. Erst wenn der Tisch mit den richtig und auf angenehme Weise zubereiteten Speisen gedeckt ist, kann man mit der Mahlzeit beginnen. So benötigt auch die Erfüllung der Mischpatim, ausser der Grundlage, unbedingt auch die präzisen Erläuterungen der „Tora schebe’al Peh“. Erst wenn man diese beherrscht, können die Mischpatim als ordentliche Rechtsordnung in Kraft treten.

Die „Mischpatim“ werden daher nicht grundlos mit dem Auftischen und Vorlegen der Speisen verglichen. Sinn, Zweck und Reichweite der Mischpatim, sind einerseits wie lebenswichtige Nahrungsmittel zu betrachten, ohne die der Mensch nicht existieren kann, und anderseits auch wie deren notwendige, oft mühselige Zubereitung, ohne die der Mensch das Essen nicht ordentlich geniessen kann. Die Mischpatim stellen zwar in ihre schriftlich niedergelegten Form die lebenswichtige Grundlage der Tora dar, sind jedoch auf diese Weise unzulänglich. Sie müssen wie die bereits vorhandenen Nahrungsmittel, erst noch zu köstlichen und geniessbare Speisen zubereitetet und auf dem Tisch angenehm serviert werden müssen, bevor sie gegessen werden können. Daher musste Mosche Rabenu den Bne Jisrael die Mischpatim wie ein „gedeckter Tisch“, mit allen Einzelheiten und Erklärungen der mündlichen Überlieferung darlegen.

Wie Chasal bemerken, wurde die „Parschat Mischpatim“ anschliessend an die „Parschat haMisbeach“ (Ende P. Jitro) geschlossen, weil „der Tisch des Menschen dem Misbeach gleicht“ [6]. Wenn also die Rechtsordnung der Tora wie ein „gedeckter Tisch“ serviert und genossen werden soll, muss es natürlich ein solcher Tisch sein, der einem Misbeach nachempfunden wurde. Ein Gedeck, aus heiliger Korbanot bestehend, und eine Mahlzeit, die der würdevollen Darbringung der Kohanim gleichkommt! So sollte auch der Umgang mit den „Mischpatim der Tora“ sein: die Lehre und die Debatte, deren Aufnahme und endliche Ausführung. Alles mit dem nötigen Respekt, und der dazu gehörende Heiligkeit und Würde.

Quellennachweis:

    [1] Siehe Bereschit 24,33 und Schmuel Bd1/9,24 und 28,22

    [2] Pirke Awot Ende Kap.1

    [3] Midrasch Tanchuma P. Ki Tawo 3 und P. Ha’asinu 3, und ähnliches in Pirke Awot 1,2

    [4] Pirke Awot 3,21

    [5] „Jeschurun (Jisrael) wurde durch dem Genuss zu vieler irdischen Genüssen fett und verstiess gegen seine sittliche Ideale und Vervollkommenheit“ (siehe ausführlich Chumasch Hirsch).

    [6] Chagiga 27a