Weshalb musste Noach die Tiere in der Tewa selbstständig füttern?

Raw Chaim Grünfeld.

 

Chasal werfen Noach vor, sich nicht genügend um seine Mitmenschen gekümmert zu haben, da er nicht für deren Rettung gedawent hat [1]. Er habe auch nicht hinreichend versucht, sie von ihren Missetaten abzubringen und zur Teschuwa zu bekehren, sagte der Arisa“l. Deshalb musste seine Neschama nochmals in Mosche Rabenu zur Welt kommen (Gilgul), der diesen Fehler in Ordnung brachte, indem er die Bne Jisrael fortwährend über ihre Sünden zurechtwies [2].Auf diese Weise erklären manche die von Raschi zitierenden „Jesch Dorschin leGnai”, die Noachs Zidkut herabstufen und zur Schande deuten: „Nur im Verhältnis zu seinem Zeitalter war er „gerecht“, hätte er aber in der Zeit von Awraham Awinu gelebt, so wäre er für gar nichts gerechnet worden“ [3]. Denn obwohl die Tora Noach einen Zadik nennt, habe er noch lange nicht die Stufe eines Awraham Awinu erreicht, weil Awraham die Menschen zum Guten beeinflusste.

Rabbi Jisrael von Tschortkov sZl. begründet das Verhalten von Noach damit, dass dieser die Bosheit seiner Mitmenschen erkannte, die nicht auf seine Mahnungen hören würden. Noach wurde ausgelacht [4], als Schwarzseher und Spinner verspottet. Aus diesem Grund beschloss Noach, alle seine Kräfte und Bemühungen auf die zukünftige Generation zu richten und mindestens seine Kinder auf dem Pfad der Tora und der Tugend zu erziehen. Der Rest seiner Generation war in seinen Augen hoffnungslos verloren.

Tatsächlich übermittelte Noach seine ganze Tora seinem Sohn Schem und dieser gründete nach der Mabul die bekannte Jeschiwa von „Schem und Ewer“, in der später auch ihr Nachkomme Jakov Awinu 14 Jahre lang Tora lernte. So wurde Noach zum Wegbereiter der Bne Jisrael, die seine Tora und sein Zidkut fortsetzten [5].

Auch „Jafet“, der älteste Sohn von Noach, hatte einen edlen Charakter und den Verdienst, sein Schönheitsideal im Umkreis der Tora ausleben zu können (9,27): „Jaft Elokim leJefet“. Nur in Noachs zweiten Sohn „Cham“ hatte das Übel der alten Generation überlebt. Dafür zog Noach bei ihm seine Konsequenzen und versuchte das Böse so weit wie möglich einzuengen und unter Kontrolle zu halten, indem er die Kinder Kena‘ans zu Sklaven von Schem und Jafet bestimmte. Auf diese Weise hoffte er, würden sie nicht in der Lage sein, wie das „Dor haMabul“ Böses nach eigenem Gutdünken auzusüben. Sie würden ihren Herren gehorchen müssen und  hätten das gute Beispiel der edlen Eigenschaften ihrer Herren immer vor Augen.

Dennoch ging die Rechnung von Noach nicht auf. Mit seinen allzu geringen Bemühungen um seine Mitmenschen und mit seiner Bereitschaft, sie ihrem selbstverschuldeten Schicksal zu überlassen, hatte er eine gewisse Mitschuld an ihrem Untergang auf sich geladen. Daher wird die Flut der Mabul durch den Nawi Jeschaja (54,9) „Mej Noach – die Wasser des Noach“ genannt.

Dies können wir auch aus der Art und Weise von Noachs Rettung sehen, wenn man in Betracht nimmt, wieviele Wunder dabei erreigneten. Um nur einige davon zu nennen: Es kamen nur solche Tiere in die Tewa, die nicht gesündigt hatten; die verschiedensten und zum Teil gar verfeindete Tiere lebten ein  ganzes Jahr lang friedlich eng zusammengepfercht; die von Noach gesammelte Nahrung genügte für ein ganzes Jahr, obwohl er im voraus die Dauer des Aufenthaltes in der Tewa nicht kannte und sowieso auf keinen Fall eine solche Menge hätte einsammeln und der Tewa aufbewahren können, dennoch genügte die Nahrung und verfaulte nicht etc.

Im Midrasch wird erzählt, wie Noach und seine Söhne sich Tag und Nacht um die Tiere kümmern mussten, denn rund um die Uhr mussten jeweils andere Tiere gefüttert werden. Dabei verspätete Noach einmal die Fütterung des Löwen, so dass  dieser ihn vor Aufregung ins Bein biss. Als Noach nach der Mabul aus der Tewa kam, war er so krank, dass der Mal’ach Refael ihn die Wirkung verschiedener Heilpflanzen lehrte,  damit  er  sich  kurieren konnte [6].

Da stellt sich die Frage: Wenn sich in der Tewa schon so viele übernatürliche Dinge abspielten, weshalb konnten sich die Tiere dann nicht auch selbst ernähren? Warum musste der Zadik Noach den Zoowärter spielen, statt sich in Ruhe dem ‚Limud haTora‘ und der ‚Awodat Haschem‘ widmen zu können?

Dies war aber eine g‘ttliche Lehre – „Mida keneged Mida“. Weil Noach es unterlassen hatte, sich vor der Mabul um seine Mitmenschen zu kümmern, musste er in der Tewa auf schmerzvolle Weise erfahren, dass trotz der hohen Bedeutung des Toralernen diese manchmal wegen „Gemilus Chessed“ vernachlässigt werden muss, wenn sonst niemand anders diese Hilfeleistung ausführen kann.

Dadurch verstehen wir die Absicht der erwähnten „Jesch Dorschin leGnai“, die Noachs Zidkut herabstufen. Hier wird nicht der Versuch unternommen, den Noach, der von der Tora ausdrücklich „Zadik“ genannt wird, herunter zu machen. Auch diese Meinungen sind mit den „Jesch Dorschin leSchwach“ einverstanden, die Noach loben. Sie fügen jedoch hinzu, um die späteren Ereignisse der Mabul zu verstehen, dass dieses Lob, dass Noachs gute Taten leider auch einen gewissen Makel, eine  kleine  Schwachstelle aufwiesen.

Somit ist der Passuk so zu verstehen: „Ele Toldot Noach – dies sind die Nachkommen von Noach“, womit – wie Raschi ausführt – nicht die Nachkommen, sondern die guten Taten des Zadiks gemeint sind. Was waren seine guten Taten? „Noach Isch Zadik, Tamim haja bedorotav – Noach war ein gerechter, vollkommener Mann in seinen Zeiten“.

Noach war ein Zadik, den nur der volkommene und kompromisslos G‘ttesdienst am Herzen lag. Deshalb war er auch ein „Tamim – Vollkommener“ in seiner Generation. Gut daran war das Vorhaben, die nächste Generation aufzubauen und sie vor jeglichem schlechtem Einfluss zu schützen. Die Schwachstelle aber war die totale Aufgabe der gegenwärtigen Welt.

Deshalb „Et haElokim hithalech Noach – mit G’tt wandelte Noach“, musste auch Noach die Strenge der „Midat Hadin“ (Elokim) erfahren und musste sich in die Tewa Tag und Nacht um seine Mitbewohner kümmern.

Zudem enthielt dieser Verweis eine weitere Lehre: Noach   versuchte seine Mitmenschen mit Mussar und Zurechtweisung auf den richtigen Weg zurückzubringen4, aber seine Bemühungen erzielten nicht den gewünschten Erfolg. Awraham Awinu hingegen verfuhr auf eine ganz andere Weise: Durch die Mizwa von „Hachnassat Orchim“ gelang es ihm die Leute G’tt näher zu bringen [7]. In der Tewa musste Noach sich um das Wohl aller Tiere kümmern und sie füttern, denn Menschen waren keine mehr geblieben, die er zu sich zu einer Mahlzeit einladen konnte. Die Rettung von Noach vor der Mabul geschah durch die „Hachnassat  Orchim“ an  den  Tieren  der  Welt!

Quellennachweis:

  • [1] Sohar Bd1/S.67b, Haschmatot S.252b, und Sohar Chadasch S.23a. Siehe auch ausführlich Tiferet Schlomo-Radomsk und Be’er Mosche-Ozerow (Noach Ma’amar 1)
  • [2] Kiswe Arisa“l (Sefer haLikutim P. Ki Sissa „mecheni“). Siehe auch Pirche Aharon (von R. Aharon Kohen sZl., Schwiegersohn des Chafez Chajim zu P. Noach)
  • [3] Raschi 6,9. Siehe auch Sanhedrin 108b, Midrasch Bereschit Rabba 30,9, Tanchuma Noach 5, Sohar Tosefta S.60
  • [4] Sanhedrin ibid. und Bereschit Rabba 30,7
  • [5] Ginse Jisrael, P. Noach 5672
  • [6] Raschi 7,23 gemäss Midrasch Tanchuma Noach 9, Taschbe“z Katan 445 und Chid“o in Dwasch leFi 50,28 (s.a. Ozar Midraschim S.400)
  • [7] Midrasch Tanchuma P. Lech 12, Bereschit Rabba 43,7, und Raschi 21,33