Frühzeitige Entstehung des „Galut Mizrajim“

Raw Chaim Grünfeld.

Bezüglich der Dauer des „Galut Mizrajim“ finden wir in den Psukim zwei verschiedene Zeitangaben: Einmal heisst es 430 Jahre (Schmot 12,40), ein anderes Mal 400 Jahre (Bereschit 15,13).

Chasal erklären diesen Widerspruch, dass die Angabe von 430 Jahre ab dem „Brit ben haBessarim“ gerechnet wird, dem Bund, den Hkb“H mit Awraham Awinu schloss [1]. Die 400 Jahre gelten ab der Geburt von Jizchak Awinu [2].

Das effektive „Galut Mizrajim“ dauerte jedoch nur 210 Jahre, wie Chasal uns überliefern [3]. Dies geht aus der folgenden Rechnung hervor: Jochewed, die Tochter von Levi, wurde während der Einreise von Jakov mit seiner Familie in Mizrajim geboren [4]. Als Jochewed Mosche Rabenu gebar, war sie 130 Jahre alt. Mosche selbst war beim Auszug der Bne Jisrael aus Mizrajim 80 Jahre alt [5]. Dies ergibt die erwähnten 210 Jahre [130 + 80]. Mit diesen 210 Jahren wird aber nicht die Versklavung der Bne Jisrael in Mizrajim gemeint, da diese keine 210 Jahre lang andauerte, sondern deren Exil aus der Heimat und das Wohnen unter dem Einfluss eines fremden Volkes und Kultur. Die Frontarbeit hingegen begann erst nach der Petira von Levi, der am längsten von allen Söhnen Jakovs lebte [6]. Demnach dauerte die Zeit der schweren Arbeit nur 86 Jahre, wie der Zahlenwert von  אלקים [1+30+5+10+40] betrifft, eine Andeutung auf die „Midat haDin“.

Es stellt sich daher die Frage: Wenn das richtige Galut nur 210 Jahre lang dauerte, weshalb wird es dann in den Tora einmal mit 430 und einmal mit 400 Jahre angegeben?

Eine bekannte Antwort dazu lautet, dass das Galut eigentlich 430 oder 400 Jahre lang dauern sollte. Hkb“H zählte aber die Nächte zu den Tagen hinzu und verkürzte so ihr Exil, weil die Mizrim die Bne Jisrael auch in der Nacht schikanierten [7].

Nach einer anderen Meinung arbeiteten sie in den 86 Jahren so schwer, wie es eigentlich für 400 Jahre vorgesehen war [8]. So konnten die Bne Jisrael früher aus Mizrajim ausziehen, das ihnen bereis sehr grossen geistigen Schaden zugefügt hatte. Und wenn sie nur noch einen Moment länger in Mizrajim verbracht hätten, so wären sie chalila bis auf die 50. Stufe der Tum’ah (Unreinheit) herabgesunken, und wären für immer in Mizrajim verloren gewesen, wie der heilige Arisa“l uns offenbarte [9]. Dennoch ist mit diesen Antworten die obige Frage nicht genügend beantwortet!

In der Gemara wird folgender Ausspruch zitiert: „Aus welchem Grund wurde Awraham Awinu bestraft, dass seine Kinder für 210 Jahre in Mizrajim versklavt wurden?

  1. Weil er bei seinem Krieg gegen die vier Könige, seine 318 Hausgenossen mit sich in den Kampf genommen hatte (Bereschit 14, 14) und dadurch deren „Limud haTora“ vernachlässigte.
  2. Schmuel sagte, weil Awraham von Hkb“H ein Zeichen verlangte für die zukünftige Erwerbung von Erez Jisrael (Bereschit 15,8).
  3. Rabbi Jochanan sagte, weil Awraham die Leute von Sdom dem König zurückgab (Bereschit 14,16-31) und sie nicht unter die Flügel der Schechina brachte“ [10].

Diese drei aufgeführte Gründe für das „Galut Mizrajim“ müssen näher erklärt werden: Worin bestand da die „Mida keneged Mida“ mit der Hkb“H „Gleiches mit Gleichem“ vergeltet, zwischen einer solch langen und furchtbaren Sklaverei, und diesen eigentlich kleinen Vergehen?

Zudem heisst es an einer anderen Stelle: „Weil Par‘oh in Mizrajim ‚Awraham Awinu‘ vier Schritte weit begleitete (nach dem er ihm ‚Sarah Imenu‘ zurückgab und ihm in Ehre verabschiedete), wurden dessen Kinder in Mizrajim für 400 Jahre versklavt“ [11]. Wie sind diese Worte von Chasal zu verstehen?

Es ist bekannt, dass das „Galut Mizrajim“ auf jeden Fall stattgefunden hätte, denn so wollte es die g’ttliche Vorsehung. In den Sefarim haKedoschim wird der Sinn des „Galut“ (Exil) so verstanden, dass es eine Vorbereitung für die spätere Galujot und Vertreibungen war. Der Klall Jisrael sollte aus den Fehlern und Irrtümern im Galut Mizrajim lernen, um mit seinen Konflikten in späteren und im heutigen Exil besser fertig zu werden. In Mizrajim konnte man nämlich klar beurteilen, wer alle Jahre hindurch zu leiden hatte, und wer von allen Leiden verschont wurde: Der Stamm Levi, der Tora lernte, wurde nicht behelligt. Die anderen Bne Jisrael dagegen, die ihre Torah und die „Brit Mila“ vernachlässigt hatten, mussten hart arbeiten.

Auch der Auszug aus Mizrajim fand unter diesen Bedingungen statt. Wer die Mizwot von „Brit Mila und Korban Pessach“ erfüllte, durfte ausziehen [12], während die anderen während der „Makat Choschech“ umkamen [13]. Die Beachtung der Tora und Mizwot sind die einzige Hoffnung und Rettung auch in unserem heutigen Exil!

Dies zeigen uns Chasal bei ihrer kritischer Beurteilung von Awraham Awinus Taten, gemäss der erwähnten Regel von „Ma’ase Awot Siman leBanim – die Taten der Väter sind ein Zeichen für die Kinder“ [14]. Als nun Awraham die Tora seiner Hausgenossen vernachlässigte, schuf er somit die Voraussetzung für die Schwierigkeiten und Unterdrückung im Galut Mizrajim. Und als er es versäumte die Leute von Sdom G’tt näher bringen zu versuchen, und sie sofort dem König zurückgab, schuf er damit die Voraussetzung der Vernachlässigung des g’ttlichen Bundes. Zudem wurde dem Awraham, als er von Haschem ein Zeichen des Bundes verlangte, ungenügende „Emuna“ an G’tt vorgeworfen.

So hatte das künftige Galut Mizrajim, in dem die Bne Jisrael ebenfalls die Tora, den g’ttlichen Bund und ihren Glauben an G’tt vernachlässigten, seine Ursache bereits 430 Jahren zuvor gefunden. Daher sagte Hkb“H nach diesen drei Geschehnissen zu Awraham Awinu beim „Brit ben haBessarim“ (Bereschit 15,13): „Wisse, dass deine Kinder ins Exil gehen werden“. Denn das ‚Galut Mizrajim‘ hatte jetzt – aufgrund dieser drei Verfehlungen – seinen Anfang genommen!

Später entstand durch die ehrenvolle Begleitung Awrahams durch Par‘oh eine weitere Anklage gegen Jisrael. Par‘oh durfte als Dank seiner Ehrbezeugung gegenüber Awraham, dem ‚Zadik haDor‘, den Klall Jisrael unterdrücken. Wie die Meforschim erklären, wäre Jisrael auch ohne Par‘ohs Tat versklavt worden, vielleicht aber nicht in Mizrajim oder nicht auf die Art und Weise, wie es die Mizrim später taten. Jetzt aber wurde Mizrajim dank Par’oh, als das Gastgeberland des kommenden Galut, auserkoren [15].

Diese Kraft des nunmehr „mizrischen“ Exils fand seinen Beginn jedoch erst bei Jizchaks Geburt. Wie Chasal erzählen, veranstaltete Awraham bei Jizchaks „Brit Mila“ ein grosses Fest, zu dem er alle Grossen der Welt einlud. Der himmlische Ankläger (שטן) tadelte Awraham dafür, dass er es unterlassen hatte Hkb“H ein Korban darzubringen [16], d.h. Haschem vor Augen aller Könige und Persönlichkeiten der Welt seine Ehre zu erweisen und Ihn zu huldigen. Jetzt, hatte die von Par‘oh gegenüber Awraham ausgeführte Ehrbezeugung als er den Zadik begleitete, die ja einer Ehrbezeugung G’ttes gleichkommt, an Gewicht gewonnen, weil Awraham eine solche Ehrbezeugung unterlassen hatte! So erhielt das Galut Mizrajim 400 Jahre vor dem Auszug der Bne Jisrael, eine weitere Bekräftigung, mit der Vernachlässigung der Verehrung G’ttes.

‚Josef haZadik‘, der als erstes alle Jehudim ins „Galut Mizrajim“ zog, versuchte diese negativen Kräfte ein wenig abzuschwachen. Er bewies seinen Brüdern, dass er seine ‘Brit Mila‘, wie die seiner Kinder, auch im unreinen Mizrajim hütete [17].

‚Jakov Awinu‘ wiederum liess als erstes in Mizrajim, noch vor seiner Ankunft, ein „Bet haMidrasch“ errichten, um dort Tora lernen zu können[18]. Aber auch ihnen gelang es nicht, die Kräfte des Galut Mizrajim gänzlich zu besiegen. Doch für den ‚Stamm Levi‘ hatten sie wenigstens genügend vorgesorgt, dass zumindest diese mit ihrem Glauben an Haschem und der Beachtung der Tora und Brit Mila standhaft blieben. Denn von Levi entstammte Aharon haKohen und Mosche Rabenu, die künftige Erlöser und ‚Manhige haDor‘.

 

 

Wörtererklärung:

Bet haMidrasch = Lernhaus der Tora

Bne Jisrael = Söhne Jisraels (Nachkommen Jakobs)

Brit Mila = Bund der Beschneidung

Chasal = Abk. für Cha-chamenu s-ichrono l-iwaracha, „unsere Weisen selig sei ihr Andenken“, womit die Geistesgrössen der Zeit der Mischna und des Talmuds gemeint sind (ca. 3450-4260 / 300v.-500n.)

Galut / Galujot = Exil(e)

Galut Mizrajim = Exil des jüdischen Volkes in Ägypten

Gemara = Talmud Bawli (der Babylonische Talmud)

Haschem = G’tt (der Name von G’tt)

Hkb“H = Abk. für Hak-adosch B-aruch H-u (Gepriesen sei der Heilige) – G‘tt

Emuna = Glauben

Klall Jisrael = das gesamte Jüdische Volk

Korban Pessach = Pessachopfer

Makat Choschech = Plage der Finsternis, eine der 10 Plagen vor dem Auzug aus Ägypten

Manhige haDor = geistige Führer des Volkes

Meforschim = Kommentare zur Tora

Mida keneged Mida = Mass für Mass, bez. Vergeltung mit gleicher Münze

Midat haDin =, die Eigenschaft mit der G’tt den Menschen gemäss der „Strenge des Gesetzes“ richtet

Mizwot = 613 Gebote der Tora

Mizrajim = Ägypten

Sefarim haKedoschim = heiligen Büchern, womit hauptsächlich die Schriften früherer Kabbalisten und Autoren der chassidischen Literatur gemeint sind

Schewet Levi = Stamm Levi, der dritte Sohn Jakobs

Tum‘ah = geistige Unreinheit

Psukim = Verse der schriftlichen Tora

Zadik haDor = Gerechte der Generation

אלקים = der Name G‘ttes, womit Seine „strenge Führung“ und Bestrafung der Sünder bezeichnet wird

 
Quellennachweis:

  • [1] Siehe ausführlich Bereschit 15,7-21
  • [2] Raschi zu Bereschit 15,13 und zu Schmot 12,40 und Raw Sa’adja Gaon in Emunot we’Deot 8,4
  • [3] Megila 9a, Pirke deRabbi Elieser Kap.48, Seder Olam Rabba 3, Bereschit Rabba 91,2 und Raschi Bereschit 42,2
  • [4] Raschi Bereschit 46,15/26
  • [5] Schmot 7,7
  • [6] Seder Olam Rabba Kap.3. Siehe auch Midrasch Schmot Rabba 1,8 und Raschi Schmot 6,16.
  • [7] Pirke deRabbi Elieser Kap.48
  • [8] Poroschat Drachim ‚Drusch 5‘ u.a.
  • [9] Sidur Arisa“l zu ‚Haggada schel Pessach‘
  • [10] Nedarim 32a
  • [11] Sota 46b
  • [12] Siehe ausführlich Raschi zu Schmot 12,6 gemäss Mechilta P. Bo 12,6/ Kap. 5
  • [13] Siehe ausführlich Raschi ibid. 10,23
  • [14] Midrasch Tanchuma Parschat Lech 9 und ausführlich Ramban 12,6
  • [15] Maharscho, Jawe“z und Ben Jehojoda zu Sota 46b
  • [16] Sanhedrin 89b und Raschi zu Bereschit 22a
  • [17] Siehe Raschi zu Bereschit 45,12 gemäss Midrasch Bereschit Rabba 93,8 und Targum JbU 50,23
  • [18] Raschi 46,28 gemäss Midrasch Bereschit Rabba 95,3