Die unterschiedlichen Aufgaben von Mosche und Aharon

Raw Chaim Grünfeld.

„weAta Tezawe et Bne Jisrael… – und du befehle den Bne Jisrael, dass sie dir reines Olivenöl nehmen/bringen, gestossen zur Beleuchtung, um ein ständiges Licht aufgehen zu lassen“ (27,20).

Obwohl die Mizwa des Anzündens der Menorah Aharon haKohen befohlen wurde, musste das frisch gepresste Olivenöl zu Mosche Rabenu gebracht werden. Die Tora betont an dieser Stelle, dass „Mosche“ den Bne Jisrael über diese Mizwa befehlen solle, obschon er ihnen die ganze Tora und alle Mizwot übergab und dass dies niemand anstatt ihm machte. Weshalb also diese Betonung: „Und du sollst befehlen?“ Und warum musste das Öl unbedingt zu Mosche gebracht werden und nicht zu Aharon, der die Lichter anzündete?

In den Pirke Awot (6,2) steht: „An jedem Tag geht eine Bat-Kol vom Berg Chorew aus, die ruft: „Wehe den Menschen wegen der Beschämung der Tora, denn jeder, der sich nicht mit der Tora beschäftigt, wird ein Verbannter genannt…“

Der Ba‘al Schem Tov sZl. wunderte sich darüber und fragte: „Wer hört denn jeden Tag diese Bat-Kol? Und wenn sie niemand hört, wozu existiert sie dann?“ Er erklärte, dass mit dieser Bat-Kol die Momente gemeint sind, in denen der Mensch manchmal nachdenklich wird, in Versonnenheit gerät und eine plötzliche Anregung zur Teschuwa verspürt. Leider wird diese plötzlich aufkommenden „Hirhure Teschuwa“ von vielen meistens einfach wieder verdrängt und überspielt [1].

In den Sefarim haKedoschim wird erklärt, dass es zwei Arten des „Erwachens“ (Hit‘orerut) gibt. Der Mensch wird zuerst vom „Jezer haRa“, dem Trieb zum Bösen, verleitet und vom Begehen des richtigen Weges abgehalten. Wenn er sich alleine aufraffen und aus diesem Dunkel lösen muss, ist das eine sehr schwere und langdauernde Arbeit, und der Erfolg ist mehr als nur zweifelhaft. Deshalb kommt ihm Hkb“H in Seiner grossen Gnade und Güte entgegen und gibt ihm von Zeit zu Zeit plötzliche Impulse und Gedankenblitze der Teschuwa. Der Kluge nimmt diese ernst und hört auf sie. Er hält sie präsent und versucht sie zu verwirklichen.

Dies ist die einfache Madrega der „Awodat Haschem“. So begann auch der G‘ttesdienst und die Teschuwa der Bne Jisrael bei ihrem Auszug aus Mizrajim. Als Erstes rüttelte und weckte sie Hkb“H durch Mosche Rabenu auf. Dieser bewegte die Jehudim dazu, von ihren Götzen abzulassen und sagte zu ihnen (Schmot 12, 21): „Misch’chu ukechu lachem…“, was Raschi so interpretiert: „Entfernt euch weg von den Götzen und stellt stattdessen ein Tier bereit, das ihr als ‚Korban Pessach‘ für Haschem darbringen werdet“.

Die Wunder, die Hkb“H ihnen zeigte, stärkten sie in ihrem Glauben. Wie der Sfass Emes sZl. [2] schreibt, lag Mosches Aufgabe darin, die Verbindung zwischen Haschem und den Bne Jisrael zu schaffen und G’tt dem Volk näher zu bringen. Dies geschah durch ‚Jeziat Mizrajim‘ (wunderliche Auszug aus Ägypten), ‚Keriat Jam Suf‘ (Spaltung des Schilfmeers), ‚Anane haKawod‘ (Wolkenschutz), ‚Nessinat haMon‘ (Gabe der himmlischen Speise), ‚Matan Tora‘ und schliesslich durch den Bau des Mischkan. Bei all diesen Ereignissen sah man deutlich wie Hkb“H sich um das jüdische Volk kümmerte, sie beschützte, pflegte und geistig förderte. Sogar die schreckliche Sünde des „Goldenen Kalbes“ vergab Er ihnen, obwohl sie sich dadurch von Ihm entfernt hatten. Es war also die Aufgabe von Mosche Rabenu, das Volk zu leiten und ihnen den richtigen Weg zur ‚Awodat Haschem‘ zu zeigen. Bei Verfehlungen wies er sie zurecht und bewegte sie zur Teschuwa – das Aufrütteln der Bne Jisrael erfolgte also durch „Mosche Rabenu“.

Die Aufgabe von Aharon haKohen dagegen, erklärt der Sfass Emes sZl. weiter, war es dem Volk die höhere Stufe der Awodat Haschem zu lehren, so dass die Bne Jisrael von sich aus G’tt näher kamen. Die Vorbereitung, die Mosche Rabenu unternahm, um sie mit Hilfe von Hkb“H wachzurütteln, musste später selber von den Bne Jisrael aus erfolgen, denn der richtige G’ttesdienst muss vom Mensch alleine ausgeführt werden. Er muss sich aus eigenem Antrieb und Hit‘orerut Haschem nähern. Das war auch die Aufgabe der Kohanim im Mischkan und im Bet haMikdasch, mit ihrer heiligen Awoda, besonders mit dem Darbringen der Korbanot, den Jehudi G’tt näher zu bringen.

Aharon haKohen war mit dieser speziellen Eigenschaft ausgestattet, wie Chasal sagen sagen (Awot 1,12): „Ohew Schalom werodef Schalom, ohew et haBrijot umekarwon laTora – “. Mit seiner Nächstenliebe und dem Stiften von Frieden brachte er die Menschen näher zu Tora – zu Hkb“H. Deshalb musste gerade Aharon die Menorah selber entzünden, wie in den Sefarim haKedoschim erklärt wird. Die Lichter der Menorah symbolisierten die ‚Neschamot‘ der Bne Jisrael, wie es heisst (Mischle 20,27): „Ner Haschem Nischmat Adam – das G’tteslicht ist die Seele des Menschen“. Es war die Aufgaben von Aharon haKohen jeden Tag die Neschamot aller Jehudim zu reinigen und zu Hkb“H entflammen lassen. Deshalb steht bei der Entzündung der Lichter Menorah (Bamidbar 8,2): „El mul Pne haMenorah ja‘iru Schiw‘at haNerot“. Er musste die Lichter so anzünden, dass sie sich dem mittleren Licht zuwandten. So entfachte er in den „Nischmot Jisrael“ der Wille und das Hit’orerut, sich von alleine dem g’ttlichen Licht zu zuwenden und näher kommen.

Dennoch, obwohl es Aharons Aufgabe war, das Licht in der jüdischen Neschama zu entfachen, bis die Flamme seiner Inbrunst sich innig und mit ‚Hitlahawut‘ zu Hkb“H emporhob, musste das Öl unbedingt zu Mosche Rabenu gebracht werden. Und die Tora betont zusätzlich, dass die Mizwot haTora nur durch Mosche den Bne Jisrael weiter zu leiten sind. Die Gründe waren, weil die Vorbereitung und die Wegleitung Jisraels zu Mosches Pflichten gehörten. Er musste Haschem dem Volk näher bringen und sie miteinander verbinden. Mosche musste daher die Menorah selber herstellen, obwohl er Mühe mit ihrer Herstellung hatte, bis Hkb“H ihm befahl, den Klumpen Gold ins Feuer zu werfen, und Haschem die Menorah selber daraus entstehen liess [3].

Die Vorbereitung, um G’ttes Licht in der Mitte des jüdischen Volkes erleuchten zu lassen, sei es die Herstellung der Menorah oder die Vorbereitung des Öls, musste durch Mosche selbst verrichtet werden, denn dazu war er bestimmt worden. Nur Mosche konnte Jisrael die Tora übergeben und ihnen die Mizwot befehlen, weil er der Vermittler zwischen Haschem und Jisrael war. Das Anzünden der Lichter der Menorah hingegen war Aharons Aufgabe, der den nächsten Schritt, das eigenwillige Nähertreten Jisraels zu Hkb“H, mit seiner Awodat haKorbanot anführte.

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In der „Parschat Sachor“, die diesen Schabbat zusätzlich geleint wird, erinnern wir uns an die Untaten Amaleks. Er wurde zur Vernichtung und gänzlicher Ausrottung verurteilt, nicht nur, nicht nur weil er uns belästigte und vernichten wollte. Mit seinem Angriff gegen die Bne Jisrael nach ihrem Auszug aus Mizrajim, erregte er zudem Zweifel bezüglich der bisher vorausgesetzten besonderen Beziehung des Klall Jisrael zu Haschem und des ihnen dadurch erteilten speziellen Schutzes. Allen anderen Völkern, die die Nähe von G’tt zu Jisrael sahen und daher vor ihnen zurückschraken, gab Amalek ein Beispiel, dass dies kein Grund zur Sorge sei.

„Ascher karcha baDerech wajesanew becha – der dir auf dem Weg begegnete und deine Nachhut schlug“ (Dewarim 25,18). Wie Raschi erklärt, warf er abgeschnittene Vorhäute (Orlot) gegen den Himmel, um über die Mizwa von ‚Mila‘ zu spotten. Mit seiner ketzerischen Ansichten versuchte er, die besondere Verbindung und das ewige Bündnis (Brit Mila) zwischen Haschem und Jisrael zu verleugnen.

Er wollte aber nicht nur die Nähe von Haschem zu Jisrael ablehnen, sondern auch die Möglichkeit einer eigenen Annährung des Jehudi zu Hkb“H bestreiten. So wird in den Sefarim haKedoschim das Wort „karcha“ von „Kerach – Eis“ oder auch von „Kereach – kahl“ abgeleitet. Amalek wollte Jisrael von ihrem neuen Weg abbringen, das in ihnen entfachte Feuer abkühlen und sie in das kahle Nichts des Atheismus führen.

Doch solange Mosche Rabenu seine Hände gegen den Himmel empor richtete, siegte Jisrael über Amalek (Schmot 17,11). Mit dieser Handlung bestritt Mosche die Behauptung Amaleks und zeigte, dass der Klall Jisrael mit Haschem verbunden ist und daher Seinen besonderen Schutz geniesst.

Aharon unterstützte dabei den Mosche, damit er seine Hände aufrecht halten konnte (17,12). Seine Unterstützung war nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Stütze. Während Mosche für die Nähe von Haschem zu Jisrael sorgte, stellte Aharon die Nähe der Bne Jisrael zu G’tt her.

Auch Amaleks Enkel „Haman haRascha“, brachte die gleichen Anschuldigungen hervor und behauptete (Esther 3,8): „Sie hüten die Gesetze des Königs nicht“. Damit verleumdete er Jisrael, die Mizwot haTora nicht zu beachten und daher keine Verbindung mehr zu Haschem zu besitzen, um Seinen besonderen Schutz zu verdienen.

Doch er wurde mit der gleichen Waffe wie sein Ahne geschlagen: „Kimu weKiblu haJehudim alehem“ (9,27), sie erfüllten, was sie bereits schon auf sich genommen hatten [4]. Durch die Teschuwa der Bne Jisrael und der erneuten Kabbalat haTora, zeigten sie ihre Nähe zu Haschem und der Aufrechterhaltung ihrer alten Verbindung. Haschem bestätigte dies, indem Er wiederum ihre Feinde untergehen liess und nicht nur Seine Nähe zu Jisrael zeigte, sondern mit dem Wiederaufbau des ‚Bet haMikdasch‘ auch die Nähe Jisraels zu Ihm.

Quellennachweis:

    [1] Siehe ausführlich Sefer Besch“t Parschat Bechukotai 7

    [2] Rabbi Jehuda Arje Alter, der zweite Rebbe von Gur sZl. und Verfasser des Klassikers ‚Sfat Emet‘ auf Tora und Gemara

    [3] Raschi Schmot 25,31 gemäss Midrasch Tanchuma jaschan P. Beha’alotcha 4 u.a.

    [4] Schabbat 88a und Schawuot 39a