Selbst in einer schlimmen Situation darf man die Kontrolle nicht verlieren

Raw Chaim Grünfeld.

„Wajedaber Haschem el Mosche achare mot schne Bne Aharon… Daber el Aharon Achicha we’al jawo bechol et el haKodesch… – Haschem sprach zu Mosche nach dem Tod der beiden Söhne Aharons… Sprich zu Aharon deinen Bruder, dass er nicht zu jeder Zeit in das Heiligtum komme…“ (Wajikra 16,1-2)

Es ist sehr auffällig, dass die Tora die Parscha der „Awodat Jom haKippurim“ mit der erneuten Erwähnung des tragischen Ablebens der Söhne von Aharon haKohen einleitet. Worin besteht der Zusammenhang dieser beiden Themen?

Raschi zitiert ein Gleichnis aus dem Midrasch, vom Kranken, der einen Arzt besucht, und von diesem vor dem Genuss kalter Speisen und vor dem Schlafen an einem feuchten Ort gewarnt wird. Bei der Konsultion eines zweiten Arztes wird er von diesem mit genau denselben Vorschriften verwarnt, jedoch mit einer zusätzlichen Bemerkung: „Achte auf diese Anweisungen, damit du nicht wie jene Person stirbst!“ Auf welchen Arzt wird der Patient wohl eher hören? Auf letzteren, der ihn eindrücklicher als der erste warnte.

So warnte auch Mosche Rabenu den Aharon haKohen davor, nicht  zu jeder Zeit das Allerheiligste zu betreten, wobei er sich ein Beispiel vom Tod seiner beiden Söhne nehmen sollte. Die Tora gibt hier ein klassisches Beispiel dafür, wie aus Geschehnissen des Alltags eine Lehre für das Leben zu ziehen ist. Der Mensch sage nicht, was haben diese Geschehnisse mit mir zu tun, ich bin doch nicht jene und jene Person!

Raw Jonathan Eibeschütz sZl. macht darauf aufmerksam, dass diese Parscha gleich nach dem Tod der Söhne Aharons gesagt worden ist, wie es heisst: „Achare mot schne Bne Aharon“. Da Aharon an diesem Tag ein „Onen“ war [ein Trauernder bevor der Tote begraben wird], konnte wegen seiner fehlenden Freude die g’ttliche Schechina nicht auf ihm ruhen. Deshalb wurde ihm diese Parscha nicht von Haschem selbst gesagt, sondern durch Mosche Rabenu vermittelt ­ „daber el Aharon Achicha ­ spreche zu Aharon, deinem Bruder“.

Und dennoch, trotz all dieser Umstände, musste Aharon seine Arbeit weiter ausüben; nicht nur die Einweihungs­Korbanot des „Schemini leMilu‘im“ (8. Tag des Einweihungsfestes) und seine sonstigen täglichen Arbeiten verrichten, sondern es wurde ihm ­ als sei nichts geschehen ­ sogleich seine Hauptaufgabe, die „Awodat Jom haKippurim“, die nur durch den „Kohen Gadol“ ausgeführt werden konnte, übergeben! Was war daran so wichtig, dass diese Parscha nicht an einem späteren Tag gesagt werden konnte? Bis zum nächsten Jom Kippur dauerte es immerhin noch ein halbes Jahr. Auch die erwähnte Erklärung des Midrasch genügt hier nicht, denn die Warnung vor einer unnötigen Betretung des „Kodesch Kodschim“ (Allerheiligsten) konnte auch ohne die Parscha der „Awodat Jom haKippurim“ gesagt  werden.

Wir können daraus eine gewaltige Lehre entnehmen: Wie tragisch und störend gewisse Ereignisse auch nur sein mögen, der Mensch darf sich dennoch nicht dadurch von seiner Lebensaufgabe abbringen lassen!

Im Jeruschalmi wird folgende Geschichte berichtet: „Einst begaben sich Rabbi Jochanan und Resch Lakisch zu den „Chame Twerja“, den heissen Quellen in Twerja. Bei ihrem Eintreten trafen sie einen armen Mann, der sie bat, ihm etwas Geld zu spenden. Sie versprachen ihm, sich gleich nach dem Bad um ihn zu kümmern. Als sie aber aus dem Bad traten, fanden sie ihn tot auf der Erde liegend vor. „Nachdem wir nicht den Sechut hatten, sich um ihn während seines Lebens zu kümmern“, sagten sie sich, „werden wir uns wenigstens jetzt, da er tot ist, um ihn kümmern“. Also machten sie sich daran, ihm ein Begräbnis zu verschaffen, und fanden unter seinen Kleidern versteckt einen Sack voller Denaren“ [1].

Der Gerer Rebbe, der ‚Lew Simcha‘ sZI., sah in dieser Geschichte einen gewaltigen Mussar: Wie hätte unsereiner in einem solchen Fall reagiert? Sicher hätte man sich das ganze Leben lang nicht mehr beruhigen können und sich Tag und Nacht Vorwürfe gemacht, am Tod dieses Armen schuldig zu sein. Vielleicht wären wir vor lauter Selbstvorwürfen in einen aphatischen Zustand verfallen. Nicht so die heiligen Amoraim Rabbi Jochanan und Resch Lakisch, die der tragische Tod des Armen ganz gewiss nicht weniger berührte, als er es bei uns der Fall gewesen wäre. Doch als sie den Armen tot am Boden liegen sahen, verstanden sie, dass jetzt nicht der richtige Augenblick war, sich Selbstvorwürfe zu machen und die Konzentration auf die Lebensaufgabe zu vergessen. Deshalb  entschieden sie zuerst, was mit dem Toten geschehen musste, denn dies hatte Vorrang ­ ihre eigenen Probleme konnten auch später behandelt werden. Und gerade deshalb, weil sie selbst in einer solchen Situation den Kopf nicht verloren und nach dem Weg der Tora handelten, fanden sie die Geldbörse des Armen, die ihre völlige Unschuld an seinem Tod bewies. Dies zeigt, dass der Mensch nie aufgeben darf, auch wenn er gestrauchelt ist. Selbstverständlich muss er seine Lehren daraus ziehen, aber er muss auch seinen Weg fortsetzen. So wie Aharon haKohen seine Aufgabe und Pflichten fortsetzen und seine private Trauer auf später verschieben musste.

Um Aharon diesen Punkt näher zu bringen, wurde ihm gerade jetzt die Parscha von Jom Kippur mitgeteilt – seine Hauptaufgabe als „Kohen Gadol“. Damit wurde auch der ganze Klall belehrt: Am Jom Kippur betrachtet sich jeder Jehudi und muss sich wieder einmal sein Fehlverhalten eingestehen. Daraus müssen die richtigen Schlüsse und Lehren gezogen werden. Aber auf keinen Fall darf man in Selbsthass und Verzweiflung verfallen und sich aufgeben. Hkb“H, der Ba‘al haRachamim, gibt uns eine weitere Chance zur Besserung ­ „Ezem Jom haKippurim Mechaper“ (der Tag von Jom Kippur an und für sich sühnt). Und nach Jom Kippur kommt Sukkot ­ „Sman Simchatenu“ – und keine Trauerzeit. Denn wir freuen uns auf die  Möglichkeit, uns trotz unserer begangenen Fehler bessern zu können!

 

Quellennachweis:

  • [1] Jeruschalmi Peah 37a und Midrasch Wajikra Rabba 34,10