Purimfreude – Pessachvorbereitung

Raw Chaim Grünfeld.

Die Parschijot „Wajakhel und Pekude“ werden immer nach Purim und vor Pessach geleint, sie sind daher eng mit der Zeit zwischen ‚Purim und Pessach‘ verbunden.

Zu Beginn von Parschat Wajakhel heisst es: „Und Mosche versammelte die ganze Gemeinde der Bne Jisrael und sprach zu ihnen: Dies sind die Dinge, die Haschem befohlen hat zu machen“. Darauf teilte er ihnen das Gebot der Schabbatruhe mit.

Raschi erklärt, dass diese Versammlung am Morgen nach Jom Kippur stattgefunden hatte, einen Tag, nachdem Mosche Rabenu mit den zweiten „Luchot haBrit“ vom Berg Sinai zurückgekehrt war. Er versammelte das Volk und erklärte ihnen zuerst die Mizwa von Schabbat und befahl ihnen anschliessend den Bau des Mischkan.

In den Sefarim haKedoschim wird des Öfteren auf eine wichtige Regel aufmerksam gemacht: Sobald man etwas von Hkb“H empfängt, muss man es sogleich für eine Mizwa und gute Tat verwenden. So wie es für die Erhaltung der Qualität eines guten und teuren Weins massgebend ist, in welches Gefäss er abgefüllt und wo er gelagert wird, so muss auch die G’ttliche Fülle (Schefa Eloki) in Form einer Mizwa oder gute Tat aufgefangen und gelagert werden. Sonst entweicht sie und geht chalila verloren!

Dies sollte zum Denken anregen: So viele Tefilot werden täglich vom Klall Jisrael gedawent und heisse Tränen vergossen, um von Haschem gute „Haschpaot“ zu erhalten, eine Fülle von Glück und Gelingen, Parnassa und Gesundheit etc. Doch wer denkt auch daran, diese Fülle zu sammeln und in einem brauchbaren „Keli“ (Gefäss) aufzufangen? Oft wird gerade diese vom Himmel gegebene Fülle weggeworfen, mit den eigenen Händen vernichtet und für fremde Zwecke missbraucht!

So musste auch Mosche Rabenu die Bne Jisrael nach der Sünde des Egel zurechtweisen: „Hkb“H gab euch eine Fülle von Gold und Silber, und was habt ihr damit gemacht? Ihr nutztet es zum Schlechten und habt ein goldenes Kalb daraus gemacht! Dadurch habt ihr auch die „Luchot haBrit“ verloren!

Nehmt euch daher folgende Regel zu Herzen: Wenn man von Haschem etwas erhält, so muss man es sogleich zu einer Mizwa und guten Tat verwenden, sonst geht es verloren! Verwendet daher die Fülle eures von G’tt erhaltene Goldes für ein „Mischkan“, so bleibt euch nicht nur euer Reichtum erhalten, sondern ihr schafft euch damit auch ein „Keli“, ein geeignetes Gefäss, um die zurückkehrende ‚Schechina haKedoscha‘ aufnehmen zu können, nachdem sie euch gestern am Jom Kippur eure Sünde verziehen hat.

Daher warnte Mosche jetzt wiederholt wegen der Schabbatruhe bevor er dem Volk den Bau des Mischkan auftrug. Wie im Sohar haKadosch ausgeführt wird, ist die Fülle der gesamten Woche vom Schabbat abhängig [1]. Und anderseits heisst es: „Wer sich am Erew Schabbat bemüht, der kann am Schabbat essen“ [2]. Der Schabbat lehrt uns also dieselbe Regel: Wer am Schabbat essen möchte, d.h. sich von dessen Fülle ernähren will, der muss die vom Schabbat erhaltene ‚Schefa Eloki‘ ebenfalls für den Schabbat verwenden und diesen gehörig beehren!

In diesem Sinn wird in den Sefarim haKedoschim begründet, weshalb die Mizwa von Sukkot gleich nach Jom Kippur stattfindet. Sie stellt nämlich ein „Keli“ dar, um die an den „Jamim haNora’im“ erhaltene geistige Fülle von Reinheit und Heiligkeit sofort in einer weiteren Mizwa aufzunehmen und an sich zu binden – genauso wie der Bau des Mischkan gleich nach Jom Kippur befohlen wurde.

So ist es auch unsere Pflicht, die am gewaltigen Tag von Purim erhaltene Fülle der Freude festzuhalten, und sogleich zur intensiven Beschäftigung mit Mizwot und guten Taten zu verwenden. Nicht umsonst beginnt die 30tägige Vorbereitungszeit zu Pessach gerade am Purim selbst!

Damit werden die Worte Raschis verständlich, der den bekannten Spruch von Chasal „Mischenichnat Adar marbim beSimcha [3], so erklärt: „Wenn der Monat Adar beginnt, vermehrt man die Freude mit den Tagen der Monate Adar und Nissan“. Raschi verknüpft also die Freude von Purim mit der von Pessach, und versteht dieses „Marbim beSimcha“ als unsere Aufgabe, die am Purim erhaltene Fülle der Freude sogleich zur nächsten Mizwa, für die Pessachvorbereitungen zu verwenden, damit sie nicht verloren geht.

Passend dazu leinen wir an diesem Schabbat auch die „Parschat haChodesch“, in der die Mizwot des ‚Korban Pessach‘ erwähnt sind. Damit werden wir aufmerksam gemacht, vom Bau des Mischkan zu lernen, dass wir die Purimfreude nicht einfach an uns vorbei ziehen lassen, sondern sie gleich für die Pessachvobereitungen verwenden und investieren sollen!

 
Wörtererklärung:

Bne Jisrael = Söhne Jisraels (Nachkommen Jakovs)
Chalila = G’tt behüte
Chasal = Abk. für Cha-chamenu s-ichrono l-iwaracha, „unsere Weisen selig sei ihr Andenken“, womit die Geistesgrössen der Zeit der Mischna und des Talmuds gemeint sind (ca. 3450-4260 / 300v.-500n.)
Haschem = G’tt (der Name von G’tt)
Haschpa’ah/Haschpaot = G’ttliche Fülle / Einwirkung
Hkb“H = Abk. für Hak-adosch B-aruch H-u (Gepriesen sei der Heilige) – G‘tt
Jamim haNora’im = Heilige (furchterregende) Tage von Rosch haSchana und Jom Kippur
Klall Jisrael = das gesamiet Jüdische Volk
Luchot haBrit = steinerne Gebotstafeln
Mischkan = Provisorischer Tempel (Stifftszelt)
Sefarim haKedoschim = heilige Bücher, womit hauptsächlich die Schriften früherer Kabbalisten und Autoren der chassidischen Literatur gemeint sind
Schechina haKedoscha = die G‘ttliche Präsenz
Schefa Eloki = G’ttliche Fülle / Einwirkung
Parscha/Parschijot = Abschnitte der Tora (bez. Wochenabschnitte)
Tefilot = Gebete

Quellennachweis:

    [1] Sohar Bd2/S. 88a

    [2] Awoda Sara 3a

    [3] Ta’anit 29a