Die übernatürliche Kraft der Mizwot

Raw Chaim Grünfeld.

 

„Wajissa Enaw wajar, weHine schloscha Anaschim nizawim alaw, wajar wajaraz likratam….. – Er erhob seine Augen und sah, da standen drei Männer vor ihm; er sah und lief ihnen entgegen…“ (18,2)

Am dritten Tag nach der ‚Brit Mila‘ sitzt Awraham Awinu am Eingang seines Zeltes und wartet sehnsüchtig auf die Ankunft von Gästen [1]. Eigentlich sollte er wegen seiner Schmerzen im Bett liegen und sich ausruhen, doch seine Schmerzen sind ihm gleichgültig. Sein ganzes Tun und Denken kreist nur um das Eine: „Wo sind meine Gäste? Wem kann ich in dieser furchtbaren Hitze „Chessed“ bereiten?“ So sitzt er und leidet furchtbar, nicht unter seiner Wunde, deren Verband er immer wieder erneuern muss [2] – die spürt er gar nicht. Ihn schmerzt nur das Ausbleiben von Gästen, was er nicht ertragen kann! [3]

Sobald er jedoch die drei ihm gegenüber stehenden Menschengestalten erblickt, erhebt er sich freudig und läuft trotz seines Alters, ungeachtet seiner Schmerzen, den Ankömmlingen eilig entgegen. Endlich besitzt er wieder die Möglichkeit „Chessed“ zu machen, hungrige Leute physisch und geistig zu sättigen, ihnen essen zu servieren und sie den Glauben an ihren Schöpfer zu lehren. Da kommt Leben im hundert Jahre alten und schwachen Mann auf! Plötzlich läuft er hin und her, erteilt seinen zahlreichen Hausgenossen Anweisungen und packt trotzdem selbst mit an. Im Nu wird eine reiche Mahlzeit vorbereitet, alles nur vom Feinsten, Ochsenzunge mit Senf etc., als ob es echte Prinzen zu bewirten gilt [4]. Und danach, während die Gäste essen, setzt er sich nicht müde nieder. Nein, er steht wie ein Diener an der Seite und bewirtet sie selber, jeden Wunsch von ihren Lippen ablesend, ständig bemüht, es ihnen so bequem und angenehm wie möglich zu machen.

Wie es so etwas nur möglich? Woher schöpfte Awraham Awinu diese Kraft und Ausdauer, wo er doch so alt und durch die Brit Mila besonders geschwächt war? Dies ist die Kraft von „Kijum haMizwot“ (Erfüllen der Gebote)!

Von Rabbi Jisrael Hofstein sZl., der „Koschnitzer Maggid“ und Verfasser des „Awodat Jisrael“, wird berichtet, da er seinen Eltern in hohen Alter geboren wurde, einen sehr mageren und schwachen Körper besass. Er lag daher daher den ganzen Tag im Bett und konnte sich manchmal kaum rühren, während seine Talmidim um sein Bett standen und so Tora von ihm lernten, die er trotz seiner körperlichen Schwäche immer mit klarer und lauter Stimme vortrug.

Anders aber verhielt es sich beim Dawenen, wo der heilige Maggid eine ganz besondere Awodat haKodesch zeigte. Sobald die Zeit der Tefila kam, konnte man förmlich beobachten, wie dem dünnen und ausgezehrten Körper neue Kräfte durchflossen. Flink wie ein junges Kind sprang Rabbi Jisrael aus dem Bett, lief wie auf Flügel in die Schul und begann mit gewaltiger ‚Hitlahawut‘ (Begeisterung/Extase) und starker Stimme die Tefila. Seine Füssen waren nur mit Socken bekleidet, sie konnten keine Schuhe tragen. Am Boden vor dem „Amud“ (Vorbeterpult) hatte man ein weiches Bärenfell hingelegt, um den schwachen Füssen des Maggid das Stehen bequem zu machen. Doch dieser sah uns spürte sowieso nichts mehr von seiner Schwäche! Vergessen waren seine Leiden, sein Geist zog den geschundenen Körper in seinen Bann und unter seine Kontrolle. In einer höheren Sphäre stehend, jenseits von Gefühl und Wahrnehmung, konnte ihm nichts mehr auf dieser materiellen Welt von seiner Tefila ablenken und behindern. So verrichtete er seine Tefila mit echtem „Dwekut und Kawana“ (Verbundenheit und Andacht) total mit G’tt verbunden.

Doch kaum hatte er diese beendet, sank er aus dieser geistigen Höhe wieder in der gewohnten irdischen und begrenzten Atmosphäre. Plötzlich wieder das volle Ausmass seiner Leiden und Schwächen spürend, fiel er kraftlos zur Erde und man musste ihn zurück ins Bett tragen [5].

Ungefähr so musste es sich auch mit Awraham Awinu zugetragen haben, der – sobald es zur Ausführung seiner besonderen Mizwa von „Hachnassat Orchim“ (Gastfreundschaft) kam – eine wahrhaft aussergewöhnliche ‚Awodat haKodesch‘ (heiliger G‘ttesdienst) an den Tag legte und überirdische Kräfte erhielt, die ihn in diesem Moment für die allen störenden, irdischen Empfindungen, immun machten.

Dies ist das Geheimnis des Klall Jisrael, der auch während allen Verfolgungen durch die Völker der Welt nie vom „Kijum haMizwot“ abliess, sondern sich regelrecht dafür „Mosser Nefesch“ war. Des Öfteren mussten selbst ihre grössten Feinde vor Verwunderung innehalten und fragten: „Wie ist dies nur möglich? Woher nehmen sie diese übermenschliche Kraft?“

Die Antwort liegt in der Mizwa selber, denn Chasal lehren uns, dass „Mizwa goreret Mizwa“ [6], eine Mizwa zieht eine zweite Mizwa nach sich. Das Erfüllen von G’ttes Geboten, die wie G’tt heilig sind und daher eine unbegrenzte Kraft in sich bergen, verhelfen dem Jehudi zur Erfüllung weiterer Mizwot. Wer sich also mit Leib und Seele der Erfüllung einer Mizwa hingibt, dem kann sich nichts in den Weg stellen. Die Kraft der bereits erfüllten Mizwa verhilft ihm zur Erfüllung der nächsten Mizwa.

In diesem Sinne kann die Frage von Raschi zum erwähnten Passuk beantwortet werden, der sich über die Wiederholung des Wortes „wajar – er sah“ wundert: „Er erhob seine Augen und sah, da standen drei Männer vor ihm; er sah und lief ihnen entgegen…“ Denn auch wenn Awraham Awinu die drei Männer erblickte, hätte er gemäss den natürlichen Massstäben sich kaum vor ihnen erheben können, und ihnen ganz sicher nicht so flink entgegen laufen und den ganzen Tag für sie sorgen und sie bewirten können. Woher nahm er also diese übermenschliche Kraft?

„Wajar“, als er jedoch die drei Männer erblickte, da sah er die heiss ersehnte Möglichkeit, wieder die Mizwa von „Hachnassat Orchim“ zu verrichten, und dieser innige Willen und dieses einzige ihn beherrschende Interesse verhalf ihm, „wajaraz likratam“, alle seine physischen Behinderungen von sich abzuschütteln und ihnen voller Kraft und Freude entgegenzulaufen.

So kann auch eine weitere etwas schwer verständliche Stelle erklärt werden. Die Tora berichtet von der Tochter Paraohs, wie diese Mosche Rabenu im Körbchen im Schilfmeer treibend erblickte, und sofort ihre Hand nach ihm ausstreckte (Schmot 2,5). Wie Raschi im Namen von Chasal schreibt, stand sie jedoch weit entfernt und konnte das Körbchen selbst mit ausgestrecktem Arm nicht erreichen. Da geschah ein Wunder und ihr Arm verlängerte sich um viele Ellen lang. Die ‚Meforschim‘ (Kommentatore) wundern sich über diese Reaktion der ‚Bat Paraoh‘: Was hatte sie sich dabei gedacht, sie konnte doch das Kind sowieso nicht erreichen, weshalb streckte sie dann überhaupt ihren Arm aus? Die Antwort ist im Willen des Menschen zu suchen. Je grösser der Wille und das Interesse, die Bemühung und der Einsatz für die Erfüllung der Mizwa, desto grösser ist seine Kraft, diese sich selbst gestellte Aufgabe auch wirklich erreichen zu können.

Deshalb gilt für den ‚Kijum haMizwot‘ der folgende Leitsatz: „Ein Mensch darf sich nie noch vor Beginn der Mizwa unterkriegen lassen, indem er sich und seine Möglichkeiten zu niedrig einschätzt und beurteilt. Es gilt immer, den höchsten Einsatz erzielen zu wollen; für alles Weitere sorgt die Kraft der g’ttlichen Mizwa von selbst – denn „Mizwa goreret Mizwa“!

Quellennachweis:

  • [1] Raschi 18,1 gemäss Midrasch Agada
  • [2] Baba Mezia 86b
  • [3] Raschi 18,1 und Baba Mezia 86b
  • [4] Raschi 18,7 und Raschi Baba Mezia 86b
  • [5] Esser Orot 5,10 und 12
  • [6] Pirke Awot 4,2