Jom Tov Pessach – Zeit des Fragens

Raw Chaim Grünfeld.

Wenn man den Jom Tov von Pessach näher betrachtet, so fällt auf, dass dieser eng mit dem Stellen von Fragen verbunden ist, mehr als alle andere Moadim. Bereits 30 Tage vor Pessach „Scho‘alin weDorschin be’Hilchot haPessach“, wird gefragt und geforscht über die Pflichten des kommenden Feiertag. Obwohl diese Pflicht gemäss manchen Ansichten auch an anderen Moadim angeht, so gilt dies insbesondere für Pessach [1]. Auch der Schabbat vor Pessach – „Schabbat haGadol“ – ist mit der Fragestellung verbunden. Ist es doch ‚Minhag Jisrael‘, dass der Raw der Gemeinde eine ‚Drascha‘ über die Thematik von Pessach hält, worin Fragen gestellt und beantwortet werden.

Der Höhepunkt dieser Fragerei wird am Sederabend erreicht, wo der Hausherr alles Mögliche unternimmt, um die Kinder zur Fragestellung zu bewegen. Und solange man nicht die Kernfrage „Ma Nischtana haLajla haSeh miKol haLejlot“ gestellt hat, kann und wird nicht mit dem eigentlichen Seder fortgefahren, der sich gänzlich um den „Sippur Jeziat Mizrajim“ rankt. Denn diese Erzählung muss in Form eines „Frage und Antwort-System“ erfolgen [2].

Chasal verordneten daher: „Ist sein Sohn klug, so fragt er den Vater, wenn nicht, fragt ihn seine Frau, ansonsten fragt er sich selber. Sogar zwei Talmide Chachamim, die in den ‚Hilchot haPessach‘ bewandert sind, müssen sich gegenseitig fragen“ [3]. Rabbi Chajim Soloveitchik sZl., der Brisker Rav, erklärte diesen Umstand als einen der Unterschiede zwischen der täglichen Mizwa Asse von „Sechirat Jeziat Mizrajim“, der Gedenkens des Auszug aus Mizrajim, und der Mizwa von „Sipur Jeziat Mizrajim“, die nur in der Sedernacht angeht [4].

Wozu aber ist diese Fragerei notwendig? Weil der oft abgelenkte, umherschweifende Geist des Menschen, durch eine Frage geweckt wird, ihn zum Zuhören bewegt und zum Nachdenken bringt [5]. Deshalb leitet der gute Redner seine Worte immer mit einer Frage ein, bevor er dem Publikum seine eigentliche Rede vorträgt. „So wie einem, der keinen echten Appetit verspürt, selbst die besten Speisen nicht munden, kommen auch die besten Antworten nicht richtig an, wenn man davor nicht die Schwere der Frage begriffen hat!“, erklärte Rabbi Jakov Kranz sZl., der berühmte Dubnoer Maggid [6].

Nachdem es sich beim „Sipur Jeziat Mizrajim“ um ein grundlegendes Kernthema der ganzen Tora und Jiddischkeit handelt, die Stärkung unserer Emuna an Hkb“H und Seiner ‚Haschgacha Pratit‘, muss diese ausführlich debbatiert und verinnerlicht werden. Nicht umsonst erinnert die Tora immer wieder an ‚Jeziat Mizrajim‘ und auch wir erwähnen es an vielen Gelegenheiten [7].

Die Wichtigkeit der ständigen „Fragestellung“, um den Sinn seines Daseins auf dieser Welt nachzuforschen und den Ziel des Lebens richtig auszutzen, ist auch aus dem Zugang der sogenannten „Arba Banim“ ersichtlich. An drei Stellen in der Tora wird die Fragerei der Kinder und späteren Generationen erwähnt, und uns – die ältere und wissende Generation, die Erzieher und geistigen Führer – darauf aufmerksam gemacht, wie wir auf diese Fragen zu reagieren haben. Sie betont damit, wie wichtig es ist, uns mit den Fragen der Kindern und Unwissenden auseinanderzusetzen, und sie nicht einfach mit irgendwelche Sprüchen abservieren, wie z.B. „wenn ihr älter werdet, dann werdet ihr es schon von alleine verstehen“ etc., oder chalila gar ignorieren dürfen. Dies können und dürfen wir uns gar nicht leisten, denn die ruchanius‘dige Zukunft unseres Volkes liegt genau in dieser Fragestellung! Sie sind der richtige Zugang und der einzige Schlüssel zur Erkenntnis der einzigen Wahrheit. Sie müssen unbedingt gestellt und danach beantwortet werden!

„ki Jisch‘alcha Bincha… ma haEdut wehaChukim – wenn dein Sohn dich fragen wird, was sind die Mizwot und die Gesetze die euch G’tt befohlen hat“ (Dewarim 6,20). „wehaja ki Jisch‘alcha Bincha ma Sot – wenn dein Sohn dich fragen wird, was bedeutet dies?“ (Schmot 13,14) Dies sind die willkommenen Fragen des „Chacham und des Tam“, des klugen und des einfachen Kindes.

An einer dritten Stelle steht (13,7): „Wehigadeta leBincha – du sollst deinem Sohn erzählen“. Hier ist Rede vom „Sche’eno jodea Lisch’ol“, der noch nicht zu fragen weiss. Dieses Kind nimmt zwar die Erscheinungem im Leben und in der Natur wahr und beobachtet alles, denkt aber nicht weiter über deren Ursachen und Zweck nach. Deshalb verlangt er auch keine Erklärung. Bei einem solchen Menschen muss die Anregung von uns aus gehen; wir haben die Pflicht, ihn zum Nachdenken und zu selbsttätiger Betrachtung anzuleiten, und ihn eine angemessene Belehrung zu erteilen [8].

An einer vierten Stelle hingegen heisst es (12,25): „wehaja ki jomru alechem Bnechem ma ho’Awoda haSot lachem – es werden zu euch sprechen eure Söhne, was soll euch dieser Dienst?“ Dies sind die Worte des „Rascha“, des Ungläubigen, der – „hozi azmo min haKelall“ – sich aus der Gesamtheit des jüdischen Volkes ausschliesst und – „Kofar be’Ikar“ – die Grundwahrheit verleugnet [9]. Er stellt keine Frage, um den Versuch zu unternehmen, die Wahrheit zu erforschen, Interesse zu bekunden, um mehr zu wissen und besser verstehen zu wollen. Nein, sein von Hohn und Spott triefendes Gelächter, ist lediglich eine Infragestellung und Kritisierung.

„Chacham ma hu omer, Rascha ma hu omer“, jeder Mensch offenbart anhand seiner Frage, das Innere seines Wesens, erklärte Rabbi Jisrael Friedmann sZl., der heilige Rus’ziner Rebbe. „Ma hu“ – das was er ist, „omer“ – spricht er aus [10].

Die Tora verlangt bei jedem der Söhne, dass der Vater und Verantwortliche ihm eine seinem Niveau entsprechende Antwort erteilt. Wer eine Frage stellt, zeigt damit, dass er eine Antwort bekommen möchte. Der Rascha aber, stellt keine Frage, sondern gibt nur seine für ihm feststehende Ansicht wieder. Er bekundet somit, dass er gar nicht an eine Antwort interessiert ist. Deshalb erhält er auch keine Antwort! [11]

Alle Beredsamkeit würde nur an seiner Einbildung mit der er sich panzert abprallen! „Hak’he et Schinav“, diese Zähne, die nur nach Genuss streben und nicht Höheres kennen, mache sie stumpf, nimm ihnen die gefährliche Schärfe. Zeige ihm, dass es nur Unwissenheit und Unkenntnis ist, die ihn zu seinem Abfall geführt hat. „Emor lo ba’awur Seh assa Haschem li beZeti miMizrajim“, zeige ihn, dass er auf der gleichen Stufe steht, wie ein Kind, das noch nicht einmal zu fragen versteht (Sche’eno jodea Lisch’ol). Gib ihm die gleiche Antwort wie diesem, mit dem Unterschied, dass das sich das geistig noch nicht entwickelte Kind, belehren lassen lässt und zum Nachdenken angeleitet wird. Der Rascha aber, gleicht denenigen Jehudim, die in Mizrajim während der ‚Makkat Choschech‘ gestorben sind, weil sie in ihrer eigenen Dunkelheit keine Erleuchtung fanden und für immer beschränkt blieben! [12]

Zu guter Letzt wird die Hagada mit dem Lied „Echad mi Jodea“ abgeschlossen, also wieder mit einem aus „Frage und Antwort“ bestehendes Stück. Jeder am Seder Teilnehmende soll sich diese wichtige Lehre, wie den nachaltigen Ta’am des Afikoman, ins alltägliche Leben mitnehmen: Wer keine Fragen stellt, erhällt auch keine Antwort. Nur wer sucht, der findet!

Pessach Koscher weSameach!

    [1] Psachim 6a, Megila 29b, Sanhedrin 12b, Awoda Sara S. 5b, Bechorot 58a und Schulchan Aruch O“Ch 429,1 und Mischna Berura §1

    [2] Pesachim 116a und Schu“A 473,7

    [3] Schulchan Aruch haRaw O“Ch 472,31 und 473,14, und Mischna Berura 472,50 und 473,21

    [4] Sefer Emek Beracha

    [5] Sefer Derech Pekudecha (vom Verfasser des Bne Jisachar) Mizwa 51 Chelek haMa’aseh

    [6] Sefer haMidot

    [7] Gemäss Sefer haChinuch Mizwa 21 u.a.

    [8] Hirsch-Haggada §26

    [9] Talmud Jeruschalmi Pesachim 9,4

    [10] Sefer Knesset Jisrael S.19a

    [11] Haggadat „Lel Schimurim“ vom Verfasser des ‚Aruch haSchulchan‘. S.a. ausführlich Seder ha’Aruch Bd2/135,12 im Namen des Wilnaer Gaon.

    [12] Gemäss Hirsch-Haggda S.38-41