Der Din-Tora zwischen Josef und seine Brüder – ein Präzedenzfall

Raw Chaim Grünfeld.

Es ist unbestreitbar, dass die Brüder von Josef heilige Menschen und Zadikim waren. Nicht umsonst werden sie im Sefer Tehilim (122,4) „שִׁבְטֵי יָ-ה“ genannt. Jede ihrer Taten war  genau berechnet und begründet. Wer sich in den zahlreichen Erklärungen der Meforschim umsieht, findet viele Erklärungen für ihr Verhalten gegenüber Josef haZadik, den sie in Form eines ‚Bet-Din‘ als „Rodef uMosser“ (Verfolger und Denunziant) zum Tod verurteilt hatten [1]. Aus den Worten von Chasal geht auch eindeutig hervor, dass sich Josef durch sein „Laschon haRa“ über seine Brüder versündigt hatte und daher seine Strafen erdulden musste [2].

Dennoch befanden sich die Brüder in einem grossen Irrtum und hatten darunter später viel zu leiden. Aber  nicht nur die Brüder selbst mussten dafür leiden, sondern auch ihre Nachkommen, die nächsten Generationen. Wie vom Arisal zitiert wird, war das „Galut Mizrajim“ eine Sühne für die Sünde von „Mechirat  Josef“ [3]. Da fragen wir uns: Wenn die Brüder aufgrund ihrer sicherlich reinen ‚Haschkafa‘ (Weltanschauung) und ihrer klaren Kenntnis der Tora und Halacha das Urteil dem Din-Tora entsprechend als „schuldig“ fällten, worin bestand dann ihre Schuld? Wie konnte es möglich sein, dass sich dieses Bet-Din irrte? Es heisst doch im Passuk (Tehilim 82,1): „Elokim nizaw beAdat Kel – G‘tt ist bei jedem Gericht gegenwärtig“ und verhindert falsche Urteile!

Es scheint, dass sich die Brüder in einer Zwickmühle befanden. Bekanntlich dürfen Personen, die ein privates Interesse oder verwandtschaftliche Beziehungen mit den vor Gericht stehenden Personen haben, nicht als „Dajanim“ fungieren [4]. Damit wäre die ganze Familie Josefs ungeeignet gewesen. Niemand hätte ihn richten können, da es ja noch keine andere Jehudim als die Söhne Jakovs gab. Sie betrachteten diesen Fall daher als „Hora’at Scha’ah“, als Ausnahmefall, wie solche gelegentlich in der ‚Tora und Gemara‘ anzutreffen sind. In einem solchen Fall kann das Bet-Din verschiedene Strafen verhängen, die es für angemessen hält. Da es sich jedoch um einen präzedenzlosen Fall handelte und sie bisher kein Vorbild für solche Ausnahmeurteile aus früheren Zeiten kannten, hätten sie unbedingt den Rat und die Entscheidung des ‚Gadol haDor‘ einholen müssen – in diesem Fall von Jakov Awinu! Aus verständlichen Gründen wurde dies unterlassen, da sie ihm ja die Vaterliebe vorwarfen, die ein unparteiisches Urteil über ihre Klagen beeinflusst hätte.

So verstehen wir auch, weshalb die Brüder das eigentliche Todesurteil gegen Josef nicht ausführten, sondern ihn später in die Schlangengrube warfen und danach lebendig verkauften. Nachdem es sich hier nicht um eine reguläre Todesstrafe des Bet-Din handelte, sondern um eine Bestrafung in Form einer „Hora’at Scha’ah“, waren sich die Brüder nicht einig, welche Strafe Josef erhalten sollte. Während die einen auf Tod plädierten, erklärte Re’uwen, es sei unnötig Josef zu töten, es genüge, wenn man ihn in die Grube werfe. Da sich aber Josef dort ebenfalls in Lebensgefahr befand, schlug Jehuda nachher vor, dass sie ihn als Knecht verkaufen sollten.

Jedenfalls hatten alle Brüder einstimmig in Josefs Bestrafung eingewilligt, ohne Jakov, den ‚Gadol haDor‘ zu befragen. Um dieses unrechte Verhalten der Brüder zu korrigieren und um sicherzustellen, dass sich eine solche Handlungsweise nicht mehr wiederholen würde, mussten alle ihre Nachkommen ins ‚Galut Mizrajim‘ – ebenfalls als Knechte versklavt. Hier wurde ihnen am eigenen Leib die Konsequenzen ihres Verhaltens vorgeführt. Auf diesen Weise lernten sie das richtige Verhalten, nämlich sich nur an die Entscheidungen der Manhige haDor zu halten. Sie mussten in Mizrajim bleiben, bis der nächste ‚Gadol haDor‘ – Mosche Rabenu – sie zum  Auszug aufforderte.

Es ist bemerkenswert, das ausgerechnet die „Bne Efrajim“, die Nachkommen von Josef, hier den gleichen Fehler wie die anderen Brüder begingen und bei ihrem frühzeitigen Auszug aus Mizrajim nicht das Einverständnis der Ältesten einholten. Da aber der Stammvater ‚Efrajim‘ nichts mit der Sünde der Brüder Josefs gemeinsam hatte, verstanden seine Nachkommen auch nicht den wahren Grund ihres Exils. Sie bezahlten ihre Unwissenheit mit dem Leben, als sie alle von den ‚Plischtim‘, auf dem Weg nach ‚Erez Jisrael‘, getötet wurden! [5] Nur diejenigen, die sich auf Mosches Führung verliessen, verdienten den Auszug aus dem ‚Galut Mizrajim‘. Nur sie hatten für die alte Sünde gesühnt und konnten jetzt den Kern des jüdischen Volkes bilden. Denn auch die Existenz des Klall Jisrael im Exil basiert auf der Akzeptanz und Wertschätzung der jeweiligen ‚Gedole und Manhige haDor‘.

 
Quellennachweis:

  • [1] Chatam Sofer 37,18 u.a.
  • [2] Raschi 37, 2 gemäss Midrasch Bereschit Rabba 84,7
  • [3] Sohar Hakadosch 2Bd./S.276a
  • [4] Schulchan Aruch Jore Dea 7,9
  • [5] Siehe Mechilta Anfang P. Beschalach, Midrasch Schmot Rabba 20,10, Sanhedrin 92b und Pirke deRabbi Elieser Kap.48