Das Wesen und die Freuden eines Edomiters

Raw Chaim Grünfeld.

„Esaw sagte zu Jakov: „Lass mich doch von diesem Roten, Roten verschlingen, denn ich bin müde“. Deshalb nannte er seinen Namen Edom“ (25,30).Esaw verkaufte seine „Bechora“ – die Vorzüge seiner Erstgeburt – für einen Teller roter Linsen, die er „das Rote, Rote“ nannte, und erhielt dafür den Spitznamen „Edom – der Rote“. Rabbi Elieser Sussja Portugal, der Skulener Rebbe sZI. wundert sich darüber und fragt: „Erhält man denn bereits wegen einer einmaligen Bemerkung einen für alle Generationen anhaltenden Spitznamen?“

Er erklärt, dass Esaw seinen Spitznamen „Edom“ nicht etwa wegen seiner Bemerkung erhielt, sondern vielmehr wegen der Offenbarung seines ganzen Wesens, das sich hinter dieser beschämenden Tat verbarg. Wie kann ein Mensch, der bei Sinnen ist, die Bechora, den grössten ruchanius’digen Stand, die heilige Awoda im ‚Bet haMikdasch‘, gegen einen Teller Essen  eintauschen?

Dies zeigt auf den Lebenswandel von Esaw hin, auf seinen geistlosen Lebensinhalt, der vom Interesse nach Gaschmijut erfüllt ist. Er ist bereit, jegliche Sache, die nur einen Hauch von Heiligkeit und ‚Ruchniut‘ trägt, gegen irgendeinen irdischen Genuss, sei es  auch nur eine kleine und vorübergehende Freude, herzugeben. Selbst ein Teller mit warmen Linsen, von dem nach einigen  Minuten nichts mehr übrig bleiben wird, war ihm dafür gut genug!

Eine solche Reaktion kann kein einmaliger Ausrutscher sein. Sie ist lediglich ein Kettenglied im Rahmen seiner Einstellung zum Sinn des Lebens, nach dem Motto von (Jeschaja 22,13) „Iss, trink, und geniess das Leben, denn morgen werden wir sterben!“ [1]

So lassen sich auch die Worte von Chasal erklären, wonach Esaw bei diesem Verkauf nicht nur die Bechora verschmähte, sondern auch den Glauben an „Techijat haMetim“, an die ‚Auferstehung der Toten‘, abstritt, weil er sagte (25,32): „Ich werde sterben, wozu dient mir da die Erstgeburt“ [2]. Wer nämlich in seinem ganzen Dasein auf Erden keinen anderen Sinn als das Geniessen vorübergehender Freuden sieht, der glaubt ganz sicher  nicht an die Unsterblichkeit seiner Seele. Welchen Sinn hätte etwas Unsterbliches und Immerwährendes, wenn man dazu verdammt ist, sich lediglich von kurzweiligen, existenzlosen Dingen zu ernähren und diesen fortwährend nachzulaufen? Dies wäre ein ewiger, in das absolute Nichts führender Kreislauf, ohne  Ziel und Zweck!

Deshalb sagen Chasal auch, dass Esaw mit eben dieser Aussage, Ketzerei beging und G’tt verleugnete [3]. Denn eine solche unsinnige Sicht auf die Weltschöpfung und den Zweck des menschlichen Lebens entsteht nur dann, wenn man nicht an die ewige Existenz von Hkb“H, Dessen Haschgacha über das  gesamte Weltgeschehen und an die Vergeltung aller Taten der Mensch en glaubt.

Das Wort „Edom“ besteht eigentlich aus denselben Buchstaben wie „Adam“ (Mensch). Der Unterschied besteht jedoch darin, dass das Wort אָדָם aus „Alef – Dam“ zusammengesetzt ist, das auf die Beschaffenheit des Menschen hindeutet, der aus „Alef“ – der vom ‚Alufo schel Olam‘ (dem Herrn der Welt) stammenden g‘ttlichen Neschama – und aus „Dam“ (Blut) – einem von Blut belebten irdischen Körper, besteht. Esaw hingegen, den die g’ttliche Neschama und deren Veredelung auf dieser Welt nicht interessierte, bestand lediglich aus „Edom“, aus dem „Roten – Dam“, der Gier nach dem Irdischem, je mehr er das in seinem Körper fliessende und ihn belebende Blut ernähren und erfreuen kann. So wie Jizchak Awinu es treffend formulierte (27,40): „Al Charbeacha tichje – mit deinem Schwert wirst du leben“, das einzige Ziel und Interesse deines Lebens ist die Gier nach Blut, dem irdischen Lebenssaft.

Und um dieses Ziel zu erreichen ist ihm jedes Mittel recht, selbst  der Verkauf seines „Alef“, seiner Neschama und des g’ttlichen Funkens, ist er bereit – für noch etwas „Dam“ – für noch einen Teller ‚Gaschmijut‘ wegzugeben!

Demgemäss erklärte Rabbi Zadok haKohen von Lublin sZl., weshalb Esaw in der Tora als „Isch Sadeh – ein Mann des  Feldes“ bezeichnet wird. Weil seine ganze Persönlichkeit und Wesen, sein Streben und Leben sich nur auf „das Feld“ bezog, auf die Bereicherung des Vermögens und irdischen Vergnügungen. Er verstand nicht, dass das „Feld“ nur der nebensächlichen Ernährung dient, um sich auf das Geistige und den Erwerb höherer Ideale zu konzentrieren [4].

In diesem Sinn gibt er auch das besondere Interesse von Esaw an  der Mizwa von „Kibud Aw“ zu verstehen, mit der er sich auf besondere Weise auszeichnete. Es gab nämlich niemanden, der seinen Vater mehr als ihn verehrte! [5] Jedesmal wenn er seinen Vater bediente, zog er dafür königliche Kleider an [6]. Es ist eindeutig, dass er damit nicht das Erfüllen einer Mizwa von Hkb“H beabsichtigte oder den  Erhalt von ‚Olam haBa‘ – das er doch wie erwähnt verleugnete – anstrebte. Vielmehr ehrte er seinen Vater aus Gründen des Anstands und der Moral; er war Jizchak äusserst dankbar, dass er ihn auf diese herrliche Welt voller irdische Genüsse brachte, die ihm so teuer und lieb waren [7]. Als echter „Edomi“ verfolgte er selbst mit seinem „Kibud Aw“ seine gaschmius’dige Ideale…

Quellennachweis:

  • [1] Sefer Noam Elieser
  • [2] Baba Batra 16b
  • [3] ibid.
  • [4] Pri Zadik Parschat Toldot S.41a
  • [5] Psikta Rabbati Ende Kap.24
  • [6] Sohar haKadosch Bd1/S.146b und Midrasch Dewarim Rabba 1,15
  • [7] Pri Zadik Bd1 ‚Ma’amore Keduschat Schabbat‘ Kap.4