Der Schlüssel der ganzen Tora

Raw Chaim Grünfeld.

„Wajechi Jakov beErez Mizrajim… – Jakob lebte siebzehn Jahre in Mizrajim, und es waren alle Tage seines Lebens 147 Jahre“.

 

„Siebzehn Jahre lebte Jakov Awinu in Ruhe“, erklärt der Midrasch, denn bisher war es ihm nicht vergönnt gewesen, in Ruhe sein Dasein zu verbringen [1]. So bezeichnete auch Jakov bei seinem Treffen mit Parao seine früheren Jahre als „wenige und unglückliche Jahre“ (Bereschit 47,9).

Zuerst musste Jakov vor Esaw aus seinem Elternhaus flüchten, danach hatte er sehr schwere Zeiten bei Lawan, und selbst als er nach Erez Jisrael zurückkam, sagen Chasal: „Jakov Awinu wollte in Ruhe wohnen, da überfiel ihn die Aufregung um Josef. Die Zadikim möchten alle in Ruhe wohnen, da spricht Hkb“H: „Genügt es ihnen nicht, was für sie in der zukünftigen Welt vorbereitet ist, dass sie schon in dieser Welt in Ruhe wohnen wollen?!“ [2]

Somit stellt sich die Frage: In Erez Jisrael und bei Lawan durfte Jakov Awinu nicht in Ruhe wohnen, weshalb durfte er dies jetzt in Mizrajim?

Wenn wir die Lebensjahre von Jakov betrachten, so würden wir sagen, dass die letzten 17 Jahre Jakovs die besten seines Lebens waren. Raw S.R. Hirsch sZl. jedoch sieht dies anders: „Wenn man bedenkt, dass die siebzehn Jahre die einzige waren, die Jakov ruhig erlebte, sollten sie somit – im Rückblick seines ganzen vergangenen Leben – als die eigentliche Blüte betrachtet werden. So hätte man erwarten können, dass deren Erzählung durch einen besonderen Abschnitt (Parscha) hervorgehoben wird. Die „Parschat Wajechi“ schliesst sich aber unmittelbar an das Vorgehende an, ohne die sonst übliche Trennung zwischen den Parschijot, wie Raschi zu Beginn der Parscha bemerkt. – [In der Sefer Tora erfolgt ansonsten ein Abstand von neun Leerstellen für Buchstaben zwischen den Parschijot, der jedoch zwischen Wajigasch und Wajechi nicht vorhanden ist [3]].

Diese Unterlassung lehrt uns, dass diese siebzehn Jahre zwar individuell mitzählen, national jedoch gerade die am wenigsten bedeutenden Jahre waren. Vielmehr waren es die Jahre des getrübten und bedrückten Lebens von Jakov Awinu gewesen, in denen er die Prüfung zu bestehen hatte, sich den Namen „Jisrael“ zu erwerben, und dessen würdig zu werden. Diese Jahre, in denen Jakov seine ewige nationale Bedeutung errungen hatte, waren die Hauptsache, während die hier folgenden 17 Jahre nur den heiter lohnenden Abschluss bilden!“

Mit diesem Gedanken kann erklärt werden, weshalb Jakov Awinu in diesem Passuk mit „Wajechi Jakov… – es lebte Jakov…“ – mit dem niedrigeren Namen – genannt wird, und nicht mit der hohen Bezeichnung „Jisrael“, wie im darauf folgenden Passuk „Wajikrewu jeme Jisrael… – es näherten sich die Tage von Jakovs Ableben…“. Weil eben diese 17 Jahre im gewissen Sinn „niedriger“ als die früheren produktiveren Jahre waren.

Rabbi Awraham Saba sZl., einer der aus Spanien vetriebenen Grossen Jisraels, schreibt über den Grund der „Verschlossenheit“ dieser Parscha, die ohne Unterbrechung direkt auf die vorangehende folgt: „Diese Parscha ist verschlossen und versiegelt, weil sie der Schlüssel und das Siegel des ganzen Sefer Bereschit ist. Sie ist der Schlüssel und das Siegel der ganzen Tora selbst, und auch der Schlüssel aller Newuot (Prophetien) bis zu den Tagen von Moschiach……“ [4]

Zweck unseres Daseins auf dieser Welt und ebenso der Zweck und Sinn der ganzen Weltschöpfung ist die Tora und Mizwot. „Daher sollte“, wie Raschi zu Beginn des Sefer Bereschit bemerkt, „die Tora eigentlich gleich mit der ersten Mizwa beginnen“ [5]. Wurde es dennoch für wichtig befunden, die Tora mit der Erzählung der Erstehung unseres Volkes und deren Reise nach Mizrajim zu beginnen, so ist all dies nur eine Einleitung und Vorbereitung zum eigentlichen Ziel – zu „Matan Tora“. Alle Prüfungen und gewaltige Leistungen unserer „Awot haKedoschim“ (heilige Väter) waren Vorbereitungen zur Entstehung des ‚Klall Jisrael‘, um ihnen den späteren Empfang der Tora und der Ausführung der Mizwot im Lauf aller kommenden schweren „Galujot“ (Exile) zu ermöglichen – „Ma’asseh Awot Siman leBanim“, die Taten der Väter sind ein Zeichen für die Söhne [6].

Das sehen wir auch von der Art und Weise wie Jakov seine Ankunft in Mizrajim vorbereitete, in dem er Jehuda vorausschickte, um ein ‚Bet haMidrasch‘ in Goschen zu errichten [7]. Wenn Jakov mit seiner Familie ankommt, soll bereits ein ‚Makom Tora‘, ein Ort der Lehre und geistiger Entwicklung, für sie bereit sein. Auch während der Zeit ihrer Versklavung in Mizrajim lernte der ‚Schewet Levi‘ Tora und wurde von seinen Brüdern ernährt [8]. Die Tora blieb der Leitfaden und das eigentliche Ziel in ihrem Exil.

In diesem Sinn dürften wohl auch die 17 Ruhejahre von Jakov in Mizrajim verstanden werden. Bisher durfte er nicht seine Ruhe geniessen, denn er hatte mit seinen Prüfungen wichtige Vorbereitungen für die Zukunft und die Existenz des Klall Jisraels zu leisten. Der Zweck der letzten Jahre war es dann, die Tora in Mizrajim zu festigen, so dass diese dort auch während dem ganzen ‚Galut Mizrajim‘ bestand hatte.

Denn sie war ja das eigentliche Ziel des Galut und der vielen Vorbereitungsjahren der ‚Awot haKedoschim‘, folglich durfte sie nie mehr vom Klall Jisrael weichen. Jakov schloss mit diesen Ruhejahren, wie Raw Hirsch erklärte, seine eigentlichen grossen Leistungen ab, sie waren aber nicht die wichtigsten seines Lebens, nur eine Folge und Ergänzung der früheren. Und deshalb folgt diese Parscha unterbruchlos an der vorangehende Parscha, weil diese die Fortsetzung der früheren Parschijot und dessen Endprodukt ist.

 
Quellennachweis:

  • [1] Midrasch haGadol Anfang P. Wajechi und Seder Elijahu Rabba Kap. 5
  • [2] Raschi Bereschit 37,2 gemäss Midrasch Bereschit Rabba 84,3
  • [3] Raschi 48,28 gemäss Sifse Chachamim und Perusch Mahasa“w zu Midrasch Bereschit Rabba 96a
  • [4] Sefer Zeror haMor
  • [5] Raschi zu Bereschit 1,1 gemäss Jalkut Schim’oni P. Bo 187
  • [6] Midrasch Tanchuma Parschat Lech 9 und ausführlich Ramban 12,6
  • [7] Raschi zu Bereschit 46,28 gemäss Midrasch Bereschit Rabba 95,3
  • [8] Siehe Raschi und Chiskuni zu Schmot 5,4