Der Zusammenhang der Korbanot mit ‚Adam haRischon‘

Raw Chaim Grünfeld.

„Adam ki jakriv mikem Korban laSchem – Ein Mensch, der von euch ein Korban für Haschem darbringen will“ (Wajikra 1,2)

Raschi wundert sich, weshalb hier die unübliche Anredeform „Adam – ein Mensch“ angewendet wird und nicht wie üblich „Isch – eine Person“. Er erklärt, dass sich der Passuk auf „Adam haRischon“ bezieht und uns damit Folgendes sagen möchte: „So wie Adam, als er ein Korban darbringen wollte, dieses von seinem eigenen Besitz nahm, da ihm damals die ganze Welt gehörte, so muss jeder darauf achten, ein Korban nur vom eigenen Besitz zu bringen und nicht von etwas Gestohlenem“.

Der „Schloh haKadosch“ [1] wundert sich über diesen Vergleich. Da Adam haRischon, als erstem Mensch auf der Erde die ganze Welt gehörte, war es ihm ja überhaupt nicht möglich ein Tier zu stehlen. Wie können wir dann in dieser Sache Adam haRischon als Vorbild nehmen?

Der „Zeror haMor“ [2] erklärt auf ausführliche Weise, dass das Sefer Wajikra eine Fortsetzung, respektive eine Wiederholung des Sefer Bereschit ist. Wie uns Chasal überliefern, liess Haschem, nachdem Er die Welt in sieben Tage erschaffen hatte, Seine Schechina auf ihr ruhen. Doch sie wurde durch die Sünden der Menschen von der Welt vertrieben. Dies begann mit dem Vergehen von Adam haRischon und setzte sich mit jeder weiteren sündigen Generation wie das ‚Dor Enosch‘ und das ‚Dor haMabul‘ fort, bis die g’ttliche Schechina von Himmel zu Himmel wieder an ihren ursprünglichen Ort zum ‚Kiseh haKawod‘ (g’ttlichen Thron) zurückkehrte. Durch sieben Zadikim, die später auf der Welt lebten, die drei Awot haKedoschim, sowie Kehos, Amram, Levi und Mosche Rabenu kam sie wieder vom Himmel bis zur Erde hinab [3].

Dies geschah am Tag von ‚Matan Tora‘. An diesem Tag erreichte die Welt beinahe wieder die selbe geistige Stufe, auf der sie sich nach der Schöpfung befunden hatte. Doch es war noch nicht ganz so weit, denn der Aufenthalt der Schechina war nur ein zeitweiliger. Zuerst musste noch ein auf Dauer geschaffener Ruheort errichtet werden. Bevor sich aber der Klall Jisrael an die Lösung dieses Problems machen konnte, geschah die Sünde des ‚Egel haSahaw‘. Damit erübrigten sich alle Anstrengungen, da die erst kürzlich erworbene geistige Stufe wieder verloren ging. So verzögerte sich die Rückkehr der Schechina auf die Erde erneut.

Mit dem  Bau des ‚Mischkan‘ jedoch, vergab Hkb“H den Bne Jisrael diese Sünde, Endlich war der Moment gekommen, in dem Er seine Schechina im Mischkan ruhen lassen konnte. Am „Rosch Chodesch Nissan 2449“ war der langersehnte Tag gekommen, an dem das Mischkan zum ersten Mal aufgebaut wurde und man Korbanot darbrachte. Es war ein ganz besonderer Tag, den Chasal mit dem Tag der Welterschaffung vergleichen [4], denn jetzt hatte die Welt wieder die selbe Stufe wie damals erreicht.

2450 Jahre hatte dies gedauert! Erst jetzt war die Sünde von ‚Adam haRischon‘ korrigiert und gesühnt worden, und Adam, der den Rückzug der Schechina von der Erde verursacht hatte, konnte sich wieder beruhigen. Diesen Überlegungen zu Folge, hatte das Korban, das Adam nach seiner Verfehlung dargebracht hatte, bisher noch keine vollständige Wirkung erzielt. Die Kappara (Sühne), die durch die Opferung des Korban erreicht werden sollte, kam erst jetzt zur Geltung. Deshalb beginnt das Sefer Wajikra und die Parascha der Korbanot mit „Adam ki jakriw“, es war als ob ‚Adam haRischon‘ jetzt sein Korban darbrachte und ihm so seine Sünde verziehen wurde.

Um diese Ausführung des „Zeror haMor“ besser zu verstehen und eine tiefere Erkenntnis in Adams Sünde und die durch das Mischkan erlangte Sühne zu gewinnen, müssen wir uns mit folgendem Ausspruch von Chasal befassen, der auf einen Widerspruch in den Psukim aufmerksam macht:

An einer Stelle heisst es (Tehilim 24,1): „laSchem ha’Aretz umelo‘ah – Haschem gehört die Erde und ihre Fülle“, an anderer Stelle steht (ibid. 115,16): „haSchamajim Schamajim laSchem weha’Aretz natan liBne Adam – Der Himmel ist für Haschem und die Erde gab Er den Menschen“. Sie antworten darauf, dass sich der erste Passuk auf jemanden bezieht, der etwas von dieser Welt geniessen möchte und noch keine „Beracha“ gesagt hat, während sich der zweite Passuk auf Personen bezieht, die bereits eine Beracha gesagt haben und daher von den Produkten der Welt geniessen dürfen. Denn der Genuss einer Sache, ohne zuvor eine „Beracha“ gesagt zu haben, ist wie ein Raub, den man an der Menschheit begeht! [5]

Als Adam haRischon vom Ez haDa’at (Baum der Erkenntnis) ass, tat er dabei etwas Verbotenes. Er bestahl damit die gesamte Menschheit, auch wenn er damals der alleinige Besitzer der Erde war. Die Erde war nämlich von Hkb“H als Geschenk für die ganze zukünftigen Menschheit gegeben worden, aber erst nach dem Sagen einer „Beracha“. Nur wer die Erschaffung der Welt durch Haschem anerkennt und Seine immerwährende „Haschgacha“ akzeptiert, darf von der Welt Gebrauch machen. Mit dem Sagen der Beracha – „Elokenu Melech ha’Olam“ – bezeugt der Mensch seinen Glauben, dass Himmel und Erde G‘tt gehören und von Ihm erschaffen wurden, dass Er aber die Benutzung der Produkte der Erde dem Menschen gestattet hat.

Adam haRischon verursachte mit seiner Sünde, dass die Schechina von der Erde wich. Das Essen der verbotenen Frucht zeigte einen Mangel an der Anerkennung der Welterschaffung durch G‘tt. Als Adam dann sein Korban zur Sühne darbrachte, hatte er seinen Fehler erkannt. Er wollte mit dem Korban – das erste der Geschichte – beweisen, dass er nun akzeptiert, dass die ganze Erde in ihrer Fülle von G‘tt geschaffen und nur nach Seinem Willen benutzt werden darf. Doch genügte diese Erkenntnis jetzt nicht mehr, weil durch seine Sünde bereits die Kraft der Ketzerei und des Götzendiensten erschaffen wurde, welche die späteren Generationen dazu brachte, die g‘ttliche Welterschaffung und ständige „Haschgacha Eljona“ (g’ttliche Vorsehung) zu leugnen. Somit ist verständlich, weshalb Chasal den Adam haRischon bevor er Teschuwa machte, als einen „Ketzer und Abtrünningen“ bezeichnen [6], obwohl er doch „nur“ eine verbotene Frucht gegessen hatte!

Erst mit dem Bau des Mischkan und dem erstmaligen Darbringen der Korbanot durch den Klall Jisrael, mit denen ihnen Hkb“H die Sünde des Götzendienstes vergab, wurde auch die Sünde von Adam haRischon gesühnt. Mit der Bereitstellung eines Ruheortes für die G’ttliche Schechina und der Opferung der Korbanot bezeugten die Bne Jisrael ihren Glauben an die ständige Kontrolle und Überwachung der Erde durch Haschem.

Daher sagt Raschi, dass man Korbanot nicht von gestohlenem Gut darbringen soll, so wie Adam haRischon sein Korban nicht von Gestohlenem darbrachte. Wir fragen uns, was Adam denn überhaupt stehlen konnte. Alles auf der Welt gehörte doch ihm? Doch durch den Genuss der verbotenen Frucht beging er einen „Diebstahl“, wie jemand der ohne „Beracha“ – also unerlaubt – etwas von dieser Welt geniesst. Dennoch berichtigte Adam seinen Fehler mit der Darbringung eines Korbans, wodurch er Haschems rechtmässigen Besitz der Erde bezeugte.

So soll auch jede Person, die ein Korban darbringt oder etwas von dieser Welt geniessen möchte, von Adam haRischon ein Beispiel nehmen, um diesen Fehler nicht zu begehen, in dem man den Sinn der Korbanot und dem Sagen der Berachot richtig versteht – Haschem als Schöpfer, Besitzer und ständiger Führer der Welt zu anerkennen und zu huldigen.

    [1] Rabbi Jeschajahu haLevi Hurwitz sZl. Rabbiner von Frankfurt a.M. (5320-5390/1560-1630)
    [2] Rabbi Avraham Sabba sZl. aus Kastilien (verstorben ca. 5270/1510)
    [3] Midrasch Bereschit Rabba 19,13
    [4] siehe Megila 10b
    [5] Berachot 35a-b
    [6] Sanhedrin 38a