Aussergewöhnliche Begegnung zweier Heiligen, und was wir daraus lernen.

Raw Chaim Grünfeld.

„Wajessor Josef Merkawto… wajera elav, wajipol al Zawarav, wajewk al Zawarav od – Josef spannte seinen Wagen an, und fuhr hinauf seinem Vater Jisrael nach Goschen entgegen. Als er ihn sah, fiel er ihm um den Hals und weinte an seinem Hals noch [lange]“(46,29).

Josef spannte seinen Wagen selber ein, er konnte sich nicht mehr gedulden. 22 Jahre lang hatte er auf diesen Augenblick gewartet; er wollte sich in die Arme seines Vaters werfen und wieder mit ihm vereint sein. Also fuhr er Jakov entgegen und sobald er ihn erblickte, fiel er ihm um den Hals und weinte lange an seinem Hals. So schildert die Tora das freudige Wiedersehen zwischen Jakov und Josef. Raschi erklärt, weshalb Jakov seinen geliebten Sohn Josef nicht küsste, denn gemäss der Meinung von Chasal sagte Jakov gerade das „Schema“. Weshalb aber küsste Josef ihn nicht, sondern weinte nur „lange“? Dafür gibt Raschi keinen Grund an.

An einer anderen Stelle jedoch beantworten Chasal beide Fragen auf die folgende Weise: „Unterwerfe deinen Willen und den deines Freundes dem Willen G‘ttes! Denn so sehen wir es bei Jakov Awinu, der seinen Sohn Josef nicht küssen wollte. Er dachte, dass Josef in Mizrajim, seiner Schönheit wegen, sicher von Frauen bedrängt worden war. Deshalb liess er auch sich nicht von Josef küssen. Erst als Jakov niftar wurde, berichtet die Tora, wie ihn Josef küsste (50,1). Er sagte sich: 39 Jahre lang warte ich auf diese Gelegenheit, und jetzt soll er begraben werden, ohne das ich ihn geküsst habe?“ [1]

Wie lehrreich doch die Taten unserer Vorfahren sind, und wieviel Heiligkeit und Reinheit jeder ihrer Worte und jede ihrer Entscheidungen bergen! Selbst in solchen Situationen, in denen gewöhnliche Menschen, von ihren Gefühlen und Regungen überwältigt werden, verstanden unsere „Awot haKedoschim“, diese im Zaum zu halten, falls sie auch nur in entferntester Weise, dem Willen G‘ttes widerprachen!

Sicher war auch Jakov sich bewusst, dass Josef sich in Mizrajim mit wahrem „Messirut Nefesch“ grosse Heiligkeit erworben hatte, sagte er doch gleich bei der ersten Begegnung (46,30): „Nunmehr bin ich zu sterben bereit, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe, dass du noch lebst“. Hätte Josef in Mizrajim gesündigt, wäre dies wohl kaum Grund zur Freude und Genugtuung für Jakov Awinu gewesen. Dieser wähnte sich nähmlich, wie Raw S.R. Hirsch sZl. diese Sterbensbereitschaft kommentiert, auf dem Gipfel des möglichen Glücks. Er konnte nicht mehr glücklicher gemacht werden und wollte daher auf diesem Gipfel der Seligkeit enden!

Jakov fühlte sich glücklich, weil – „auf deinem Angesicht erkennbar ist, dass du noch lebst“ – weil Josef nichts von all der Keduscha verloren hatte, die ihm Jakov gelehrt hatte. Vielmehr hatte er die ‚Awodat haKodesch‘ seiner Väter fortgesetzt und sich selber eine gewaltige Madrega erworben, so dass er fortan „Josef haZadik“ genannt wird [2].

Dennoch befürchtete Jakov, dass Josef selbst wenn er nicht gesündigt hatte, seiner Schönheit wegen von mizrischen Frauen berührt worden war. Gemäss den Bemühungen von Zadikim, die sich selbst vom Erlaubten mit „100 Toren des Prischut – der Absonderung und Enthaltsamkeit“ entfernen [3], wollte Jakov in keiner Weise, selbst indirekt, mit der Unreinheit Mizrajims in Kontakt kommen. Die Furcht vor einem geistigen Schaden, vor einer Beeinflussung war zu gross! Also musste er seine aufwallenden Gefühle seinem geliebten Sohn gegenüber, wie auch die Gefühle von Josef ihm gegenüber, unter Kontrolle  behalten und er vermied die engste aller körperlicher Berührungen. Solange Jakov lebte, musste sich Josef wohl oder übel dem Willen seines Vaters beugen. Erst nach Jakovs Ableben, als diesem eine solche Berührung nicht mehr schaden konnte, küsste er ihn.

Unklar ist jedoch, weshalb Jakov nicht einfach den Josef fragte, ob überhaupt eine solche Berührung stattgefunden hatte. Warum mussten beide so viele Jahre ihre gegenseitigen Gefühle mit Gewalt zurückhalten, statt die Sache ein für allemal zu klären?

Die Gemara berichtet vom heiligen Amora Raw Acha, der bei einer Chatuna die Kalah auf seine Schultern setzte und mit ihr tanzte. Die anwesenden Rabbanan wies er an: „Falls sie euch einem hölzernen Balken gleicht und ihr ganz sicher seid zu keine unerlaubten Gedanken (Hirhurim Ra‘im) zu gelangen, so ist dies euch ebenfalls erlaubt, aber sonst nicht!“ [4]

Jakov Awinu erkannte bei Josef, dass er bereits eine solche Heiligkeit erreicht hatte und selbst wenn ihn Frauen berührten, er dies nicht gespürt hätte. Wie hätte er ihm dann seine Frage beantworten können?!

Somit ist der im Passuk verwendete Wortlaut „Wajera Elaw“ verständlich. Die Meforschim (Kommentatoren) übersetzen dies zwar mit „als Josef den Jakov sah“, hierfür hätte der Passuk aber „Wajar osso – er sah ihn“ schreiben müssen, und nicht das klassische „Wajera – er ist ihm erschienen“. Die Tora berichtet aber, dass Jakov, als er Josef erblickte, sogleich die Heiligkeit seines Sohnes „offenbart“ wurde. Und diese Madrega beeindruckte Jakov dermassen, dass er sogleich das „Schema“ sagte. Er wollte diese ihn überkommende „Hit‘orerut“ (geistige Erweckung) sofort in der „Kabbalat Ol Malchut Schamajim“ (Empfängnis des himmlischen Joch) verwenden, um ebenfalls bereits zu sein, Haschem auf solcher Weise wie Josef haZadik zu dienen!

 
Quellennachweis:

  • [1] Massechet Kalah Rabbati 3
  • [2] Siehe Sohar Chadasch Bd1/S.45a und 196b
  • [3] Siehe Pele Joez unter „Achila“ und „Sehirut“
  • [4] Ketuwot 17a