Unser Benehmen im Galut

Raw Chaim Grünfeld.

„Wajeze Jakov miBe’er Schewa wajelech Charana, wajifga baMakom wajalen scham... – Jakov zog aus Be’er Schewa und begab sich nach Charan. Er kam an den Ort und übernachtete dort…” (28,10-11)

Raschi bemerkt, dass die Tora den Auszug von Jakov Awinu aus Be’er Schewa hier ein zweites Mal erwähnt. Der Grund dafür kann so erklärt werden: In den ‚Sefarim haKedoschim‘ wird gebracht, dass Jakovs Wanderung das spätere Galut seiner Nachkommen, der Bne Jisrael, andeutet [1]. Nachdem Jakov Awinu aus der Heimat vertrieben worden war, musste er eine Reise ins Ungewisse antreten und war ständig in Gefahr, von Feinden (Esaw und Lawan) belästigt oder gar getötet zu werden oder seines Vermögens beraubt zu werden (Elifas). So sollte es auch seinen Nachkommen ergehen, denn „Ma’ase Awot Siman  leBanim”, die Taten der Väter sind ein Zeichen für die Söhne [2]. Diese Regel hat nicht den Sinn, eine passende Vorgeschichte im   Leben der ‚Awot haKedoschim‘ (die heiligen Väter) zu finden und daraus eine Parallele zu geschichtlichen Ereignissen des Klall Jisrael zu ziehen. Gemeint ist eher ein „Siman“, ein Zeichen, wie bei einem verloren gegangenen Gegenstand, der durch einen Siman wieder erkannt und seinem Besitzer zurückgegeben werden kann.

Das Leben der Awot haKedoschim ist ein lebendiger Siman, der als konkrete Hilfe in der Not zur Verfügung steht, wenn sich der Klall Jisrael in einer ähnlichen Lage und Situation befindet. Aus  dem Verhalten und Vorgehen unserer Väter und Mütter kann gelernt werden, wie man seine eigene Nöte durchstehen und überwinden kann.

Es ist daher unsere Pflicht, aus den Taten von ‚Jakov Awinu‘ zu lernen, wie er sein privates „Galut“ (Exil) meisterte und all die ihm Gefahren überstand, die ihm widerfuhren. So lernen wir, wie wir uns in unserem jetzigen Galut benehmen sollen [3]. Nicht umsonst erhielt Jakov Awinu nach seiner Rückkehr von Lawan den Namen „Jisrael“, weil er, der seine schwere Lage perfekt gemeistert hatte, künftig als wahres Vorbild des Klall Jisrael gelten konnte.

Jakovs Reise nach Charan war somit eine zweifache und hatte einen Doppeleffekt: der Beginn seines eigenen Exils, und der Beginn des zukünftigen Exils seiner Nachkommen, die Reise des Klall Jisrael durch seine – Jakows – eigene Geschichte!

Die erste Reaktion von Jakov auf die Erfordernisse der  bevorstehenden Reise war, sich mit genügendem geistigem „Reiseproviant“ einzudecken, um für jegliche physische Belastung und seelische Bedrohung gewappnet zu sein. Seine sofortige Massnahme bestand darin, sich hinter den Wänden des Bet haMidrasch von „Schem und Ewer“ zu verschanzen, wo er 14 Jahre lang ohne Unterbruch Tora lernte [4].

Jakov Awinu begann sein Exil damit, dass er sich zuerst um sein  geistiges Niveau kümmerte und dieses zu verbessern und erweitern suchte. Er fühlte, dass er den Schwierigkeiten und  Tücken des Lebens noch nicht gewachsen war. Mit der Kraft der Tora hingegen, lassen sich jegliche Probleme, ob geistige Schwächen oder materielle Anliegen besser meistem. Man sieht  die Dinge aus einer anderen Perspektive und findet so leichter eine Lösung.

Die zweite Massnahme war die ‚Tefila‘: „Wajifga baMakom er erreichte den Ort“ – den Berg Morija und dawente an dieser heiligen Stätte zu G’tt. Chasal betonen, dass es sich dabei nicht um eine einfache Tefila handelte [5]. Vielmehr verrichtete er hier ein neues, noch nie da gewesenes Gebet – die „Tefilat Ma’ariw“.

So müsste eigentlich jeder den Inhalt seiner Gebete zu Hkb“H den Unständen entsprechend anpassen und manchmal neue, noch nie gehörte Tefilot verrichten und zum Himmel aufsteigen lassen. Leider besitzen wir heute nicht mehr die Kraft und das nötige Verständnis dazu. Deshalb bitten wir auch vor Beginn der Tefila (Amida): „Haschem, Sefatai tiftach uFi jagid Tehilatecha G‘tt, öffne meine Lippen, damit mein Mund Dein Lob preisen   kann“.

Die „Ansche Knesset haGedola“ haben vorgesorgt und für uns einen passenden „Nussach“ (Text) verfasst. Die Andacht hingegen, die „Kawana“, mit der wir diese vorgeschriebenen Gebete aussprechen, liegt ganz bei uns. Wir können immer wieder neue, hingebungsvolle und ergreifende Gedanken in die Tefila einfügen und so jede Tefila auf eine andere Art verinnerlichen. So wird unser Dawenen nicht zu einem eingefahrenen und monotonem Gemurmel, sondern zu einer den Menschen immer wieder erfrischenden Erfahrung und geistiger Belebung!

Der Mensch tritt dabei aus seinen täglichen profanen Tätigkeiten und Gedanken in eine andere weite Welt ein, die seine Seele weit über die weltlichen Anliegen und Bedürfnisse erhebt. Er verbindet sich mit G’tt und kann danach auch seine Anliegen auf dieser Welt mit anderen Augen betrachten und leichter lösen.

Die dritte Massnahme war: „Wajalen scham – er schlief dort“. Wie Chasal sagen, hatte dies Jakov Awinu seit langer Zeit nicht mehr getan [6]. Denn während des 14-jährigen Toralernen beim „Schem und Ewer“ hatte er sich diesen Luxus nicht gestattet!

Manchmal lösen sich Konflikte und verzwickte Situationen von selbst, wenn man sie eine Weile ruhen lässt. Es gilt, die Dinge sozusagen „zu überschlafen“, d.h. nicht voreilig zu handeln, sondern die Angelegenheit vor der Tat ein zweites Mal zu überdenken. So vertagte auch Mosche Rabenu bei seiner Konfrontation mit Korach und seiner Gemeinschaft die Entscheidung auf den nächsten Tag [7].

Deshalb sagen wir in der Tefilat Ma’ariw: „Haschkiwenu leSchalom… weTaknenu be’Ezah Towa milfanecha… – Lass uns  zum Frieden niederlegen… und statte uns mit gutem Ratschlag  vor Dir aus“, das von Raw Hirsch sZI. so kommentiert wird: „Die Ruhe der Nacht ist ganz geeignet, sich zu sammeln und die besten Lebensvorsätze zu fassen. Die völlige Entspannung, die  der Schlaf mit sich bringt, stattet den Geist mit neuer Frische aus, um die Dinge mit klarem Blick anzuschauen und ein richtigeres Urteil über sie zu gewinnen. Daher die Bitte, G’tt möge uns beistehen, dass uns die Nacht zur Gewinnung guten Rates und Vorsatzes gereichen möge“.

In den Sefarim haKedoschim wird dies auch so erklärt, dass der Mensch jeden Abend vor dem Schlafengehen einen „Cheschbon haNefesch“ abhalten soll, wobei er sich selber Rechenschaft von all seinem Tun und Handeln während des vergangenen Tages ablegt. Dies bringt den Menschen oft zur Einsicht und Teschuwa, der Korrektur des eigenen Verhaltens oder zum besseren Verständnis des Verhaltens eines anderen. Dadurch werden viele Unstimmigkeiten und Probleme gelöst.

Somit lernen wir von Jakov drei wichtige Massnahmen die wir in unserem Galut ständig ergreifen sollen, um sich wie er, vor physischen und geistigen Feinden und Störungen zu schützen: a) „Kewi’ut itim laTora“, die Bestimmung fester Zeiten zum Toralernen und deren ungestörte Verwirklichung, so wie Jakov Awinu ohne Schlaf und Ablenkung Tora lernte. b) „Tefila“, die Investition in der ‚Kawana‘ bei seinen Gebeten, so wie Jakov eine gänzlich neue Tefila zum Himmel aufsteigen zu lassen. c) „Cheschbon haNefesch“, sich immer wieder Zeit zum Nachdenken nehmen, um seine Taten und Ziele zu überdenken, insbesondere vor wichtigen Entscheidungen, die eventuell das ganze Leben verändern könnten.

 
Quellennachweis:

  • [1] Ramban Parschat Wajischlach 33,15 u.a.
  • [2] Midrasch Tanchuma Parschat Lech 9 und ausführlich Ramban 12,6
  • [3] Ramban Anfang Parschat Wajischlach
  • [4] Raschi 28,9 und 28,11 gemäss Megila 17a
  • [5] Raschi 28,11 gemäss Berachot 26b und Midrasch Bereschit Rabba 68,9
  • [6] Raschi gemäss Midrasch Bereschit Rabba 68,10
  • [7] Siehe Bamidbar 16,4/7 und 16