Weshalb wird der Hagel als „alle meine Plagen“ bezeichnet?

Raw Chaim Grünfeld.

„Jadati ki terem Tir’un mipne Haschem Elokim. wehaPischta wehaSse’ora nukata, ki haSse’ora Awiw wehaPischta Giw‘ol. wehaChita wehaKussemet lo nuku, ki Afilot hena“ (9,30-32).

Während der furchtbaren Zerstörung des Hagels flehte Par‘oh zu Mosche, er möge von Hkb“H das Ende des Hagels erbitten. Darauf entgegnete Mosche Rabenu: „Ich weiss, dass ihr euch noch immer nicht vor G‘tt fürchtet!“ Danach fügt die Tora Folgendes hinzu: „Der Flachs und die Gerste waren zerschlagen worden, denn die Gerste war reif und der Flachs in Stengeln; der Weizen und der Dinkel (Spelt) aber waren nicht zerschlagen worden, denn sie werden spät reif“.

Der Ramban wundert sich über den Zusammenhang dieser Psukim: Warum wird davon gerade an dieser Stelle berichtet und nicht nach Abschluss dieser Szene, d.h. am Ende der Makkat „Barad“, nachdem Mosche Rabenu zu Hkb“H über das Versiegen des Hagels gedawent hatte?

Er erklärt, dass dieser Bericht ebenfalls ein Teil von Mosches Rede zu Par’oh war. Mosche wollte den Mizrim Folgendes mitteilen: „Wisst, dass Hkb“H mit dem Hagel absichtlich nicht eure ganze Ernte zerstört hat, damit Er euch eine weitere Strafe schicken kann, falls ihr wieder nicht einsichtig seid und Seinem Wunsch nicht nachkommt!“

Gemäss dem Zeror haMor sagte ihnen Mosche damit, dass er ganz genau wisse, dass sie noch immer keine Furcht vor G’tt habe. Denn obwohl sie jetzt ihr Einverständnis zum Auszug der Bne Jisrael aus Mizrajim gegeben hatten, würden sie dieses nach dem Aufhören des Hagels wieder zurückziehen. „Ihr fürchtet euch nicht, weil ihr noch immer Weizen und Dinkel – eure wichtigste Nahrungsmittel [1] – habt, die vom Hagel verschont wurden. Aber ihr irrt euch, denn spätestens bei der nächsten ‚Makka‘ (Plage) werden euch auch diese genommen werden!“

Oder Mosche sagte ihnen: „Ihr fürchtet euch nicht vor G‘tt, weil ihr bemerkt habt, dass nur die reife Ernte zerstört worden ist. Ihr wollt euch daher einreden, der Hagel sei nur eine gewöhnliche Naturkatastrophe gewesen und nicht die strafende Hand von Haschem. Wisst daher, dass ihr spätestens bei der nächsten Makka diesen Irrtum bereuen werdet!“ [2]

Wie Raschi aus dem Midrasch zitiert, war das Verschonen des Weizens und des Dinkels ein grosses Wunder. Denn der aus Eis und Feuer bestehende Hagel hätte alles zerstören können, wenn es der Wille von Haschem gewesen wäre. Dies war auch der Mosches Hinweis, das eine weitere Makka kommen wird, obwohl er diesbzüglich noch nichts von Hkb“H gehört hatte. Da aber Haschem keine Wunder ohne Grund macht, hatte Er diese Ernte absichtlich für einen zweiten Vernichtungsschlag übriggelassen [3].

Eine andere Begründung, weshalb der Weizen und der Dinkel vom Hagel verschont wurden, gibt der Chatam Sofer sZl. an. Er weist dabei auch die Frage der Meforschim hin, warum Hkb“H gerade bei dieser Makka sagte (9,14): „Diesmal schicke ich alle meine Plagen gegen dein Herz und über deine Diener und über dein Volk….“ – Worin unterschied sich der Hagel von allen anderen Makkot, dass er als „alle Plagen“ bezeichnet wird?

Im Sefer Ma’asseh Haschem jedoch wird erörtert [4], dass alle Makkot eine Vorbereitung auf die letzte waren, auf „Makkat Bechorot“, vor der Hkb“H den Par‘oh gleich von Anfang an warnte (4,22-23): „Weigerst du dich ‚Meinen erstgeborenen Sohn‘ Jisrael zu entlassen, so töte Ich deinen erstgeborenen Sohn!“

Bisher aber hatten die Mizrim nichts davon gespürt, dass sich die Makkot spezifisch auf die Erstgeborenen bezogen, denn alle Ägypter waren in gleichem Mass betroffen. Erst beim Hagel, als nur die „Awiw“, die frühreife Ernte vernichtet wurde, bekamen sie einen ersten Hinweis dafür, in welche Richtung die Makkot zielten – und deshalb nannte Hkb“H den Hagel „alle meine Plagen“. Aber dennoch, sagte Mosche Rabenu zu Par‘oh, werdet ihr auch diesen Hinweis nicht anerkennen. Ihr werdet nämlich behaupten, dass die Gerste und der Flachs nur deshalb als Erstes geschlagen wurden, weil sie aus harten Stengeln bestehen und dem Hagel nicht widerstehen konnten. Ein derart von der Naturgewalt verblendetes Volk wird auf keinen Fall die darin verborgene Hand G’ttes erkennen, auch wenn diese offensichtlich ist! [5]

Par’oh und die Mizrim waren blind und vestockt. Wie aber verhielt es sich mit den Bne Jisrael, dem echten ‚Bechor‘ von Hkb“H? Erkannten wenigstens sie die g’ttliche Hand? Der Ha’amek Dawar merkt an, dass Jisrael bis zur Plage des Hagels im Passuk immer nur „das Volk“ genannt wird. Erst nach der ‚Makkat Barad‘ werden sie „Bne Jisrael“ genannt [6]. Was hatte sich geändert?

Es scheint, dass zumindest der Klall Jisrael bei der Plage des Hagels von den „Afilot“ (9,32), von diesem aussergewöhnlichen Wunder, wie Chasal dies interpretieren [7], tief beeindruckt waren. Jetzt da sich ihre ‚Emuna‘ an Haschem zu regen begann, konnte man sie „G’ttes Kinder“ nennen. Und da diese Erweckung der Emuna das Hauptziel der zehn Makkot war, nannte Hkb“H den Hagel „alle meine Plagen“ – hier wird endlich das Ziel und der Sinn meiner Plagen erreicht werden!

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Der Klausenburger Rebbe sZl. bemerkte einmal über das Wunder der Verschonung des Weizens vom Hagel: „Daraus ist die Liebe von Haschem zum Klall Jisrael erkennbar. Der Weizen wurde nur ihretwegen verschont, damit sie davon ihre ‚Mazzot‘ backen konnten, die sie mit dem ‚Korban Pessach‘ zusammen vor ihrem Auszug aus Mizrajim assen!“ [8]

 
Quellennachweis:

    [1] Chumasch Raw S.R. Hirsch
    [2] Nach ‚haKetaw wehaKabbala‘
    [3] Arwe Nachal
    [4] Ma’sseh Haschem Kap.11
    [5] Chatam Sofer ende Parschat Waera
    [6] Chumasch Ha’amek Dawar 9,35
    [7] Raschi gemäss Midrasch Tanchuma Parschat Waera 16
    [8] Ozrot Zadike uGeone haDorot (A. Perlow)